Andrea Eigel leitet zahlreiche Erfa-Gruppen – und ist somit ganz nah dran am Handwerk. In ihrer Kolumne beantwortet die Beraterin Fragestellungen aus der Praxis. Folge 25: Warum die Handynutzung auf der Baustelle ein waschechtes Führungsthema ist – und wie klare Regeln Fairness und Zusammenhalt im Team stärken.

„Kein Anschluss unter dieser Nummer." Dieser Satz passt inzwischen erstaunlich gut auf manche Baustellenmitarbeitende. Nicht, weil das Handy nicht funktioniert. Sondern gerade weil es so gut funktioniert – und seine exzessive Handynutzung auf der Baustelle zu Störgeräuschen im Team führen und den Anschluss unter den Kolleginnen und Kollegen schwächen kann.
316856Natürlich ist das Smartphone im Handwerk längst Teil des Werkzeugkastens. Damit wird zur Baustelle navigiert, werden Fotos für die Baustellendokumentation gemacht, Rückfragen mit dem Büro geklärt oder schnell Informationen nachgeschlagen und Bestellungen getätigt. Doch es gibt da noch die andere Seite. Wenn sich einzelne Mitarbeitende laufend hinter dem Display vergraben, führt das zu Stirnrunzeln im Betrieb und darüber hinaus. Man fragt sich: Wie viel Handy während der Arbeit ist noch normal? Wer nutzt es für die Arbeit – und wer vielleicht ein bisschen zu gern privat? Und vor allem: Was macht das dauernde „am Handy Hängen" mit der Stimmung im Team?
Ein Handy-Fall aus der Praxis
Ein Handwerkschef erzählte mir bei einer Betriebsberatung von einer Situation, die ihn nachdenklich gemacht hat. Vier seiner Mitarbeitenden waren auf einer Baustelle im Einsatz. Eigentlich lief alles ordentlich – bis der Kunde ihn später zur Seite nahm. Der Kunde sagte: „Mich hat ehrlich gesagt gewundert, dass jeder Ihrer Leute irgendwo in der Ecke saß und aufs Handy geschaut hat." Der Chef musste schlucken. Denn wenn er ehrlich war, hatte er selbst ähnliche Szenen schon gesehen – nur nie richtig ernst genommen.
Als er genauer hinschaute und auch Rücksprache mit seinen Vorarbeitern hielt, fiel ihm noch etwas anderes auf: Auf manchen Baustellen wurde deutlich weniger miteinander gesprochen als früher. Jeder werkelte vor sich hin, zwischendurch ein Blick aufs Display, dann wieder zurück zur Arbeit. Und in der Pause? Unterhielten sich vor allem viele der jüngeren Mitarbeitenden nicht mehr miteinander, sondern still mit ihrem Smartphone.
Handynutzung auf der Baustelle ist kein Generationenthema
Jetzt muss man fair bleiben: Nicht jede Handynutzung bedeutet Desinteresse am Team. Viele Mitarbeitende nutzen das Smartphone schlicht zwischendurch. Und gerade für jüngere Generationen ist das einfach ihr Kommunikationskanal Nummer 1. Aber es gibt eben auch die Fälle, in denen jemand während der Arbeitszeit ständig online ist – mit dem Daumen auf Instagram, TikTok, WhatsApp. Dann passiert etwas, das ich in vielen Betrieben sehe: Die anderen im Team werden sauer. Nicht unbedingt, weil jemand am Handy ist. Sondern weil sie dessen Arbeit mitmachen müssen.
Und wenn die Führungskraft dazu nichts sagt, entsteht schnell der Eindruck: Für manche gelten andere Regeln. Das ist dann kein Generationenthema, sondern ein Fairness-Thema. Und wer dieses Gefühl der Gerechtigkeit nicht wiederherstellt, hat mit sinkender Leistungsbereitschaft der Nicht-Handynutzenden zu rechnen.
