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Plattform Interview mit Mirco Grübel: Wie Myster die Wertschöpfung neu strukturiert

Mit seiner Renovierungsplattform verspricht Mirco Grübel Handwerkern größere Umsätze bei gleichbleibender Kostenstruktur. Wie das gelingt und wie der Newcomer dabei die Wertschöfpung im Vertrieb neu ordnet: handwerk magazin hat Mirco Grübel, Gründer und Geschäftsführer von Myster dazu befragt.

Topic channels: TS Start-up, TS Zukunftsperspektiven im Handwerk und TS Plattform-Business

Herr Grübel, mit Myster sind Sie vor drei Jahren angetreten, um die Handwerker-Kunden-Beziehungen neu zu strukturieren: Welche Lösung bringen Sie in den Markt, die existierende Plattformen wie MyHammer, Check24 oder Around Home nicht bieten?

Im Gegensatz zu den genannten Playern, die lediglich Handwerker an Kunden vermitteln, sind wir sowohl für den Handwerker als auch den Kunden der alleinige Ansprechpartner in Sachen Renovierung und agieren als Generalunternehmer. Wir nehmen Handwerksbetrieben dabei lästige, nicht abrechenbare Arbeit ab und sorgen für mehr Effizienz bei den Betrieben. Neu ist außerdem: Wir beziehen dabei auch die Hersteller von Baumaterialien gleich mit ein und bieten ihnen eine Alternative für den klassischen dreistufigen Betrieb. Der Hersteller verkauft traditionell an den Großhändler sowie an den Fach- und Einzelhandel, bei denen wiederum der Handwerker einkauft, der mit seinem Kunden abrechnet. In unserem Modell jedoch brechen wir diese Strukturen in der Wertschöpfung auf: Wir verbinden den Kunden direkt mit dem Hersteller.

Was bedeutet das konkret: Wie wird der Markt dadurch verändert?

Geschäfte zwischen Hersteller und Kunden können über uns jetzt anders getätigt werden als im Vergleich zu vor 50 Jahren, als diese mehrstufige Struktur entstanden ist. Noch sind wir als alternativer Vertriebskanal für Hersteller noch winzig klein, da wir gerade erst zu wachsen beginnen. Doch gibt es einen klaren Trend: In vielen anderen Branchen sind die Vertriebskanäle heute schon so digital geprägt, dass verschiedene Wertschöpfungs- und Logistikstrukturen wegfallen. Für den Kunden bedeutet das, dass er seine Renovierung von uns aus einer Hand zum Festpreis erhält und sich nicht selbst die Mühe machen muss, zwischen einzelnen Gewerken und Angeboten sowie Herstellern zu wählen.

Welcher Vorteil entsteht den Handwerksbetrieben?

Mit Myster richten wir uns vor allem auch an den Handwerkschef: Er ist schließlich Mangelware auf dem Markt und hat meist mehr Nachfrage als er selbst abarbeiten kann. Das liegt vor allem auch daran, dass er sich mit vielen Verwaltungsaufgaben beschäftigen muss, die Zeit kosten. Das nehmen wir bei den Projekten, die er für uns abwickelt, für ihn in die Hand. Mit uns kann er bei gleichbleibender Kostenstruktur größere Umsätze erwirtschaften, indem wir für ihn die Auftrags- und Rechnungsabwicklung übernehmen. Mit Darüber kann er mit einigen kleineren Zusatzaufträgen pro Monat ein paar Tausend Euro mehr Umsatz machen. Das ist für einen kleineren Betrieb ein großer Mehrwert, der sich bemerkbar macht: Er kann sich mehr Urlaub gönnen oder seine Mitarbeiter besser entlohnen.

Welche Resonanz bekommen Sie aus dem Handwerk - geht Ihre Rechnung auf?

