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New Work Vernetztes Arbeiten: So haben Sie mehr Zeit fürs Kerngeschäft

Die nächste Stufe der Digitalisierung steht an: Wer seine Prozesse weiter digitalisiert und neue Technologien für sich arbeiten lässt, hat am Ende mehr Zeit für sein Kerngeschäft. Einige Vorreiter im Handwerk zeigen, was heute schon möglich ist.

Topic channels: TS IT-Trends, TS Künstliche Intelligenz, TS Bäcker und Konditoren, TS Metzger und TS Zukunftsperspektiven im Handwerk

In der Albmetzgerei Steinhart läuft es wie am Schnürchen. Vom Hauptstandort im baden-württembergischen Gammertingen aus ist Metzgermeister Bernd Steinhart mit allen 14 Filialen verbunden. In Echtzeit verfolgt er, wo in welchem Zeitraum welche Warenmenge über die Theke geht. „ Auf Knopfdruck wird sichtbar, ob einzelne Filialen zu viel Ware bestellen, was besonders gut läuft oder ob es Qualitätsprobleme mit einzelnen Produkten gibt“, sagt er. Dann kann der Betriebsinhaber schnell reagieren und Preisanpassungen vornehmen oder das Sortiment um Lieblingsprodukte seiner Klientel erweitern. Und sich dann wieder seiner eigentlichen Arbeit zuwenden: der Verarbeitung und dem Verkauf seiner Wurstwaren.

Über das vernetzte Arbeiten in der Metzgerei 4.0 gelingt es den Unternehmen sich wieder ganz ihrem Traditionshandwerk zu widmen, dem „Handwerk 0.0.“, wie es Christoph Krause, Leiter beim Kompetenzzentrum Digitales Handwerk (KDH) in Koblenz, nennt. Die Rückbesinnung aufs Wesentliche ermöglicht für ihn der nächste Schritt in der Digi­talisierung: die Automatisierung der ­Prozesse.

Die Corona-Pandemie hat über die eingeschränkte Mobilität vielerorts aufgezeigt, woran es noch hakt: „Die Betriebe setzen zwar schon viele digitale Lösungen ein, die ihnen bei der Arbeit zur Hand gehen“, schildert Krause. „Doch operieren diese Tools oftmals losgelöst voneinander und können untereinander nicht kommunizieren.“ Das beschert viel Aufwand und macht wenig Spaß. Die Lösung liegt in der nahtlosen Vernetzung der Prozesse im Betrieb, die dem Handwerker repetitive – und daher wenig sinnstiftende – Arbeit abnehmen. KDH-Experte Krause rät den Handwerkschefs sich die entscheidende Frage zu stellen: „Wie verknüpfe ich meine einzelnen Prozesse so, dass sie automatisiert laufen und ich selbst am Unternehmen arbeiten kann?“

Die schlaue Waage: Vernetztes Wissen in der Produktion

Bernd Steinhart hat sich dazu an Bizerba gewandt. Der Wägetechnologie-Hersteller hat die Metzgerei mit einem Warenwirtschaftssystem ausgestattet, das für den Metzgermeister die Lagerbestände überwacht. Über die Management-Software Retail Control, die Waagen mit dem Backoffice verbindet, lassen sich die Verkaufszahlen, Retouren und Reklamationen detailliert erfassen. Die intelligente Sensor-Technologie mit verbauten Wägesensoren in Regalen oder der Frische­theke ermöglicht sogar noch mehr. „Wenn bestimmte Produkte schlechter laufen oder kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen, können sie an bestimmten Wochentagen oder sogar zu definierten Uhrzeiten zu attraktiveren Preisen angeboten werden“, sagt Franziska Klaiber, Product Line Manager Global Retail bei Bizerba.

Noch mehr Automatisierung kommt über Künstliche Intelligenz ins Spiel: Liegen über die internetfähigen Waagen und Schneidemaschinen genug Daten vor, können selbst Wochentage, Uhrzeiten und sogar das Wetter in die Pro­duktionsprognosen mit einbezogen werden: „Scheint draußen im Sommer die Sonne, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele Menschen den Grill anwerfen und mehr Wurstwaren benötigen“, sagt Klaiber. Das sorgt in der Fleischerei 4.0 für große Entlastung und Zeitersparnis. Von der vernetzten Metzgerei profitiert natürlich auch der Kunde, der seine gewünschten Waren stets frisch vorfindet.

Ökosysteme aufbauen und Schnittstellen schaffen

Alles Wissen an einem Punkt versammeln – und auf Knopfdruck bequem abrufen: An diesem Szenario arbeitet man auch bei Tapio. Im Austausch mit dem Handwerk arbeitet das Tech-Start-up an einem offenen Ökosystem für die Holzbranche. Auf einer Plattform ist die komplette Wertschöpfungskette der Holzbearbeitung abgedeckt, indem digitale Produkte für die Holzindustrie mit Tausenden von Produktionsmaschinen und dem vielfältigen Angebot von Material und Werkzeugen in einer einzigen offenen Cloud abgebildet sind.