Klare Leitplanken für die Smartphonenutzung im Betrieb
Smartphone-Nutzung gehört im Betrieb einfach dazu und lässt sich nicht verbieten. Aber man sollte darüber sprechen, was dabei geht und was nicht – offen und klar. Aus meiner Beratungspraxis haben sich ein paar einfache Leitplanken bewährt:
- Das Handy als Arbeitsmittel benennen: Sprechen Sie offen an, wofür das Smartphone im Betrieb gebraucht wird: Baustellenfotos, Rückfragen, Navigation, Zeiterfassung. Damit wird klar: Das Handy gehört zur Arbeit – aber eben nur in dieser Funktion.
- Private Nutzung nur in der Pause: Eine klare Regel hilft enorm: Das Handy darf für private Zwecke nur während der Pause genutzt werden – nicht während der Arbeitszeit. Das ist verständlich, für alle gleich und damit fair.
- Folgen der Handynutzung zum Thema machen: Schaffen Sie ein Bewusstsein dafür, wie sich dauernde Handynutzung aufs Team auswirkt. Argumentieren Sie geschickt. Wenn Sie sagen „Ihr arbeitet zu wenig, wenn Ihr dauernd am Handy hängt", gehen sofort die Schutzschilde hoch. Wenn Sie jedoch anmerken „Es geht um Fairness im Team – die Kollegen sollten nicht die Arbeit desjenigen mitmachen müssen, der mit seinem Smartphone beschäftigt ist", hören Mitarbeitende ganz anders zu.
- Die eigene Vorbildrolle prüfen: Auch Chefinnen und Chefs sollten sich fragen: Wie gehe ich selbst mit dem Handy um? Wer ständig aufs Display schaut, kann schwer glaubwürdig Regeln aufstellen.
- Gesprächen wieder Raum geben: Viele Chefs erzählen mir: Auf Baustellen wird heute weniger geschnackt als früher. Wenn echte Gespräche nicht mehr von allein entstehen, kann man sie bewusst fördern – etwa durch kurze morgendliche Baustellenbesprechungen, das berühmte „Feierabendbier" und natürlich regelmäßige Betriebsveranstaltungen wie Sommergrillen oder Weihnachtsfeiern.
Fazit: Handynutzung auf der Baustelle – Führung schafft wieder Anschluss
Der Chef aus meiner Beratung hat schließlich genau das gemacht: Er hat das Thema Handynutzung im Team angesprochen. Ohne Moralpredigt, ohne erhobenen Zeigefinger. Seine Botschaft war schlicht: Das Smartphone ist Arbeitsmittel. Private Nutzung gehört in die Pause. Außerdem führte er zusätzlich zur täglichen kurzen Baustellenbesprechung einmal in der Woche eine längere Runde ein – eine Viertelstunde bei einem Kaffee, in der auch Allgemeines besprochen und der persönliche Austausch gefördert wird. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten: Weniger unterschwelliger Ärger im Team. Mehr Austausch. Mehr Miteinander.
Das Handy ist im Handwerk längst gesetzt – als Werkzeug, Kommunikationsmittel und Organisationshilfe. Das Problem ist also nicht das Gerät selbst, sondern der Umgang damit im Team. Wer klare Regeln schafft und gleichzeitig Räume für Austausch organisiert, nimmt dem Thema viel von seiner Sprengkraft. Oder anders gesagt: Er fördert so Fairness und Zusammenhalt im Team. Dann sollte es auch mit dem Anschluss unter den Menschen im Betrieb wieder deutlich besser klappen – denn sie sind mehr als eine (Handy-)Nummer!
Wie läuft das Thema Handynutzung in Ihrem Betrieb? Gibt es klare Regeln – oder sorgt das Handy auf der Baustelle immer wieder für Diskussionen im Team? Schreiben Sie mir von Ihren Erfahrungen aus dem Handwerksalltag. Ich freue mich auf Ihre Beispiele.
Über Kolumnistin Andrea Eigel:
Andrea Eigel unterstützt Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte im Handwerk dabei, Kunden und Mitarbeitende zu gewinnen und nachhaltig zu binden – und dabei auch selbst bei Lust und Laune zu bleiben.
Sie hält Vorträge, macht Workshops und Coachings, moderiert Veranstaltungen und leitet seit vielen Jahren Erfa-Gruppen. Nebenberuflich ist sie Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

