Branchen -

Dreifach-Interview Andreas Owen, Wolfgang Plöger und Georg Hiltner zum Wettbewerb im Netz: "Der Schnellere frisst den Langsamen"

Handwerkschefs wollen es wissen: Wie digital bin ich wirklich? Um die Frage zu beantworten hat "Wirsindhandwerk.de" das Digitalisierungsbarometer in einer repräsentativen Studie aufbereitet und dazu mit relevanten Marktteilnehmern den Markt unter die Lupe genommen. Die gute Nachricht: Die Digitalisierung ist im Handwerk angekommen. Doch es gibt noch viel Nachholbedarf.

Topic channels: TS Digitalisierungsbarometer, TS Zukunftsperspektiven im Handwerk und TS Digitalisierung

Für das Digitalisierungsbarometer haben Sie mit Betriebsinhabern aus dem Handwerk zum Status ihrer Digitalisierung gesprochen und dazu auch Wohnungseigentümer, Jugendliche und Experten aus Handwerksorganisationen, Wirtschaft und Wissenschaft befragt:

Aus welchen Gründen haben Sie diese umfangreiche Studie für die Gewerke des Baus und Ausbaus durchgeführt?

Andreas Owen: Als Gründer von Internet-Unternehmen habe ich mich mit dem Start meiner Empfehlungs- und Bewertungsplattform "Wirsindhandwerk.de" vor drei Jahren in die Handwerkswelt begeben. Mit „Wirsindhandwerk.de“ bringen wir den guten Ruf des Handwerkers fair, ehrlich und wertschätzend in die OnlineWelt. Dazu benötigte ich am Anfang eine Vorstellung, wie digital die einzelnen Gewerke tatsächlich sind. Das lässt sich nur über eine 360-Grad-Betrachtung realistisch ermitteln, die sowohl die Sicht des Handwerksbetriebs als auch die Perspektive der Industrie, der Verbände, der Endkunden und der Jugend miteinbezieht. Eine solche Studie gab es bisher noch nicht, daher haben wir sie nun umgesetzt. Letztlich stellen sich auch die Betriebschefs die Frage: Wie digital bin ich eigentlich im Vergleich zu anderen und welche digitalen Anforderungen hat der Endkunde oder die Jugend an meinen Betrieb?

Wir sind neugierig: Wie digital sind die Handwerker?

Wolfgang Plöger: Vom Gesamtdigitalisierungsindex mit 100 Punkten verbucht das Handwerk über alle Gewerke des Baus und Ausbaus sowie alle Betriebsgrößen hinweg nur 37 Punkte. Da gibt es insgesamt viel Nachholbedarf, der allerdings nicht überall gleich ist: Die digitalisiertesten Betriebe liegen bei 88, die am wenigsten digitalisierten bei elf Punkten. Die Spannbreite ist da sehr hoch.

Wie vergleichen Sie die einzelnen Betriebe in der Studie miteinander?

Plöger: Um festzustellen wie digital ein Betrieb aufgestellt ist, haben wir 42 Indikatoren identifiziert und sie vier Digitalisierungsdimensionen zugeordnet: Betriebsführung und -entwicklung, Marktkommunikation, Geschäfts- und Verwaltungsprozesse sowie betriebliche Leistungserbringung. Dann haben wir geprüft, welche Indikatoren jeweils im betrieblichen Alltag genutzt werden, addiert und auf Basis der Relevanzeinschätzung durch die Experten gewichtet.

Wie stimmen empirische Ergebnisse mit dem Bauchgefühl überein?

Georg Hiltner: Für uns hat sich bestätigt, dass das Thema Digitalisierung in den Betrieben voll angekommen ist. Über alle Gewerke hinweg haben die Betriebschefs die Wichtigkeit erkannt. Jedoch besteht eine große Verunsicherung darüber, wie sich die Digitalisierung umsetzen lässt – insbesondere in den kleineren Betrieben, die noch nicht so digitalaffin sind. Bei den Handwerkskammern ist es uns ein großes Anliegen zu erfahren, wo die Betriebe stehen und wie wir sie bei dem Prozess noch stärker begleiten können. Ausgerichtet an ihren unternehmerischen Zielen, möchten wir den Betrieben dabei helfen, ihre mobile Baustelle mit dem Büro und weiter zum Kunden zu verknüpfen und dazu die passende IT-Infrastruktur heranzuziehen.

Teamwork (v.l.): Wolfgang Plöger, Lab4Innovation, Andreas Owen, Wirsindhandwerk.de, Georg Hiltner, Handwerkskammer Konstanz
Wo sind die Handwerksbetriebe denn am besten aufgestellt – und wo gibt es noch Luft nach oben?