Was Handwerker am meisten bei der Zusammenarbeit mit uns begeistert, ist, dass wir es ihm ermöglichen, mehr aus seinen bestehenden Ressourcen zu machen. Der Handwerker schätzt es, wenn er zum Beispiel das Geld direkt nach Abschluss des Projekts bekommt und nicht mit eigenen Strukturen oder seiner Ehefrau einmal im Monat Kunden hinterher telefonieren muss. Da gehen wir für die Betriebe, die ja häufig unter zehn Mitarbeiter haben, einen Schritt nach vorn. Ebenfalls gut für den Handwerker ist, dass wir die Aufträge für ihn sicherstellen. Manchmal lassen sich Kunden von ihm beraten, aber vergeben ihren Auftrag dann doch an einen Wettbewerber. Die Suche nach der Kundschaft und Aufträgen kürzen wir ab - da entsteht Effizienz. Unsere Kompetenz bei der Kontaktanbahnung ist übrigens auch unser Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit: Der Handwerker spart sich unnötige Anfahrten, und Hersteller und Kunden sparen sich die einzelnen Zwischenschritte, die ebenfalls ein Hin und Her bedeuten.

Wenn die Zwischenschritte wegfallen und Sie die Materialien direkt beim Hersteller besorgen: Wird es dann preiswerter für den Kunden?

Da es keinen einheitlichen Marktpreis gibt, lässt sich das nicht beantworten. Von zu aggressiver Kalkulation oder den Einkauf von zweiter Wahl im Internet grenzen wir uns allerdings ab. Indem wir direkt beim Hersteller einkaufen, nutzen wir die entstehende Marge vielmehr, um den Handwerker zu überzeugen, das Projekt für uns umzusetzen.

Welche Rolle spielt der Online-Vertrieb heute und in Zukunft?

Die Digitalisierung ist in vollem Gange: Immer mehr Kunden informieren sich online über Handwerksleistungen. Und - sicher auch ausgelöst durch Corona - bestellen sie diese nun auch vermehrt online. Wir bieten einfache verkaufbare Pakete an, von Tapeten bis hin zu Laminat und Parkett. Unsere Website haben wir dazu komplett neu aufgebaut, damit sie wie so funktioniert, wie unsere Kunden das vom E-Commerce her gewohnt sind. Zurzeit haben wir Warenkörbe im dreistelligen Euro-Bereich.

Was ist Ihre Vision: Wo stehen Sie mit Myster in zehn Jahren - und wie wird sicher der Markt weiterentwickeln?

Wir haben eine selbstbewusste starke Vision. In zehn Jahren wollen wir die Handwerksmarke Nummer Eins sein, wenn es um handwerkliche Arbeiten in seinen vier Wänden geht, soll der Kunde "mystern" - genauso wie man heute googelt, um Informationen aus dem Netz zu filtern. Der Markt an sich wird immer digitaler werden: Meine beiden Kinder im Alter von 18 und 21 Jahren werden ihre Wohnung künftig sicherlich online renovieren und Handwerksleistungen im Internet bestellen. In gut zehn Jahren wird dieses Szenario ganz normal sein, in den kommenden fünf Jahren werden die Voraussetzungen dafür geschaffen. Die Handwerksbranche wird sich in dieser Zeit neu aufstellen.

Was sind die Hebel dafür, um Ihre Vision wahr werden zu lassen? Welche Technologien unterstützen Sie dabei?

Vor allen Dingen sind das Daten. Wir sammeln immer mehr davon und kaufen von Drittanbietern hinzu. Aus unserem Datenpool können wir schon jetzt ableiten, in welchen Straßen demnächst renoviert wird, was in den dortigen Gebäuden vermutlich renoviert werden muss und mit welchen Handwerksleitungen wir diese Projekte umsetzen können. Über die Analyse dieser Daten mit Künstlicher Intelligenz, die wir bald heranziehen werden, verstehen wir dann immer genauer, was der jeweilige Kundenbedarf ist und können ihm vorschlagen, was der beste Renovierungsansatz ist. Dabei werden wir mit weiteren Firmen als Partner vernetzen und zusammenarbeiten, die Informationen über Gebäudestruktur und Renovierungsbedürftigkeit zur Verfügung stellt.

Welche weiteren Technologien werden dann wichtig?

Vor allem in Augmented Reality (AR) sehe ich große Chancen. Schon heute habe ich ein Handy, das drei Kameras hat. Wenn ich damit durch einen Raum gehe, werden AR-Funktionen künftig dafür sorgen, dass er automatisch ausgemessen wird. Ich kann dann feststellen, wie die Wand mit einer bestimmten Tapete aussehen wird und welcher Boden dazu passt. Im Gegensatz zu Virtual Reality (VR) bleibe ich in der physischen Welt, diese Vermischung beider Realitäten sehe ich als einen guten Weg für künftige Planungen im Handwerk.

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