Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Unser zeitloses Handwerk ist oft seiner Zeit voraus

Jubiläen sind immer ein Grund zu feiern, aber auch zu reflektieren. Gerade im Handwerk gibt es viele Familienbetriebe, die sich seit mehreren Generationen auf dem stets wandelnden Markt behaupten. Sie sind ein Fels in der unsicheren Brandung der Tagespolitik, nicht nur ein dankbarer kurzer Punkt in einer Rede. Sie sind nicht Fossil, vielmehr Werkstatt der Macher. Unsere Kolumnistin Ruth Baumann würdigt im Nachgang zu den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen ihres Betriebs Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH mit dieser Ausgabe ihr und unser aller zeitloses Handwerk.

Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg
Ruth Baumann, Landesvorsitzende ufh Baden-Württemberg, widmet diese Folge ihrer Kolumne ihrem Betriebsjubiläum. Sie appelliert für mehr Wertschätzung für zeitloses Handwerk. - © privat

Als einer von unzähligen Familienbetrieben konnten wir kürzlich das 100-jährige Bestehen feiern. Ein Grund zur Freude, aber auch Zeit für Demut und Reflexion. Es ist nicht unsere Leistung, sondern die der Familie, der Mitarbeiter, der Geschäftspartner. Das Zusammenspiel von Verantwortung leben und auch gleichzeitig diese einzufordern war hierbei sicherlich ein wichtiger Faktor. Die Rahmenbedingungen waren wechselhaft, herausfordernd, aber letztendlich dennoch lösbar. Konjunkturelle Schwankungen gab es immer, man hat nicht gejammert oder geprahlt, sondern war bescheiden. Bereit, den Gürtel mal enger, mal weiter zu schnallen. Es waren und sind nicht ein Monat, ein Quartal oder ein Jahr, die das Handeln und den Erfolg beeinflussten, es sind Generationen.

Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und voller Einsatz

Demut, Herzblut, Ehrlichkeit und Vorleben von Werten schrecken künftige Unternehmer nicht ab, sie ertüchtigen sie vielmehr für die Zukunft. Im eigenen Betrieb oder in einem anderen, denn mittlerweile habe ich mehrfach erfahren, dass der handwerkliche Betrieb der Eltern auch in anderen Branchen zum „Gütesiegel“ wurde. Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, voller Einsatz – von Kindesbeinen an gelebte Realität. Ich sehe dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge: die breit gefächerten Karrierechancen überall und die Sorge um die Betriebsübernahmen familiär. Man kann nichts erzwingen, dennoch währt Ehrlichkeit am längsten. Je älter man wird, wird einem die Vergänglichkeit bewusst: die eigene, wie vielleicht auch die betriebliche.

Nagt der Zahn der Zeit? Familie steht für zeitloses Handwerk

Wenn der „Zahn der Zeit“ spürbar wird oder gar nagt, bilanziert man. Wie oft hat die Familie zurückstecken müssen, weil der Betrieb das tägliche Leben bestimmt hat? War man im Ehrenamt zu viel unterwegs, während zu Hause der Frühjahrsputz erst im Sommer erledigt wurde? Ja, dem war sicher so. Aber gleichzeitig stelle ich fest, dass die nächste Generation diesen Weg nun ebenfalls einschlägt. Und wenn ich selbst ehrlich bin, bin auch ich den Weg meiner Eltern und sogar Großeltern gegangen. Familie, Betrieb und Ehrenamt waren nie gegensätzlich, sondern gingen fließend ineinander über.

Mit entsprechendem Zu- und Abgeben, gegenseitiger Unterstützung, einer nötigen Organisation und dafür viel Gemeinschaft, Freude und Erfülltheit. Ob Innung, Unternehmerfrauen, Feuerwehr – es war und ist Teil vieler Familienbetriebe.

Handwerk und Mittelstand werden öffentlich zu wenig gewürdigt

Die große Öffentlichkeit um die Verdienste vieler Handwerker und Mittelständler ist übersichtlich. Während die Auszeichnungen des Fotografen, des Journalisten, des Schauspielers dokumentiert und nachlesbar sind, ist die des Bauunternehmers „verschwunden“. Die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz werden familiär gehütet, aber wichtiger ist, dass das Handeln meines Großvaters selbst nach mehr als 50 Jahren noch wirkt: Besuche von Mitarbeitern bzw. deren Familien oder Gespräche, die zeigen, dass sein Handeln nicht vergessen wurde. Und ja: darauf bin ich stolz. Karrierestreben, Selbstüberschätzung, Ellenbogen – manche vergessen hierbei die eigene Endlichkeit. Zu glauben, man ist der Nabel der Welt und kann selbst die großen Rahmenbedingungen setzen, wäre vermessen. Den Wind kann man nicht ändern, aber die Segel schon.

Meine akademische Ausbildung war wichtig und richtig, dennoch fand ich meine Erfüllung im Handwerk. Während andernorts über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert wurde, Papiere entstanden, Appelle und Forderungen herausgeschrien wurden, habe ich es einfach möglich gemacht. Nicht unbedingt der leichte Weg, dafür aber zielgerichtet und im Ergebnis nachprüfbar. Gleichberechtigung ist kein Thema, es muss gelebt werden. Andere riefen noch nach Frauenquote, während in unseren Betrieben schon unspektakulär Gleichberechtigung längst gelebt wurde.

Mittelständler sichern Arbeitsplätze, leben Familienfreundlichkeit und halten die Balance zwischen Ausgaben und Einnahmen

Vor diesem Hintergrund sehe ich manche Dinge nüchtern, trenne Theorie von erlebbarer Praxis und bin mitunter auch mal der Zeit voraus. Das gefällt nicht jedem, stößt auch an Grenzen, erscheint unberechenbar und dennoch wird es so bleiben. Ich werde und kann nicht zusehen, wie unsere Betriebe gefährdet oder gar geopfert werden. Das bin ich unseren Mitarbeitern und meiner Familie schuldig.

Während viele wollen, können, müssen habe ich mich für das Machen entschieden. Wie viele andere Mittelständler schaffen und sichern wir Arbeitsplätze, leben Familienfreundlichkeit, halten die Balance zwischen Ausgaben und Einnahmen, denn nur so reicht es für künftige Generationen. Wir treffen nötige Entscheidungen, weil meist die Zeit drängt, geben Versprechen, die wir einhalten (bindend auch für Nachfolger) und gestalten mit unserer Arbeit Zukunft: Mit Augenmaß und Verantwortung, damit unsere Betriebe diese noch erleben können.

Unser zeitloses Handwerk ist nicht aus der Zeit gefallen!

Das ist unser Erfahrungsschatz, unser Qualitätssiegel, unser Anspruch und andere müssen den Beweis antreten, dass sie diese Nachhaltigkeit überhaupt können. Das ist Handwerk: nicht aus der Zeit gefallen, sondern zeitlos.

Über Autorin Ruth Baumann:

Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.

Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Bis Februar 2026 war sie Mitglied des Bundesvorstands der CDU und fungierte dort als Vertreterin des Handwerks sowie Unternehmerin zwischen all den Parlamentariern als Mittler der unterschiedlichen Welten.

Zugehörige Themenseiten:
Firmenjubiläum, Frauen im Handwerk, Nachfolge, Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann und Zukunftsperspektiven im Handwerk