Langfristige Geldanlage Factor Investing: Mit klaren Regeln zum Erfolg an der Börse

Jeder Anleger kennt inzwischen ETFs – die kostengünstige Fondsvariante, die einem Index folgt. Seit den 1970er Jahren gibt es dieses Konstrukt, die Grundidee blieb seitdem unverändert. Doch heute sind viel mehr Daten am Finanzmarkt verfügbar was zuverlässigere Wege der Renditeerzielung ermöglicht. Einer von ihnen ist das Factor Investing. Was das ist und wie es funktioniert.  

Factor Investing schützt kurzfristig nicht vor Verlusten. Langfristig ist es eine erfolgreiche Anlagestrategie.
Factor Investing schützt kurzfristig nicht vor Verlusten. Langfristig ist es eine erfolgreiche Anlagestrategie. - © Chandlerlikes - stock.adobe.com

Im April 2025 kennt die Börse nur eine Richtung: Nach unten. Der Zollkrieg der USA führt zu höheren Kosten, die zuerst die Unternehmen und dann die Kunden treffen. Kommt es zur Rezession, bleibt der Börsentrend negativ. „Das ist einfach Fakt: Die Börse generiert kurzfristig auch mal Verluste“, sagt Thomas Meinke. Er fügt an: Aber langfristig führte sie in der Vergangenheit bei Anlegern immer zu Gewinnen, da auch die Unternehmen langfristig Gewinne erzielen.“

Meinke ist Investmentdirektor bei Dimensional Fund Advisors, einer amerikanischen Investmentgesellschaft, die weltweit 750 Milliarden Euro Vermögen verwaltet und mit über 1.500 Mitarbeitern in 15 Niederlassungen weltweit eine einzige Investment-Philosophie verfolgt: das Factor Investing.

Was ist Factor Investing?

Es ist eine Anlagestrategie, bei der quantifizierbare Unternehmensmerkmale (Faktoren) berücksichtigt werden. Beispielsweise die Unternehmensgröße, das Bewertungsniveau, die Qualität, das Momentum und die Volatilität. Damit soll eine höhere Rendite erzielt werden als bei einem marktbreiten Investment. Dies funktioniert über das Identifizieren von Risikoprämien. Sie sind der Renditezuschlag für mögliche Risiken, den das Factor Investing abschöpfen möchte.

„Obwohl Kapitalmarktforscher seit den 70er, 80er Jahren deutlich mehr Erkenntnisse gewonnen haben, woher denn die Renditen am Kapitalmarkt kommen, werden diese Erkenntnisse meist nicht genutzt, um noch zuverlässigere Anlageentscheidungen zu treffen“, erzählt Thomas Meinke. Zur Verdeutlichung zieht er einen Vergleich: „Wer heute zu einem Arzt geht, der Wissen, Technik und Forschung aus den 70er Jahren einsetzt, fühlt sich dort vermutlich nicht besonders gut versorgt. Wir vertrauen in vielen Bereichen der Forschung und der Wissenschaft. Und im Kapitalmarkt da... eher weniger.“

Factor Investing in Krisenzeiten

„In Krisenzeiten funktionieren Märkte besonders gut“, ist Meinke überzeugt. Der Grund: Die Kursschwankungen – Volatilitäten – sind aktuell am Aktienmarkt enorm. Das bedeute, dass neue Informationen, neue Erwartungen in Millisekunden in den Aktienmarkt einfließen. Ein neuer Tweet vom US-Präsidenten, und die Marktpreise reagieren. Der Marktplatz ist ja nichts anderes als sehr, sehr viele Szenarien, wie sich die Welt entwickeln kann und welche Gewinnerwartung diese Entwicklungen bei den Unternehmen abbilden. Diese Szenarien werden von den Marktteilnehmern mit Wahrscheinlichkeiten bewertet, indem sie Aktien kaufen und verkaufen.

„Die Märkte schauen in die Zukunft, schauen auf die Gewinnerwartung von Unternehmen, schauen auf das Risiko, dem Unternehmen ausgesetzt sind. „Und wie sich Marktpreise ändern, hängt im Grund nur an zwei Überzeugungen der Investoren: an der Gewinnerwartung und am angenommenen Risiko.

