Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 42. Folge VOB: Nicht ausnutzen lassen! Die Koordinationspflicht liegt nicht beim Handwerker


Viele Handwerker glauben, sie müssten immer "Gewehr bei Fuß" stehen und alle Aufgaben übernehmen, die der Fachplaner ihnen zuschustert. Dazu kommen oft auch unfaire Vertragsklauseln, die ihnen mehr Verantwortung aufhalsen als rechtlich überhaupt erlaubt ist. Es wird Zeit, diese Unklarheiten bei der Koordinationspflicht aus dem Weg zu räumen und Handwerker davor zu schützen, ausgenutzt zu werden, findet VOB-Trainer und Kolumnist Andreas Scheibe in der neuesten Folge von „Professioneller Bauablauf“.

Kolumne „Professioneller Bauablauf“ Folge 42 von Andreas Scheibe
Handwerker müssen nicht alle Aufgaben übernehmen, die ihnen vom Fachplaner übertragen werden. - © auremar - stock.adobe.com

Immer wieder erleben wir das gleiche Spiel: Der Fachplaner oder Bauleiter versucht die Verantwortung auf den Handwerker abzuwälzen. Und als wäre das nicht genug, tauchen in den Verträgen auch immer wieder unwirksame Klauseln auf, die dem Handwerker noch mehr Pflichten zuschieben sollen als es die VOB vorsieht. Doch wer die Kooperations- und Koordinationspflicht auf Baustellen verstanden hat, weiß: Die Aufgaben sind klar verteilt und nicht jeder muss sich um alles kümmern.

Die Kooperationspflicht der Handwerker

Ja, Handwerker haben die Kooperationspflicht. Das bedeutet, sie müssen darauf achten, dass ihre Arbeiten sicher ablaufen und niemanden gefährden. Wenn eine andere Firma auf der Baustelle Mist baut oder Sicherheitsmaßnahmen ignoriert, dann dürfen Handwerker nicht wegsehen. Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen, damit niemand in Gefahr gerät. So weit, so gut – das ist selbstverständlich und betrifft alle auf der Baustelle.

Die Koordinationspflicht der Bauleiter und Fachplaner

Aber jetzt kommt das Entscheidende: Die Koordinationspflicht liegt nicht beim Handwerker! Der Job, alle Gewerke so zu planen und zu organisieren, dass die Baustelle reibungslos und sicher läuft, liegt ganz klar bei Bauleiter und Fachplaner. Und nicht bei den Gewerken auf der Baustelle. Handwerker haben genügend mit ihrer eigentlichen Arbeit zu tun, sie müssen nicht noch die Verantwortung für die komplette Baustellenkoordination tragen. Die ist nämlich Job des Planers zum Beispiel mit seinem Bauzeitenplan (den es tatsächlich selten in einer aktuellen Form gibt).

Koordinationspflicht für das Handwerk durch unwirksame Klauseln

Und als ob das nicht reicht, versuchen manche Auftraggeber, den Handwerkern über den Vertrag noch weitere Verantwortung aufzudrücken. Unwirksame Klauseln sind ein beliebtes Mittel, um mehr Pflichten zu übertragen, als das Gesetz eigentlich erlaubt. Ein Beispiel? Vertragsstrafen für jede kleine Verzögerung. Laut VOB/B (§ 11, Vertragsstrafe) dürfen Vertragsstrafen nur für wesentliche Verzögerungen oder Verstöße gelten, und selbst dann müssen sie verhältnismäßig sein. Auftraggeber, die versuchen dem Handwerker für jede noch so kleine Verzögerung oder Unregelmäßigkeit eine Strafe aufzubrummen – sei es wegen Lieferproblemen oder minimalen Abweichungen im Bauablauf – handeln schlichtweg rechtswidrig. Also bitte merken: Eine solche Klausel „benachteiligt den Handwerker unverhältnismäßig“ und ist daher rechtlich unwirksam.

Von unfairen Strafklauseln, die eine Koordinationspflicht erwirken und unangemessenen Regelungen nicht einschüchtern lassen

Stellen Sie sich vor, im Vertrag steht: „Für jede Verzögerung bei der Ausführung haftet der Handwerker mit einer Vertragsstrafe von einem Prozent der Auftragssumme pro Tag.“ Das klingt erstmal harmlos, ist aber in der Praxis oft nicht haltbar. Eine solche pauschale Regelung ist unangemessen, wenn sie auch für Fälle gilt, in denen der Handwerker keine Schuld trägt, etwa wenn ein anderes Gewerk den Bauablauf verzögert oder der Bauherr selbst einen Extrawunsch äußert und somit alles verzögert. Das BGB und die VOB/B sehen vor, dass Vertragsstrafen nur bei schuldhaftem Verhalten und unter angemessenen Bedingungen greifen dürfen. Solche unfairen Strafklauseln sind damit unwirksam und Handwerker sollten sich nicht einschüchtern lassen, wenn solche Regelungen in Verträgen auftauchen.

Allein auf die Ausführung konzentrieren

Lassen Sie sich als Handwerker also nicht einreden, dass Sie für die Koordination der Baustelle oder irgendwelche übertriebenen Vertragsstrafen zuständig sind. Ihr Job ist die Ausführung, nicht das Management und nicht das Abwälzen von Verantwortung. Wenn es wieder heißt „Organisiere das alles mal“, dann seien Sie mutig und klären auf, was wirklich in den Zuständigkeitsbereich fällt. Kooperativ natürlich. Und was Verträge angeht: Achten Sie auf unwirksame Klauseln, die mehr aufhalsen wollen als die VOB zulässt.

Über Autor Andreas Scheibe:
Andreas Scheibe
© Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (lücken-im-lv.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"

Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de

Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"

Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.

In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.

der-professionelle-bauablauf.de

Zugehörige Themenseiten:
Auftragsabwicklung, Baurecht und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe