Altersvorsorge digital Altersbezüge: Mit einer App endlich den Überblick bekommen

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Wer wissen will, wie seine finanzielle Versorgung im Alter sein wird, steht meist vor einem Rätsel: Wer zahlt was, aus welchen Verträgen? Was behält der Staat ein? Und: Wird es reichen? Die Antworten könnte eine App liefern, wie eine aktuelle Studie von Prof. Andreas Oehler von der Uni Bamberg zeigt. Die App gibt es so noch nicht – aber sie wird kommen.

Cockpit für digitale Altersvorsorge
Wer die Verantwortung hat, braucht den Überblick über alle Einflussfaktoren. Das gilt für Piloten – und für Altersvorsorgesparer. – © Roman Becker – stock.adobe.com

Was ein Pilot und ein Sparer gemeinsam haben? Vieles! Beide brauchen ein Ziel, beide müssen den Weg zur Zielerreichung definieren und beide müssen alle Einflussfaktoren auf der Wegstrecke im Blick behalten, um bei Veränderungen gegensteuern zu können. Der Pilot nutzt dafür ein Cockpit und sichert sich durch einen Co-Piloten ab. Der Altersvorsorgesparer nutzt eine App und bekommt Sicherheit durch einen Finanzberater – „zumindest in Zukunft wird es so sein“, ist Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) überzeugt.

Elemente der Altersvorsorge

Die Altersvorsorge besteht aus drei Säulen :

  • der gesetzlichen und
  • der betrieblichen Rente sowie
  • der privaten Vorsorge (beispielsweise Spar- und Auszahlpläne und finanznahe Anlagen wie etwa breit streuende ETFs und private Rentenversicherunge)

Das Problem: Es gibt keine zentrale Stelle, an der Sparer einen Überblick über ihre finanzielle Versorgung im Alter erhalten. Doch das wäre wichtig, denn die Ansparphase beginnt mit dem Eintritt ins Berufsleben, während der Rentenbezug erst viele Jahre später erfolgt und dann bis zum Lebensende ausreichen muss. „Da der Staat die Altersvorsorge vermehrt den Bürgern überlässt, ist es wichtig, dass die Bürger zu jeder Zeit wissen, wie es um ihre ­Altersbezüge steht“, findet Klaus Morgenstern. Nur so können sie sich im Alter ­finanziell so stellen, dass sie ihren ­Lebensstandard annähernd halten.

Die Studie zum Status Quo

Das DIA hat Andreas Oehler, Professor an der Universität Bamberg, beauftragt, eine Studie zur digitalen Altersvorsorge in Deutschland zu erstellen. Oehler hat sich schon mehrfach aus Verbrauchersicht mit Altersvorsorge und Finanzlösungen befasst, sodass das DIA in ihm den passenden Wissenschaftler gefunden hat. Der erste Teil der Studie bestand aus der Recherche, welche Angebote es gibt. Der zweite Teil war die Definition, was genau ein Sparer für seine Vorsorgeplanung benötigt – und wie eine Lösung aussehen könnte. „Wir möchten eine Entwicklung anstoßen, die die Bevölkerung mit einem digitalen Cockpit ausstattet, das ihr eigenverantwortlich Entscheidungen zu ihrer Altersvorsorge ermöglicht“, so Morgenstern.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem ersten Teil der Studie: Es gibt keine umfassenden Altersvorsorge-Apps oder Plattformen . „Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten die Technik bereitstellt und wie notwendig eine solche App wäre, um Altersarmut entgegenzuwirken“, wundert sich Morgenstern. Was es gibt, sind Robo Advisors. Doch sie funktionieren lediglich unter dem Aspekt der Kapitalanlage – das ist zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Teilaspekt der Altersvorsorge.

