Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 60. Folge VOB: Stillstand auf der Baustelle? Das können Sie dagegen tun

Sie stehen morgens auf, fahren zur Baustelle – und wieder einmal steht alles still. Kein Plan, keine Ansage, keine Entschuldigung. Einfach Stillstand. VOB-Trainer Andreas Scheibe erklärt in seiner Kolumne, was Sie bei Stillstand auf der Baustelle tun können, damit Ihnen nicht Ihr Geld durch die Lappen geht.

Mit jedem Stillstand auf der Baustelle, den Sie stillschweigend hinnehmen, mit jedem Nachtrag, den Sie nicht abrechnen, und mit jeder Forderung, die Sie aus falsch verstandener Bescheidenheit zurückhalten, schenken Sie Geld her. (Bild mithilfe von KI erstellt) - © CrazyJuke - stock.adobe.com

Manchmal ist es zum Verzweifeln. Sie stehen morgens auf, fahren zur Baustelle – und wieder einmal steht alles still. Kein Plan, keine Ansage, keine Entschuldigung. Einfach Stillstand auf der Baustelle. Und während Ihre Mitarbeiter warten, Ihre Maschinen stehen und Kosten laufen, schiebt irgendwo ein Architekt Unterlagen hin und her oder ein Auftraggeber die Verantwortung von sich. Dieses Spiel kennt jeder Handwerker. Und viel zu viele spielen es – schweigend, geduldig und auf eigene Kosten. Aber es reicht!

Die Wahrheit ist: Mit jeder Unterbrechung, die Sie stillschweigend hinnehmen, mit jedem Nachtrag, den Sie nicht abrechnen, und mit jeder Forderung, die Sie aus falsch verstandener Bescheidenheit zurückhalten, schenken Sie Geld her. Ihr Geld. Geld, das Sie sich verdient haben. Geld, das Ihren Mitarbeitern, Ihrer Familie und Ihrem Betrieb gehört.

Was Ihnen täglich passiert – und warum es nicht normal ist

Projekte werden verschoben, ohne Rücksicht auf Ressourcen. Architekten und Fachplaner liefern Unterlagen, die so lückenhaft sind, dass Sie mehr Zeit mit Nachfragen verbringen als mit Arbeiten. Öffentliche Auftraggeber, die mit Steuergeldern hantieren, drücken Ihre Preise, ignorieren berechtigte Forderungen und schieben die Verantwortung weiter – solange Sie es zulassen. Das ist kein Pech. Das ist ein System. Und Sie haben die Wahl, ob Sie weiter ein Teil davon sind oder ob Sie anfangen, sich zu wehren.

Was Ihnen die VOB in Sachen Stillstand auf der Baustelle vorgibt – und was Sie davon nutzen sollten

Sie sind nicht schutzlos. Die VOB steht auf Ihrer Seite – wenn Sie es kennen und konsequent anwenden. Kommt es zu einer Bauunterbrechung von mehr als drei Monaten, haben Sie nach § 6 Abs. 7 VOB/B das Recht, den Vertrag zu kündigen und eine vollständige Abrechnung zu verlangen. Keine Bitte, kein Kompromiss – ein Recht. Darüber hinaus stehen Ihnen Entschädigungen für Baustellenräumung, Personalstillstand und Materialvorhaltung zu. Auch der Mehraufwand, den Sie durch erzwungene Umplanungen Ihrer Ressourcen tragen, ist kein Betriebsrisiko, das Sie einfach schlucken – er ist Teil Ihres berechtigten Anspruchs.

Ihr Plan gegen den Stillstand auf der Baustelle – weil Wissen allein nicht reicht

Wissen ist der erste Schritt, aber Handeln ist der entscheidende. Berechnen Sie vorab, was eine Unterbrechung oder eine vorzeitige Kündigung Ihren Betrieb kosten würde. Erstellen Sie Musterabrechnungen für verschiedene Szenarien, damit Sie im Ernstfall nicht improvisieren müssen, sondern souverän reagieren können. Dokumentieren Sie jeden Stillstand, jede fehlende Unterlage, jede mündliche Zusage, die nicht gehalten wurde. Denn wer dokumentiert, hat Argumente. Und wer Argumente hat, wird ernst genommen.

Kommunizieren Sie klar und frühzeitig. Zeigen Sie dem Auftraggeber, welche Konsequenzen sein Verhalten hat – nicht als Drohung, sondern als sachliche Information. Bieten Sie Lösungen an, die für beide Seiten funktionieren. Aber gehen Sie niemals mit leeren Händen und noch leererem Konto aus einem Gespräch heraus, weil Sie sich nicht getraut haben, das Offensichtliche auszusprechen.

Verhalten Sie sich wie ein Unternehmer – weil Ihr Betrieb es verdient

Sie haben den Betrieb nicht aufgebaut, um Jahr für Jahr Verluste zu machen, die andere verursacht haben und Sie sind nicht früh aufgestanden, haben Risiken getragen und Verantwortung für Ihre Mitarbeiter übernommen, damit am Ende jemand anderes die Früchte einsammelt. Sie sind kein Lohnempfänger, der still seinen Dienst tut, Sie sind Unternehmer. Und es wird höchste Zeit, dass Sie sich auch so verhalten.

Der Druck auf Handwerksbetriebe wird nicht kleiner. Die Margen werden enger, die Anforderungen größer und die Auftraggeber nicht besser. Aber genau jetzt – in diesem Moment – haben Sie die Möglichkeit, die Kontrolle zurückzugewinnen. Mit Wissen, mit Konsequenz, mit dem Bewusstsein, dass Ihnen etwas zusteht und dass Sie bereit sind, es einzufordern.

Über den Autor Andreas Scheibe:
© Continu-ING GmbH - © Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"

Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de

Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"

Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.

In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.

der-professionelle-bauablauf.de

Zugehörige Themenseiten:
Baurecht, Liquiditätsmanagement und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe