FinTechs Neobanken: Was leisten die digitalen Finanzierer?

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Die Unternehmensfinanzen werden im Handwerk über klassische Banken abgewickelt, so ist es Tradition. Doch nun sind Neobanken am Markt: schnell, digital, kostengünstig. Was sie bieten – und was nicht.

Traditionelle Banken werden langsam digitaler – Neobanken sind es bereits.
Traditionelle Banken werden langsam digitaler – Neobanken sind es bereits. – © AndSus – stock.adobe.com

Die Zeiten, als klassische Banken den Finanzsektor darstellten, sind in Deutschland vorbei. Zwar ist von den über 1.679 Kreditinstituten, die die Bundesbank führt, immer noch der überwiegende Teil als traditionell zu bezeichnen. Doch heute gibt es eine Vielzahl von Geschäftsmodellen, die im Bereich privater und geschäftlicher Finanzen mitmischen. Die allermeisten sind FinTechs, einige von ihnen Neobanken – mit und ohne Banklizenz.

Die Vielfalt hat die Komplexität des Marktes erhöht. In welchem Maße, lässt sich schon anhand der Begriffsklärung verdeutlichen: Eine Neobank ist eine Art Direktbank, sie wird auch als Internetbank, Onlinebank, virtuelle Bank, digitale Bank oder Challenger Bank bezeichnet. Letztlich sagt jeder dieser Begriffe aber nur, dass es sich um ein Online-Angebot im Finanzsektor handelt. Welche Dienste genau angeboten werden, definieren diese Namen nicht. Eindeutig ist: Eine Neobank betreibt Bankgeschäfte oder banknahe Geschäfte auf digitaler Basis – ihre Dienste können meist auch per Smartphone genutzt werden.

Was Neobanken können

Während früher das Leistungsangebot einer Bank grundsätzlich klar war – Girokonto, Geldanlage, Kredit –, gilt das für die Online-Angebote der Neobanken nicht. Sie sind variabler. Eine Neobank ist daher eher eine Finanzverwaltungsplattform, die Geschäftskonto-, Rechnungsstellungs-, Buchhaltungs-, Steuer- und Ausgabenverwaltungs-Tools umfasst. Einige Anbieter haben ein Cashback-System oder pflanzen Bäume ab gewissen Umsatzgrenzen (siehe Download).

43 % der Befragten einer Bitkom-Umfrage loben die einfache und schnelle Kontoeröffnung bei Neobanken.

„Die Vielfalt ist ein Vorteil“, findet Gerald Gruber, Chief Commercial Officer bei der Neobank bunq. Denn heute könne sich ein Kunde einen passgenauen Bankpartner suchen. „Wir sehen die Herausforderungen, vor denen unsere Kunden stehen, und konzipieren für diese Probleme hilfreiche Lösungen“, erklärt er. Die klassischen Banken würden eher vom Produkt her denken und dann versuchen, dieses an den Kunden zu bringen.

Die meisten Neobanken – auch solche ohne Banklizenz – haben einen thematischen Schwerpunkt. So hat sich tomorrow auf Nachhaltigkeit, Datenschutz und Sicherheit spezialisiert (ebenso wie bunq). Andere setzen auf Geschäftskonten (finom, fyrst, Holvi, Kontist, Penta, qonto) oder Absatz- und Einkaufsfinanzierung (Bank11 für Kfz), andere auf die Abwicklung von E-Commerce (Klarna) oder auf Kryptowährungen (wie der zwischenzeitlich insolvent gewordene Anbieter Nuri). Wieder andere agieren ohne Themenschwerpunkt (N26, C24, fidor, vivid).

Grundsätzlich bieten Neobanken Girokonto und Kreditkarte, oft auch kostenlose Unterkonten an, die im Geschäftsverkehr, wenn Mitarbeiter Einkäufe tätigen, nützlich sein können. Sie punkten zudem mit niedrigen Gebühren, unkomplizierter Anmeldung (oft per Video-ident) und einfachem Mobile-Banking. Das digitale Angebot erlaubt meist eine gute Integration mit Buchhaltungs- und sogenannten Accounting-Plattformen, die Rechnungen digitalisieren und kategorisieren und die Mehrwertsteuer erfassen. „Neobanken haben großes Potenzial, das in Deutschland noch lange nicht ausgeschöpft ist“, ist Achim Berg, Präsident des Digitalverbands Bitcom, überzeugt.

Was Neobanken nicht können

Das Einzahlen von Bargeld ist ein Problem. Da Neobanken meist keine Filialen haben, können etwa die Tageseinnahmen einer Bäckerei oder eines Friseurs nicht eingezahlt werden. Die Branche ist sich der Herausforderung bewusst und sucht nach Lösungen. Derzeit wird von einigen Anbietern (N26, fidor und bunq) die Zahlungsinfrastruktur Barzahlen/viacash genutzt: Sie erlaubt Ein- und Auszahlungen von Bargeld per Barcode an mehr als 20.000 Ladenkassen in Europa. Oft ist die Summe jedoch nach oben gedeckelt.

