Fahrbericht VW Amarok: Pick-up-Comeback mit Allrad und Dieselantrieb

Zugehörige Themenseiten:
Autotest, Dieselfahrzeuge, Fuhrpark und Pick-ups

VW Nutzfahrzeuge hat den Amarok mit Unterstützung von Ford neu aufgelegt. Und macht mit seinem Pick-up neugierig auf mehr – gerade im Handwerkermarkt.

Was darf’s denn sein, Straße, Piste, Baustelle? Der Amarok macht hier wie dort eine gute Figur.
Was darf’s denn sein, Straße, Piste, Baustelle? Der Amarok macht hier wie dort eine gute Figur. - © Randolf Unruh

Thomas Greß lächelt und schüttelt den Kopf: „Was hat er denn da wieder.“ Der Chef des gleichnamigen Baustoffhandels steht mehr auf Nutzfahrzeug-Klassiker. Inzwischen hat sich Greß halbwegs an E-Transporter als Testwagen gewöhnt, die er für die Redaktion per Stapler mit Ballast befrachtet. Nun fährt mal wieder ein Diesel vor – und was für einer, gut verpackt in einem Pick-up.

Beliebt und individuell


Davon gibt es nicht mehr viele in Mittel­europa. Obwohl im Handwerk beliebt, sind große Namen verschwunden. VW Nutzfahrzeuge bekommt’s hin, dank enger Zusammenarbeit mit Ford, als Ableger von dessen Bestseller namens Ranger. Ford hat den Pick-up in Australien federführend entwickelt, fertigt ihn in Südafrika. Die Hannoveraner haben kräftig mitgemischt, heißt es. Und den Amarok im Stil des Hauses eingekleidet. ­Identisch ist neben der Technik das Oberteil der Karosserie mit Fenstern, Säulen, Dach. Hier fährt der VW in einem schmutzempfind­lichen Blauton vor, der mitunter wie ein strapazierfähiger Blaumann wirkt.

Hinauf mit der Palette voller 25-Kilo-­Säcke Schnellbeton auf die Pritsche. Längs eingeparkt, denn die versprochene Breite zwischen den Radkästen für die Palette quer funktioniert nicht, falls die rutschige Kunststoffauskleidung – typisch Ford – den Laderaum schützt. Die Bordkante liegt hoch, Festzurren an den gewohnten Ösen ist von außen nur Riesen möglich. Ergänzend gibt es Beschläge an der Oberkante. Sie wirken zwar handfest, doch warum keine gewohnten Airline-Schienen? Typisch Pick-up: Die Kraxelei zum Ladedeck ist nicht ganz ohne. Kollege Ranger bietet mit einer seitlichen Trittstufe mehr Möglichkeiten. Zur vollen Auslastung und besseren Gewichtsverteilung nimmt im Testwagen ein halbes Dutzend schwerer Pakete auf der umgeklappten Rückbanklehne Platz.

Auf geht’s zur Verbrauchsfahrt. Der Amarok absolviert sie souverän. Keine Überraschung angesichts der Top-Motorisierung mit V6-Diesel, 177 kW/240 PS und einem satten Drehmoment von 600 Nm. Er beweist mit überraschender Wendigkeit, wie flink Bullige sein können. Zwar gönnt sich der Antrieb beim kräftigen Tritt aufs Gas angesichts der vielstufigen Automatik erst eine Gedenksekunde, doch im Anschluss peitscht er den Amarok nach vorne. Trotz des stattlichen Leer­gewichts von gut 2,4 Tonnen.

Mächtig und durstig

Der Turbodiesel arbeitet leise und laufruhig, er verspürt indes auch großen Durst. Auf der Teststrecke konsumiert der beladene Pick-up über die Stadt- und Überland­etappe über zehn Liter, im gestreckten Galopp um die 15 Liter. Macht im Schnitt 11,4 Liter auf 100 Kilometern. Um die zwölf Liter sollten Amarok-Eigner also einkalkulieren. Abseits der Straße oder im Anhängerbetrieb – der VW darf 3,5 Tonnen ziehen – wird’s dann individuell teurer. V6-Käufer wissen das alles und für Sparer gibt es den schlanken Zweiliter-TDI. Insgesamt offerieren die Niedersachsen vier Motor-Getriebe-Varianten. Der große Diesel ist mit einer Zehngang-Automatik verbunden, Marke Ford wie der gesamte Antrieb. So weich das Getriebe schaltet, so übereifrig bis hektisch agiert es selbst bei gelassenem Gasfuß, missachtet die Durchzugskraft des Diesels.