Was die Forschung herausgefunden hat

Fünf Nobelpreisträger arbeiteten im Lauf der 43 Jahre des Bestehens von Dimensional mit dem Investmenthaus zusammen. Diese und andere Kapitalmarktforscher haben das regelbasierte Investieren untersucht und rund 300 Faktoren bei Unternehmen erfasst, die Renditeunterschiede an den Aktienmärkten erklären. Allerdings sind nur wenige Faktoren wirklich zuverlässig und kosteneffizient umsetzbar. Die aus dieser Erkenntnis gewonnene Formel wendet Dimensional bei allen seinen Fonds an.

Ein Beispiel: „Der Schweizer Forscher Rolf Banz zeigte im Jahr 1981, dass kleine Aktien (Small Caps) besser performten als große Aktien (Large Caps). In den vergangenen knapp 100 Jahren entsprach das einer jährlichen Mehrrendite von im Schnitt zwei Prozent. Das ist über einen so langen Zeitraum ein signifikanter Renditeunterschied für den Anleger“, erklärt Meinke.

"Die Idee, den Markt schlagen zu wollen, ist im Grunde falsch"

Banz sah sich bei seiner Forschung die Marktkapitalisierung an. Das ist der Gesamtwert der ausgegebenen Aktien eines Unternehmens. Kapitalmarktforscher, allen voran Nobelpreisträger Eugene Fama, kamen bereits in den 70er Jahren zu der Erkenntnis, dass der Markt effizient sei. Denn jeder Käufer brauche einen Verkäufer, damit ein Handel zustande kommt. Der Aktienkurs sei immer fair und richtig, denn Angebot und Nachfrage treffen an der Börse so aufeinander, dass sich ein Gleichgewicht bildet. Damit besteht durch aktive Aktienauswahl oder Markt-Timing kein Raum für verlässliche, übermäßige Gewinne. „Deshalb ist die Idee, den Markt schlagen zu wollen, im Grunde falsch. Es ist besser, sein Geld mit dem Markt wachsen zu lassen – und dabei auf Faktorprämien zu setzen sowie die Kosten zu minimieren, sodass eine Mehrrendite entsteht“, erklärt Meinke.

Und das funktioniert per Factor Investing. Es ist Teil des sogenannten Smart Beta, dem Oberbegriff für regelbasierte Strategien. Die Teildisziplin Factor Investing nutzt jedoch gezielt Renditefaktoren. Wie Banz nachwies, gibt es Renditeunterschiede bei verschiedenen Aktienklassen – kleine performen besser als große. Die weitere Forschung bestätigte: Gewisse Marktsegmente mit einer beispielsweise geringen Kennzahl performen besser als andere Marktsegmente, bei denen die Kennzahl höher ist. „Das heißt, wir können heute systematisch, regelbasiert den Markt auseinanderklammern. Wir können ihn in viele unterschiedliche Segmente einteilen, in denen die Unternehmen eine höhere oder niedrigere Renditeerwartung haben. Wir können also beispielsweise Segmente bilden, in denen das Kurs-Gewinn-Verhältnis als Faktor genommen wird, um die Renditeerwartung zu ermitteln. Oder auch der Cashflow. Oder der Buchwert. Jedes Segment besteht aus Aktien mit höherer oder niedrigerer Renditeerwartung. Diese höhere Erwartung heißt Faktorprämie – und darauf setzen wir“, erklärt Thomas Meinke.

Factor Investing in regelbasierten ETF

Der Investmentprozess von Dimensional analysiert täglich, ob sich das Segment der Aktien mit höherer bzw. niedrigerer Renditeerwartung verändert und sorgt dafür, dass für den jeweiligen Fonds ein Kauf oder Verkauf ausgelöst wird. Und hier liegt der Unterschied zum ETF – die es inzwischen auch bereits als regelbasierte Variante gibt: „Der ETF reagiert mit großen Summen auf seltene Veränderungen einer Indexzusammensetzung oder eines Faktors. Damit bewegt er die Kurse. Und zwar nach unten, wenn er verkauft, denn ein großes Angebot sorgt für fallende Kurse. Ebenso zieht er Aktienkurse nach oben, wenn er kauft. Die Folge für den Anleger, die er gar nicht mitbekommt: Er verliert Rendite. Beim Verkauf bekommt er weniger, als er ohne seinen marktbewegenden Handel erhalten hätte und beim Kauf zahlt er mehr. „Diesen Nachteil vermeidet Dimensional, indem nur mit nicht kursrelevanten Summen gehandelt wird“, erklärt Meinke.