Plöger: Bei den Geschäfts- und Verwaltungsprozessen sind die Betriebe mit 43 Punkten im Schnitt am besten aufgestellt. Erst muss das Büro digitalisiert sein, bevor andere Dinge drankommen. Bei den weiteren Schritten, wie sich einzelne Prozesse strukturieren und steuern lassen, gehen die Handwerksbetriebe allerdings weniger gut vor. Mit unserer Studie möchten wir dabei helfen, das notwendige Pensum auf ein verträgliches Maß zu reduzieren und gemeinsam mit Beratern vernünftig festzulegen: Was brauchen Betriebe im ersten, zweiten und dritten Schritt? Ein Ergebnis der Studie ist, dass diejenigen, die eine deutliche Veränderung ihres beruflichen Alltags durch die Digitalisierung erleben, das überwiegend positiv bewerten.

Owen: Bei der Marktkommunikation sind die Betriebe mit einer Website, Bebilderung und Kontaktformular schon relativ gut aufgestellt. Was noch komplett im Argen liegt, ist der echte Dialog mit den Kunden auf der Website. Das gelingt zum Beispiel über ein Terminbuchungs-Tool oder einen Online-Konfigurator, der dem Kunden eine Preisübersicht über einzelne Leistungen bietet. Auch das Thema Auffindbarkeit und Bewertungen im Netz ist bei vielen noch nicht umgesetzt. Dabei spielen gerade für den Endkunden die Bewertungen der Handwerksbetriebe im Internet eine große Rolle: So würden 89 Prozent der Endkunden einen Betrieb bevorzugen, der im Internet gute Bewertungen hat. Ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass traditionelles Verhalten wie die persönliche Weiterempfehlung eines Handwerkers, bereits in der digitalen Welt angekommen ist und gelebt wird.

Manche Betriebe haben bei der Digitalisierung die Höchstzahl 88 Punkte erreicht – wer ist das? Das Bauchgefühl lässt da junge Handwerkschefs und eher große Betriebe vermuten.

Plöger: Das stimmt, je größer die Betriebe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie digital geführt sind. Das gilt auch für jüngere und gebildetere Betriebsinhaber sowie solche, die in der Stadt ansässig sind. Hier haben wir es laut der Typologie unserer Studie vor allem mit digitalen Handwerkern bei größeren Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern zu tun, ihr Digitalisierungsgrad beläuft sich auf fast 90 Punkte. Dagegen zählen die bodenständigen Handwerker aus kleinen Betrieben mit zwölf Punkten zu denjenigen, die digitale Technologien noch sehr sparsam einsetzen. Dieselbe Kluft gibt es in der Gesellschaft insgesamt.

Hiltner: Seit Jahren erleben wir einen Strukturwandel, der sich noch einmal beschleunigt hat: Im Bau und Ausbau entstehen – auch über Zukäufe – immer größere Betriebseinheiten. Dort bedarf es einer professionellen Personalwirtschaft, um zahlreichen Mitarbeiter zu managen, die sich im Büro oder auf der Baustelle aufhalten, und den Dialog mit den Kunden zu führen. In diesen Betrieben stellen wir einen großen Digitalisierungsschub fest. Hinzu kommt, dass sich Betriebschefs in einer Lebensphase von Mitte 30 bis Ende 40 Jahren als handwerkliche Unternehmer deutlich weiterentwickeln möchten. Das sind laut der Typologie in unserer Studie die digitalen, aber auch die strategischen Handwerker mit einer sachlichen Herangehensweise. Beide managen ihre Betriebe expansiv und betrachten ihre erreichten Resultate differenzierter. Das führt dazu, dass sie häufiger unzufrieden mit ihrer Digitalisierungsleistung sind. Kleinere Betriebe dagegen sind mit den ersten Ergebnissen, digitale Technologien einzubinden, meist schon sehr zufrieden.

Kleinere Betriebe benötigen ja in der Regel auch weniger digitale Tools.

Plöger: Ja, sie brauchen weniger, aber auch da gibt es eine große Spreizung: Manche Betriebe liegen bei 44, manche nur bei elf Punkten. Allein daran lässt sich ablesen, dass viel mehr möglich ist. Das Maß der Zufriedenheit ist daher sehr trügerisch. Wer zu sehr mit sich zufrieden ist, sieht die Chancen nicht.

Owen: Gerade die jüngeren digitalaffinen Handwerkschefs haben ein besseres Gefühl dafür, wie sich Angebot und Nachfrage über das Internet entwickeln. Im Netz entstehen viele Plattformen, die das historische Marketing im Handwerk durcheinanderwirbeln und die Art und Weise verändern, wie Kunden ihren Handwerker auswählen. Vermittlungsplattformen zum Beispiel bündeln die Nachfrage im Internet und generieren daraus Anfragen, die sie an Handwerker weitergeben oder Baumärkte wie Obi vermitteln heute selbst Handwerksleistungen an Betriebe. Die Handwerksbetriebe sollten sich diesen neuen digitalen Herausforderungen stellen, damit der eigene Betrieb zukünftig nicht nur als "Werkbank" agiert. Das wäre sehr schade.