Auf der Straße bewegt sich der Amarok hochherrschaftlich. Schneidige Kurvenfahrten übernehmen daher andere. Grob profilierte All-Terrain-Reifen suchen sich ihren Weg, die Lenkung aber gehorcht jedem Fingerzeig. Die vielfältigen Assistenzsysteme arbeiten zuverlässig. Der Fahrkomfort überrascht, trotz Blattfeder-Hinterachse: Auf kurzwelligen Fahrbahnen tanzt der Amarok ein wenig Rock ‘n‘ Roll, Schlaglöcher meldet er weiter. Generell aber benimmt er sich verblüffend gediegen.

Hochwertig und Offroad-affin

Der Einstieg – eher ein seitliches Hineinschieben – verlangt nach etwas Übung. Drinnen genießen Fahrer und Beifahrer genug Raum, gute Sitze und die recht hochwertigen Materialien der Top-Variante Amarok Aventura. Die Instrumente sind gut ablesbar, die Bedienung erfordert für Feineinstellungen eine gewisse Konzentration, VW eben. Im Mannschaftsabteil geht es nüchterner zu und die Beinfreiheit ist begrenzt.

Pick-up heißt nicht überall automatisch Offroad-Fähigkeit, anders beim Amarok in Europa. In der Spitzenausführung verbrämt mit einem „erweiterten zuschaltbaren Allradantrieb“, so die niedersächsisch-nüchterne Bezeichnung. Auf der Straße fährt der Amarok allein mit angetriebener Hinterachse. Das entsprechende Kürzel auf dem Drehregler in der Mittelkonsole lautet 2H. Die nächste Stufe heißt 4A, dann verteilt der VW sein Drehmoment nach Bedarf variabel zwischen den Achsen. 4H bedeutet starre Kraftverteilung im Verhältnis 50:50. Für harte Einsätze ist 4L zuständig, eine Untersetzung mit dem deftigen Wert von 3:1. Das bedeutet eine Verdreifachung der ohnehin enormen Zugkraft. Gleichzeitig fällt die Höchstgeschwindigkeit auf ein Drittel. Zusammen mit diversen Fahrprogrammen und der zuschaltbaren elektronischen Differenzialsperre an der Hinterachse verwandelt sich der Amarok somit Schritt für Schritt in einen Fast-­alles-Überwinder. Das vielstufige Getriebe verliert in 4L indes seine Sanftheit, schaltet ruckartig, keilt aus und gibt dem Fahrer manchen Schlag ins Kreuz.

Hauptsache aber, der Amarok kraxelt über Stock und Stein und wühlt sich durch Baustelle und Gelände, benimmt sich gesittet auf der Straße.

VW Amarok Aventura

  • Abmessungen (L/B/H): 5.350/1.917/1.884 mm
  • Radstand: 3.270 mm
  • Wendekreis: 12.900 mm
  • Laderaum (L/B/H): 1.651/1.584/529 mm
  • Breite zw. Radkästen: 1.209 mm (Serie)
  • Ladekapazität: 1,2 m³
  • Leergewicht Testwagen: 2.440 kg
  • Nutzlast: 750 kg
  • Zul. Gesamtgewicht: 3.190 kg
  • Anhängelast bei 12 % Steigung: 3.500 kg
  • Zul. Zuggesamtgewicht: 6.400 kg
  • Motor: Turbodiesel
  • Hubraum: 2.993 cm³
  • Leistung: 177 kW/240 PS
  • Drehmoment: 600 Nm
  • Getriebe: Zehngang-Wandlerautomatik
  • Antrieb: auf die Hinterachse, zuschaltbarer Allradantrieb
  • Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h
  • Verbrauch (WLTP): 10,1 l/100 km
  • CO2-Emissionen: 266 g/km
  • Teststrecke beladen: 11,4 l/100 km
  • Testverbrauch beladen: min./max. 10,4/15,5 l/100 km
  • Testverbrauch Adblue: 0,32 l/100 km
  • Preis (exkl. MwSt.): Amarok Aventura ab 58.961 Euro
  • Grundpreis Baureihe (exkl. MwSt.): 39.626 Euro