Und es gibt eine staatliche Initiative, die dafür sorgen soll, dass zumindest alle verrenteten Zahlungen künftig als digitale Übersicht verfügbar sind. „Derzeit befindet sich das Projekt in der Entwicklungsphase, es wird noch recht lange dauern, bis die digitale Rentenübersicht für Sparer Realität ist“, meint Klaus Morgenstern. Zudem liefert diese App lediglich Informationen über die verrenteten Sparprodukte – sie erfasst aber keine Kapitalmarktlösungen, keine Steuer- und Abgabenlast auf die Auszahlbeträge, keine verschiedenen Rentenszenarien bei unterschiedlichen Entwicklungen von Einkommen, Zinsen und Abgaben – und sie beinhaltet keine Beratung.

Was eine digitale Lösung leistet

Es gibt also weiteren Entwicklungsbedarf für eine App, „am besten privatwirtschaftlich organisiert, damit sie schnell Realität wird“, sagt Morgenstern. Denn tatsächlich benötigen Sparer für ihre Altersvorsorge neben einem guten Berater auch eine verständliche, kompetente, umfassende und verlässliche Software zur Unterstützung bei der Planung und Entscheidung von Finanz- und insbesondere Vorsorgeangelegenheiten.

Wenn eine Software oder App diese Dienste leisten soll, muss sie vielfältige Anforderungen erfüllen. So muss sie erstens die finanzielle Situation des Sparers abfragen und erfassen. Dies könnte jeder Sparer selbst durchführen, wenn ihm ein Abfrageprozess dabei hilft. Zweitens müsste sie als Schnittstelle zu allen drei Säulen der Altersvorsorge (gesetzlich, betrieblich, privat) dienen, damit ein kundiger Finanzberater aus all diesen Informationen eine richtige Empfehlung für die individuellen Vorsorgemaßnahmen geben kann. Drittens muss sie Inflation, Steuern und Abgaben aktuell erfassen und auf die künftigen Altersbezüge anwenden. „Letztlich brauchen wir also eine Plattform als dezentrale Stelle, die den Rahmen und vielleicht auch Module bereitstellt für eine gute Beratung. Gespeist wird sie aus den Daten, die die drei Säulen zur Verfügung stellen“, fasst Morgenstern zusammen. Die Daten zum Bezug der gesetzlichen Rente werden also weiterhin von der Deutschen Rentenversicherung dargestellt. Die betrieblichen Ansprüche weiterhin vom Arbeitgeber und die privat erworbenen Ansprüche gibt der Sparer selbst ein – oder sein Berater. Die App ermöglicht dann einen Zugriff auf alle Daten, sodass ein korrektes Bild der künftigen Altersvorsorge abrufbar ist. „Aufgrund dieser Datenbasis kann ein Berater oder auch der Sparer selbst entscheiden, welche weiteren Vorsorgemaßnahmen notwendig sind“, erklärt Morgenstern.

Datenschutz sicherstellen

Damit die neu zu entwickelnde App ein Erfolg wird, müssen Datenschutz- und Datensicherheit gewährleistet sein. Denn wer seine finanziellen Daten für andere zugänglich macht, muss sich sicher sein dürfen, dass damit kein Missbrauch erfolgt.

Als Vorbild gilt eine Entwicklung aus England. Dort hat man eine Plattform geschaffen, die den Rahmen der Altersvorsorge stellt und auf die Berater zugreifen und diese in Form von Modulen nutzen können. „Das ist eine klare Struktur für die Beratung, das würde auch hierzulande funktionieren“, findet Morgenstern.