Wie können Handwerkschefs die Chancen der Digitalisierung für sich nutzen – und Traditionen wahren?

Hiltner: Wichtig ist, dass das Handwerk trotz aller Veränderungen Handwerk bleibt. Was das Handwerk über Generationen hinweg geprägt hat, darf nicht verloren gehen. Die Digitalisierung hält jedoch neue Chancen für Betriebschefs bereit, im direkten Gespräch mit den Endkunden die eigenen Leistungen darzustellen – und dabei den Betrieb weiterhin nach den eigenen Wertvorstellungen zu führen. Die Veränderung in der Wertschöpfungskette verlangt vom Handwerk außerdem, mit der Industrie und den Herstellern stärker in Dialog zu treten, das ist handwerkspolitisch bedeutend und ist ein riesiger Themenkomplex: Denn Handwerker benötigen die entsprechenden Zugänge zum Markt nicht nur im Netz, sondern auch in Bezug auf die Digitalisierung der Industrie. Im Bereich Smart Home etwa entstehen ganz neue Anlagen, die installiert und gewartet werden müssen. Handwerker dürfen hier nicht den Anschluss verlieren.

Owen: Auch auf dem Bau gehen dem Handwerker immer häufiger digitale Instrumente zur Hand, wie etwa Drohnen beim Vermessen eines Dachs. Das zeigt sehr schön: Die Digitalisierung spielt eine große Rolle dabei, wie sich das Handwerk weiterentwickelt.

Verstehen sich manche Gewerke besser auf die Digitalisierung als andere?

Plöger: Das Elektro-Handwerk führt mit 44 Punkten, SHK folgt mit 41, Maler, Fliesen- und Mosaikleger schließen sich mit knapp über 30 Punkten an. Die Unterschiede sind da nicht so riesig im Vergleich zu Parametern wie Betriebsgröße, Alter und Bildung. Das zeigt: Die Gewerke haben es mit den gleichen Themen zu tun, was eine gewerkeübergreifende Zusammenarbeit erleichtert. Die Gewerke könnten sich untereinander noch viel stärker  austauschen und voneinander lernen. Unsere Studie hat gezeigt, dass die Motivation dafür vorhanden ist: Mit 83 Prozent ist die Mehrheit der befragten Handwerkschefs der Ansicht, dass die Digitalisierung positiv verändern wird. Natürlich gibt es mit zehn Prozent auch einige wenige, die das negieren. Unterm Strich gibt es aber sehr viel Rückenwind.

Welchen Rat geben Sie Handwerkschefs basierend auf der Studie?

Owen: Das Internet ist kein Schnupfen, der nach sieben Tagen vorbei ist. Daher sollten sich Handwerksbetriebe unbedingt mit der Digitalisierung beschäftigen – und jetzt damit anfangen, um zeitnah die Früchte zu ernten. Die gute Nachricht dabei ist: Im Netz frisst der Größere nicht den Kleineren, sondern der Schnellere den Langsamen.

Über die Studie

Das Digitalisierungsbarometer ist ein empirisch fundiertes Forschungskonzept, um ein ganzheitliches Bild der Digitalisierung im Handwerk in ausgewählten Gewerken des Baus und Ausbaus zu zeichnen. Initiator der Studie ist die Empfehlungs- und Bewertungsplattform „Wirsindhandwerk.de“ in Zusammenarbeit mit Lab4Innovations und Unterstützung des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) und des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau. Im Zeitraum November 2019 bis Oktober 2020 wurden in Telefon- und Online-Erhebungen 1.800 Handwerker, 1.000 Endkunden, 900 Jugendliche und 70 Experten befragt. Hinzu kamen 24 offene Interviews mit Handwerkern und Betriebsinhabern sowie drei Gruppendiskussionen.

Zu den Personen:

Andreas Owen (im Bild: Mitte) ist Gründer und Geschäftsführer der Empfehlungs- und Bewertungsplattform „Wirsindhandwerk.de“. Zuvor gründete er Internet-Unternehmen wie Global Business Contact, Suchtreffer und Cyberlago .

Wolfgang Plöger (im Bild: links) ist Direktor Forschung und Beratung bei Lab4Innovations in Dietzenbach. Der studierte Psychologe gehörte mehr als 15 Jahre lang dem Management Board des Sinus-Instituts an.

Georg Hiltner (im Bild: rechts) ist seit 2009 Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz . Zuvor war er Bereichsleiter Marketing-Management und Mitglied der erweiterten Unternehmensleitung bei Rudolph Wöhrl in Nürnberg.

© handwerk-magazin.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen