Interview mit "Heldin im Handwerk" Alice Brammertz über ihren 'Unternehmerfrau im Handwerk'-Award: "Das war ein ganz erhebendes Gefühl"

Die Prokuristin der Schreinerei Brammertz aus Aachen, Alice Brammertz, haben wir 2024 für ihre Lebensleistung und ihre besondere Führungskultur ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über die Preisverleihung, die Rolle von Frauen im Handwerk und ihre Tipps für junge Unternehmerinnen.

Alice Brammertz, Prokuristin der Schreinerei Brammertz in Aachen.
Alice Brammertz, Prokuristin der Schreinerei Brammertz in Aachen. - © Bert Bostelmann
handwerk magazin: Frau Brammertz, Blick zurück – wie war die Auszeichnung als „Heldin im Handwerk“ für Sie?

Alice Brammertz: Diese Auszeichnung war ein überwältigender Moment. Da waren über 200 Frauen – und nur ein paar Männer dabei. Zusammen zu sein und zu netzwerken, das war wunderbar. Wir Frauen haben alle die gleichen Interessen, einen ähnlichen Background. Ich habe mich richtig gut aufgehoben gefühlt. Alle sind berufstätig, alles geht in Richtung Unternehmerinnen und Verantwortung. Dass ich das bei über 200 Frauen so geballt erlebe, das hat mich sehr beeindruckt.

Das Netzwerken mit den Frauen im Handwerk fanden Sie spannend. Sind Sie da immer noch aktiv?

Ja, auf jeden Fall. Einigen tollen Frauen folge ich in den sozialen Netzwerken, wir sind verbunden und melden uns auch mal beieinander.

Was ist das für ein Gefühl, eine Auszeichnung für seine Lebensleistung zu bekommen?

Es war zuerst einmal eine Überraschung, weil meine Tochter heimlich die Bewerbung geschickt hat. Da ist mir so richtig warm ums Herz geworden. Ich habe gedacht: Was einem in meinem fortgeschrittenen Alter noch passieren kann! Hätte sie mich vorher gefragt, hätte ich gesagt: „Lass mal, ich bin zu alt.“ Beeindruckend finde ich, dass sich die Jury Role Models aussucht, die vielleicht andere Frauen inspirieren. Es war ein ganz erhebendes, großartiges Gefühl.

Finden Sie es wichtig, dass Frauen im Handwerk ausgezeichnet werden – und wenn ja, warum?

Ja, sehr wichtig. Wir hatten vor zwei Wochen einen Vortrag vor 80 Rotariern. Wir haben über unser Unternehmen gesprochen – wir sind ja dritte und vierte Generation. Ich habe den Award-Film gezeigt, der Teil der Auszeichnung war. Er kam unglaublich gut an. Die Leute wussten gar nicht, was ich – und so viele Frauen – alles im Hintergrund leisten. In dem Film kamen auch Stimmen meiner Kinder und meines Mannes vor. Darüber entstand eine unglaubliche Wertschätzung. Ohne diesen Preis wäre das nie passiert. Es ist ja meine Normalität, und erst mit der Auszeichnung wurde mir bewusst, wie viel und wie wichtig es ist, was Frauen leisten.

Wie nutzen Sie Ihre Auszeichnung und den Imagefilm noch?

Der ist bei uns auf der Homepage zu sehen. Ich zeige ihn, wenn ich Vorträge halte, und in meinen Netzwerken schauen sich das auch andere Frauen gerne an. Das kommt übrigens auch bei Männern gut an – weil ich ja nie so vorne auf der Bühne in unserem Unternehmen stehe.

Sie sind unter anderem für Ihre Führungskultur ausgezeichnet worden. Entwickeln Sie diese weiter?
Ausgelassene Stimmung: Die beiden Laudatorinnen Melanie Röger (li.) und Jutta Holzmann (re.) feiern gemeinsam mit den Preisträgerinnen Nadine Bönninger (2.v.li.) und Alice Brammertz (2.v.re.) sowie Verleger Alexander Holzmann.
Ausgelassene Stimmung: Die beiden Laudatorinnen Melanie Röger (li.) und Jutta Holzmann (re.) feiern gemeinsam mit den Preisträgerinnen Nadine Bönninger (2.v.li.) und Alice Brammertz (2.v.re.) sowie Verleger Alexander Holzmann. - © Bert Bostelmann

Ja, wir arbeiten ständig daran. Letztes Jahr hatten wir einen Workshop mit der ganzen Mannschaft und haben gemeinsam mit einem Coach aus 50 Werten acht für unser Unternehmen identifiziert. Das war hochinteressant. Unser marokkanischer Geselle Abdella zum Beispiel, der auch seine Ausbildung bei uns gemacht hat, sagte:„Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit … – wir leben das, ich wusste gar nicht, dass man das so benennen kann.“ Die Werte stehen jetzt auch auf unserer Homepage, wir leben sie im Unternehmen und im Kundenkontakt.

Wie arbeiten Sie persönlich heute – sind Sie noch voll dabei?

Ja, komplett. Ich bin im Büro und mache das Gleiche wie immer – so auch meine Ehrenämter, beispielsweise im Sozialwerk Aachener Christen, bei der Lebenshilfe und unter anderem als Patientenfürsprecherin im Alexianer Krankenhaus, das für psychisch Erkrankte da ist.

Hat sich die Rolle von Frauen im Handwerk in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Ja, sehr. Als ich ins Unternehmen kam, wurde immer nur nach meinem Mann gefragt und nicht nach mir. Ich musste mir alles erst erarbeiten. Um die Prokura zu bekommen, habe ich gesagt: „Wenn ich hier keine Prokura kriege, verlasse ich dich und das Unternehmen.“ Das war schon ein Kampf. Vor 30, 40 Jahren war man gedanklich Unternehmerin und musste gleichzeitig die Kinder großziehen. Dafür haben sich die Männer kaum interessiert. Heute ist das anders, da sind die Väter viel mehr eingebunden – auch bei uns im Unternehmen. Das hat sich komplett geändert, Gott sei Dank.

Fakten zum Wettbewerb "Unternehmerfrau im Handwerk 2026"

  • Bewerbungsfrist: 15. Juni 2026

  • Kategorien: 1. Unternehmerin im Handwerk (mit Geschäftsführung); 2. Heldin im Handwerk (mitarbeitende Familienangehörige)

  • Preis: je 2.500 Euro Preisgeld + professionelles Image-Video

  • Preisverleihung: 9. Oktober 2026 im thüringischen Eichsfeld (UFH-Bundeskongress)

  • Bewerbung: durch die Frauen selbst oder durch Angehörige, Mitarbeiter, Freunde.
    Online unter handwerk-magazin.de/unternehmerfrau2026

Die Kinderbetreuung ist heute ein großes Thema. Können Ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, wenn die Kinder krank sind?

In der Produktion geht das leider nicht. Aber unsere acht Meister haben alle einen Homeoffice-Arbeitsplatz. Einer unserer Geschäftsführer hat sich im Skiurlaub einen Kreuzbandriss zugezogen – der macht jetzt Homeoffice. Und wenn beim anderen Geschäftsführer mal das Kind krank ist, arbeitet er auch von zu Hause. Das funktioniert.

Haben Sie einen Tipp für junge Frauen, die sich mit ihrem Partner selbstständig machen oder in seinen Betrieb einsteigen?

Wichtig ist, dass Frauen ihre Vision und ihre Leidenschaft verfolgen. Wer merkt, das ist mein Ding – so war das bei mir damals –, der muss das Ziel verfolgen und mit viel Diplomatie schauen, dass er an seine Rechte kommt. Die werden einem nicht immer einfach vor die Füße gelegt. Wenn der Partner und die anderen merken, dass man mit Leidenschaft dabei ist, dann geht das. Was Frau auf keinen Fall tun sollte: immer nur „ich mache, ich mache“ sagen, ohne dass es jemand bemerkt, und sich die ganze Arbeit aufladen lassen. Stattdessen sollten Frauen genau hinschauen: Was habe ich gelernt? Was will ich? Was sind meine Talente? Für was will ich einsetzen? Dafür stehe ich – und das mache ich.

Wie blicken Sie auf Ihr heutiges Wirken im Handwerk?

Ich habe ein Bild vor Augen, bei dem eine Hand zu sehen ist, aus der junge Menschen herauswachsen. Das ist eigentlich das Schönste: als älterer Mensch zuzuschauen, wie junge Menschen wachsen – und das zu fördern. Das ist auch mein Anliegen bei den Handwerkerfrauen.

Vita Alice Brammertz

Sie wurde 1953 in Aachen geboren, machte ihr Abitur und schloss 1976 ihr Studium als Diplom-Dolmetscherin in Englisch und Spanisch ab. Sie heiratete Eduard Brammertz und stieg in den Familienbetrieb ein. Dort wurde sie Teil der Organisation. Ihr Fokus: Teamentwicklung und Mitarbeiterführung. Sie bekam zwei Kinder, die beide heute in 4. Generation im Betrieb tätig sind. Im Ehrenamt engagiert sie sich im Alexianer Krankenhaus im Ethikkomitee und ist Patientenfürsprecherin. Auch bei der Lebenshilfe Aachen und im Sozialwerk Aachener Christen ist sie engagiert.

Zugehörige Themenseiten:
Frauen im Handwerk, Handwerker privat und Wettbewerb: Unternehmerfrau im Handwerk