Dass es eine App-Lösung geben wird, steht für ihn außer Frage: „Die Jungen machen alles online, sie nutzen mobile Broker wie traderepublic.com oder robinhood.com und kaufen ihre Finanzprodukte dort. Sie werden auch ihre Altersvorsorge nicht rein analog angehen.“ Derzeit gebe es vor allem innovative Start-ups, die mit neuen Ideen und Funktionen auf dem Feld der Kapitalanlage unterwegs sind. Doch auch die klassischen Banken hätten ein Interesse, an der Entstehung einer Plattform für die Altersvorsorge mitzuwirken, „denn ihre Vertriebswege werden in traditioneller Form künftig nicht mehr funktionieren.“ Ein Gremium aus allen Interessengruppen ist nach Meinung von Morgenstern der richtige Weg, um eine passende App zu entwickeln und diese als Plattform zu etablieren. „Die Vorarbeit liefert die Studie – jetzt sollten die Anbieter in einer gemeinsamen Aktion aktiv werden“, appelliert Morgenstern.

Jetzt die Altersvorsorge starten

Wer sich um seine Altersvorsorge kümmern möchte, benötigt meist einen Berater – doch einen guten zu finden ist nicht leicht. Denn es gibt eine fast unübersichtliche Anzahl verschiedener Berufsbezeichnungen und Qualifikationen, die die Auswahl erschweren. „Wer noch keine Verträge und keinen Berater hat, sollte sich nach einem Makler in seiner Nähe umsehen“, rät Morgenstern. Er sollte unabhängig sein und gute Referenzen haben – im besten Fall ist er zusätzlich digital gut ausgestattet. „Und der Sparer sollte wissen, was er vom Berater genau möchte: Für eine Rundum-Beratung würde ich einen auf diesen Bereich spezialisierten Financial Planer empfehlen. Der kostet zwar Geld, ist aber auch umfassend ausgebildet.“ Von ihm könne ein Sparer eine Vermögens- und Einkommensanalyse erwarten sowie ein gutes Konzept für die Altersvorsorge. Wer bereits einen Versicherungsmakler oder Finanzberater kenne, solle sich informieren, inwiefern dieser eine ganzheitliche Rentenberatung anbiete.

Suchen Sparer lediglich nach einer Teillösung, beispielsweise einem Sparvertrag, sollten sie auf Online-Plattformen oder über Direktbanken mit einem ETF-Sparplan anfangen – der günstigste Weg zu sinnvollen Altersvorsorgeprodukten.

Der Weg zum passenden Berater

Um bei der Auswahl des passenden Beraters zu unterstützen, entwickelt das DIA gerade eine App. Sie soll anzeigen, welche Art von Finanzberatung ein Sparer benötigt: „Nach dem Vorbild von Tinder erfragen wir die Ziele und Präferenzen vom Nutzer und erstellen so ein Matching für seine Beraterauswahl – ob beispielsweise ein Makler, die Verbraucherzentrale oder ein Versicherungsberater der richtige Partner wäre“, erzählt Morgenstern.

Fazit: „Planung und Umsetzung der Altersvorsorge werden durch mangelnde Verfügbarkeit zentraler, verständlicher, kompetenter, umfassender und verlässlicher Information und das Fehlen einer übersichtlichen Aufarbeitung der Ansprüche auf Zahlungen aus allen drei Säulen der Altersvorsorge erschwert“, schreibt Andreas Oehler in seiner Studie. Außerdem sei eine qualitativ hochwertige Beratung für viele Menschen nur schwer zu erhalten .

Er empfiehlt, jedem Bürger kostenlos ein digitales Cockpit zur Altersvorsorge zur Verfügung zu stellen. Datenschutz und Datensicherheit könnten durch eine dezentrale Plattform sichergestellt werden und Berater könnten auf alle relevanten Daten zugreifen. Gesetzlich definierte Standards für die Schnittstellen der Cockpit-App würden dafür sorgen, dass Tools zur Einschätzung künftiger Ein- und Auszahlungen, Versicherungschecks, Robo Advisor für Geldanlage und Auszahlungspläne und Steueroptimierer eingebunden werden können. Nebenbei würden das individuelle Bewusstsein und Verständnis für rechtzeitige und regelmäßige Altersvorsorgeentscheidungen gefördert und das Verständnis gestärkt, regelmäßig und bei wesentlichen Änderungen im Life Cycle anzupassen.