Der Vorteil der Plattform: Betriebe müssen nicht an eigenen Lösungen arbeiten, sondern können auf Lösungen zugreifen, die speziell auf ihr Gewerk abgestimmt sind. Dafür stellt Tapio den Schreinern, Möbelherstellern und Plattenverarbeitern eine Reihe von Tools zur Verfügung. Beispiel Metawell. Im bayerischen Neuburg an der Donau produziert der Betrieb Aluminium-Sandwichplatten und Leichtbaukomponenten. Die dazu notwendigen Fertigungstechnologien laufen nur dann produktiv, wenn die Werkzeuge pünktlich bereitstehen. Das war lange Zeit nicht der Fall: Trotz einer guten – analogen – Anwendung fürs Tool Management musste CNC-Koordinator Manuel Wallesch oft lange nach einzelnen Werkzeugen suchen. Über die digitale Lösung Twinio von Tapio, die auf dem Smartphone oder Desktop läuft, weiß Wallesch nun stets, wo welches Werkeug ist. Jedem Tool ist nun eine ID zugewiesen, die eine Verwechslung trotz eventuell gleicher Daten unmöglich macht. Über die offene Schnittstelle ist die Tool-Management-App nahtlos in den Gesamtprozess integriert. „Unsere Suchzeiten sind nun gegen null gesunken“, freut sich Wallesch.

Wenn der Algorithmus die Kundschaft berät

Diese automatisierten Prozesse nehmen im Handwerksbetrieb viel Arbeit ab: Mitarbeiter müssen sich Informationen nicht selbst zusammen sammeln. Oder selbst mit dem Kunden ein Beratungsgespräch führen. Das kann auch ein Algorithmus: Gibt der Kunde seine Wünsche ein, erhält er erste Erkenntnisse, schnell und personalisiert. Bei Kolorat haben Maler- und Lackierermeister Sebastian Alt und seine Partnerin Monja Weber einen Online-Shop für Wandfarben aufgebaut, der dem Kunden außerdem bei seiner individuellen Farbwahl weiterhilft. „Wir haben festgestellt, dass Dinge des Malerbedarfs an sich im Internet schwer zugänglich sind. Der Endverbraucher, der eine Farbe kaufen möchte und diese dann auch verarbeiten will, benötigt derart viel Vorwissen, welches er einfach nicht hat“, erklärt Weber. Ihre langjährige Expertise in Sachen Farbe haben die Kolorat-Gründer in ein Beratungstool einfließen lassen, das dem Kunden auf Machine Learning-Grundlagen anzeigt, was die besten Farben für die eigenen vier Wände sein könnten. Die Farbe dazu erhält er dann im Shop.

Der automatisierte Beratungsservice zahlt sich für die Gründer aus. Zum einen, weil der Malerbetrieb während der Pandemie auch über die Distanz hinweg seine Umsätze stabil halten kann. Denn viele Konsumenten haben während der Pandemie mehr Zeit zur Verfügung, ihr Zuhause zu verschönern. Zum anderen, weil der moderne Konsument digitale Services mehr denn je erwartet: Laut Trendbüro Hamburg haben die Digital Natives im Jahr 2020 erstmals die Anzahl der Digital Immigrants überstiegen. Diese jüngere Genera­tion ist von Kindesbeinen an daran gewöhnt, alle Aufgaben digital zu meistern.

Nächster Schritt: Das personalisierte Brötchen

Solche personalisierten Services, die aus verzahnten Prozessketten entstehen, werden daher künftig weiter an Beliebtheit zunehmen. Denken Betriebe ihre Tätigkeit aus Kundensicht, eröffnen sich völlig neue digitale Geschäftsmodelle, bei denen Technologien ganz allein die Arbeit übernehmen. Wie das aussehen kann, skizziert Krause am Beispiel des „intelligenten Brötchens“. Der KDH-Experte hat sich neulich erst eine digitale Analyse gekauft, die Allergien und Unverträglichkeiten anzeigt. Was passiert, wenn er als Kunde diese Daten seiner lokalen Bäckerei in Koblenz übermittelt?

Ganz einfach: Die personalisierten Spezialbrötchen für den Kunden enthalten dann beispielsweise kein Gluten, dafür aber viel Chia und Vollkorn. Um 7.48 Uhr morgens liegen sie schon in der Bäckerei bereit zum Abholen. Gebacken hat sie der Bäcker mit Maschinen, die über KI-Methoden Kundendaten auswerten – und den Prozess in Gang gesetzt haben, von der Bestellung übers Backen bis zum kontaktlosen Bezahlvorgang über Paypal. Die Technologien für dieses Szenario stehen schon bereit. Jetzt muss nur noch das Handwerk nachziehen.

Automatisierung im Handwerk: To-dos

Software und digitale Technologien sollen Mitarbeitern in den Handwerksbetrieben so zur Hand gehen, dass sie ihrer handwerklichen Arbeit sinnstiftend nachgehen können. Mit diesen Schritten gelingt´s:

  1. Aus Prozessen Prozessketten machen Der Handwerkschef muss seinen Betrieb konsequent und nahtlos digitalisieren. Das heißt, alle analogen Prozesse müssen von analog auf digital umgestellt werden, sodass aus den einzelnen Arbeitsschritten ganze Arbeitsketten werden.

  2. Offene Ökosysteme aufbauen, Schnittstellen schaffen Je offener, desto besser: Wenn Software nicht untereinander kommuniziert, wird auch die Prozesskette unterbrochen. Daher ist es wichtig, die relevanten Daten über Schnittstellen sowie offene Ökosysteme verfügbar zu machen.

  3. Mit KI und IoT und Cloud vernetztes Wissen abrufen Mit Technologien wie der Künstlichen Intelligenz (KI) und dem Internet of Things (IoT) können Maschinen untereinander kommunizieren. Sie melden dem Betriebschef, wenn sie gewartet werden müssen, wo sie derzeit im Einsatz sind, und die Produktion über ihr vernetztes Wissen maßgeblich mitgestalten.

  4. Echte Wertschöpfung in der Kundenkommunikation denken Der moderne Kunde will seine Antwort schnell und persönlich. Automatisierte Beratungstools helfen, erste Informationen zur Verfügung zu stellen.

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