Unternehmer, die einen Kredit zur Finanzierung einer Maschine oder anderer großer gewerblicher Anschaffungen suchen, finden über FinTechs ein breites Angebot – bei Neobanken eher weniger. Der Grund: Die Sicherheitenstellung ist personalaufwendig und gehört (noch) nicht bei allen Anbietern zum Leistungsversprechen.

Nuri: Erste Pleite einer Neobank

Dass eine der vielen Neobanken pleitegeht, erwarteten die Experten noch im Frühjahr nicht: „Es wird eher zu Kooperationen oder Übernahmen kommen, denn die Investoren, die die Neobanken finanzieren, wollen zunehmend Erträge sehen“, erklärte damals Gruber. Tatsächlich ist der Anbieter Nuri jedoch seit Dienstag, 9. August 2022, insolvent. Rund 500.000 Kunden sind betroffen. Ihre Einlagen gelten jedoch als sicher, sie lagern bei der Solarisbank als Sondervermögen. „Euro-Einlagen und Krypto-Vermögen in Custodial Wallets sind über die Solarisbank AG bzw. die Solaris Digital Assets GmbH geschützt“, heißt es in der Insolvenz-Mitteilung vom Dienstag. Nuri kündigte an, man wolle nun ein Sanierungskonzept erarbeiten und die Produkte und Dienstleistungen „bis auf Weiteres unverändert“ fortführen. Das heißt: Die Guthaben der Kunden bleiben erst einmal auf den Nuri-Konten erhalten.

Wie sicher sind die Neobanken?

Tatsächlich haben nur wenige Neobanken bisher die Gewinnschwelle erreicht. Zu ihnen gehört beispielsweise bunq: „Wir haben seit diesem Jahr Break-Even“, sagt Gruber. Anders als andere Neobanken habe er zwar in der Vergangenheit weniger in Kundenakquise investiert, das habe sich aber mit Erreichen der Profitabilität geändert. „Damit das digitale Angebot der Branche bei minimalen Kosten für die Nutzer funktioniert, braucht es neben einem guten Geschäftsmodell auch Skalierung“, so Gruber – die Menge der Kunden führt zur Wirtschaftlichkeit. 25 Prozent seiner Kunden seien kleine bis Kleinstbetriebe. „Das liegt daran, dass sich die klassischen Banken um diese Zielgruppe nicht kümmern“, sagt er.

Neobanken, die die notwendige Kundenmenge nicht erreichen, seien Übernahmekandidaten. Doch das habe keinen Einfluss auf die Sicherheit der Kundengelder: Alle Anbieter mit deutscher IBAN gehören der Einlagensicherung (bis 100.000 Euro) an.

Trends bei den Neobanken

Auch Neobanken erfinden das Banking nicht neu. Sie machen es nur effizienter, schneller, mobiler, individueller. Das begeistert vor allem jüngere Menschen: Laut Digitalverband Bitkom sind rund 38 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an einer reinen Smartphone-Bank interessiert – aber nur zehn Prozent der Senioren. Für 45 Prozent wäre ein Konto bei einer Neobank eine Ergänzung zum Konto bei einer Direktbank, 35 Prozent würden es ergänzend zu einer klassischen Filialbank nutzen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung unter 1.003 Personen ab 18 Jahren in Deutschland im Auftrag von Bitkom. „Das Smartphone ist für viele Menschen der digitale Hub für Alltag und Arbeit. Die Verlagerung der eigenen Bank komplett und ausschließlich auf dieses Gerät ist da nur ein weiterer logischer Schritt“, sagt Berg.

Klassische Banken werden nachziehen und sich digitalisieren. Doch das ist nicht einfach – ein Vergleich erklärt dies: Wer ein neues Haus auf der Wiese baut, kann dies nach modernsten Kriterien problemlos durchführen. Klassische Banken sind aber eher ein Altbau, mit alten Leitungen und alten Strukturen. Dieses umzubauen ist mit Hindernissen belegt und braucht Zeit. Doch die klassischen Banken haben einige Vorteile gegenüber den Neobanken: ihre breite und weitgehend treue Kundenbasis, ihre Kredit-Erfahrung und ihr persönlicher Kontakt zu den Menschen.

Die Herausforderungen der Neobanken: Sie müssen in die Gewinnzone kommen – mit mehr Kunden und mehr Angebot. Und sie müssen sich im stark regulierten Bankenmarkt in das staatliche Korsett aus Regeln und Kontrollen einfügen. Keine leichte Aufgabe.