Übrigens: Bezüglich der Kosten liegen das Factor Investing bei Dimensional und das Investieren in einen ETF ungefähr gleich auf.  

Die Risiken des Factor Investings

Die Methode ist komplex – sie ist damit keine Strategie, die Privatinvestoren auf eigene Faust umsetzen können. Die verschiedenen Faktoren müssen permanent überwacht werden. Kurzfristig kann es auch zu einer schlechteren als der Marktentwicklung kommen und die Volatilität höher sein als der Markt. Der Erfolg des Factor Investings ist langfristig. Das heißt: mindestens zehn Jahre Anlagedauer.

Unter- und überbewertete Aktien

Fondsmanager analysieren, welchen zukünftigen Erfolg sie einem Unternehmen zutrauen. Unter Berücksichtigung der Kapitalkosten rechnen sie aus, was das Unternehmen eigentlich wert sein sollte. Und wenn der Aktienkurs darunter liegt, beurteilen sie die Aktie als unterbewertet. Wenn der Preis am Aktienmarkt drüber liegt, dann ist sie überbewertet. Dementsprechend kaufen und verkaufen sie.

Thomas Meinke hält diesen Ansatz für nicht optimal: „Der Aktienmarkt verarbeitet Informationen sehr effizient. Im Aktienkurs stecken alle Erwartungen und Erkenntnisse von Millionen von Investoren. Jeden einzelnen Tag wurden im vergangenen Jahr für rund 800 Milliarden Euro Aktien gehandelt. Jeden Tag. Diese Schwarmintelligenz ist mächtig und sorgt dafür, dass Aktienpreise zu jeder Sekunde relativ fair sind - der wahrscheinlich fairste Wert eines Unternehmens, den wir haben. Demnach gibt es keine unter- oder überbewerteten Aktien“, ist Meinke überzeugt.

Denn alle Analysen, die Fondsmanager machen können, basieren auf Informationen aus der Vergangenheit. Sie schauen nicht nach vorne. „Der Aktienpreis ist wirklich das Einzige, was in die Zukunft schaut“, sagt er. Deshalb dreht Meinke die Bewertungsformel für die Unter- oder Überbewertung um: Wenn Unternehmen in ihrem Segment einen fairen Preis haben und es gibt zwei Unternehmen mit derselben Bepreisung, sei es gemessen an der Marktkapitalisierung, am Kurs-Buchwert-Verhältnis, am Kurs-Gewinn-Verhältnis, dann sollte das auf höhere Renditen bei dem Unternehmen hindeuten, das beispielsweise profitabler wirtschaftet. Die Analyse ist also mehrdimensional, komplex und berücksichtigt die Korrelation zwischen den Faktoren.

Mehr Rendite mit Factor Investing

„Anleger sollten auf die Wissenschaft vertrauen, wenn sie auf lange Sicht mehr Rendite verdienen wollen als der Markt“, rät Meinke. Wer beispielsweise in den USA in den breiten Markt investierte, hätte in den letzten 100 Jahren dort eine Rendite von zehn Prozent erzielt. „Das hat wahrscheinlich noch niemand jemals in seinem Portfolio langfristig gesehen“, stellt er klar. Im Vergleich dazu hätte ein moderater Faktoransatz in in der gleichen Zeit elf Prozent abgeworfen. „Ein Prozent mehr pro Jahr langfristig ist also durchaus möglich. Das bedeutet, über einen 30-jährigen Zeitraum hätte man sein Geld damit vervierundzwanzigfachen können, anstatt es nur zu versiebzehnfachen“, sagt er.

Wie Anleger zum Factor Investing kommen

Dimensional bietet aktuell in Deutschland für Privatinvestoren keine Fonds an, die das Factor Investing praktizieren. Wer sich an einen Honorarberater wendet, kann jedoch dennoch profitieren. Denn über seriöse Vermögens- und Finanzverwalter, die auf Honorarbasis arbeiten, können diese Fonds auch in den Depots von Privatanlegern landen.

Es gibt weitere Anbieter, wie etwa BNP Paribas, Robeco und Amundi. Wer einen ETF kaufen möchte, der faktorbasiert anlegt, hat zwei Möglichkeiten:

  • Invesco Quantitative Strategies ESG Global Equity Mulit-Factor UCITS ETF (Acc)

  • iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF
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