Interview Rainer Reichhold zum Seifriz-Preis: „Lösungen, die aus dem Bedarf heraus entstehen“

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Im Handwerk steckt viel Innovationskraft – da ist sich Rainer Reichhold, Handwerksunternehmer und ­Handwerkskammerpräsident der Region Stuttgart, sicher. Ein Gespräch mit dem Seifriz-Preis-Jurymitglied über ­Theoretiker und Praktiker, Wow-Effekte und ­Innovationssprünge.

Rainer Reichhold
Rainer Reichhold ist Handwerksunternehmer aus Nürtingen und unter anderem Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT). – © Christian Mader
handwerk magazin: Herr Reichhold, seit 2007 gehören Sie der Seifriz-Preis-Jury an. Haben Sie sich beim Sichten der Bewerbungen schon mal gedacht: Mensch, so eine Idee hätte mir auch kommen können?

Rainer Reichhold: (lacht) Eine schwierige Frage. Ich würde es anders formulieren. Wir haben alle zwei Jahre viele Bewerbungen auf den Seifriz-Preis, die ganz unterschiedliche Ansatzpunkte haben. Und: Jedes dieser Themen ist spannend – es sind immer Lösungen, die aus einem Bedarf heraus entstehen. Es setzt sich ja niemand hin und überlegt sich etwas Tolles, um Seifriz-Preisträger zu werden. Sondern der Werdegang ist so: Ich habe ein Problem, suche nach einer Lösung und brauche vielleicht jemanden, der mir hilft. Wo finde ich den? Hoffentlich über die Beratung in meiner Kammer, etwa über den Innovationsberater. Denn ein Experte muss das Matching mit den Hochschulen oder Universitäten hinbekommen. Zu Ihrer Frage: Ich selber wollte noch nichts einreichen, ich bin Anwender, nicht Entwickler.

Wie hat sich denn die Art und Weise der Projekte über die Jahre verändert? Mehr in Richtung Digitalisierung und Prozesse?

Ich denke schon, dass der technische Fortschritt, der technologische Wandel und die damit einhergehende Digitalisierung einen wesentlichen Anteil an den Projekten hat. Natürlich kann das Produkt, das am Ende entsteht, eine klassische Befestigung für ein bestimmtes Bauteil sein, aber die Entwicklung läuft heute in einem Prozess – und der ist digital.

Die Bewerbungsphase läuft bereits. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die neuen Einreichungen und warum?

Ich habe großes Interesse daran, dass sich möglichst viele bewerben und dass sich diejenigen bewerben, die glauben, ihr Produkt sei kein alltägliches. Ich möchte gerne erreichen, dass die Unternehmer, die einen Fortschritt erreicht haben, diesen Innovationssprung auch sehen. Manchmal ist der Blick von außen dabei hilfreich, beispielsweise über unsere Innovationsberater. Dieser kleine Schubs ist beim Schulterschluss zwischen Professor und Handwerker mitunter nützlich.

Warum liegt Ihnen dieser Schulterschluss zwischen Handwerk und Wissenschaft aktuell so am Herzen?

Deutschland ist ein Wissenschaftsstandort. Auf dieser Seite haben wir Theoretiker, die eine Idee haben und sagen, das wäre doch die Lösung für diejenigen, die in der Praxis mit dieser oder jener Technologie umgehen müssen. Mein Appell an Forschung und Entwicklung: Die Innovationen können wir dringend gebrauchen!

Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein Gewinnerprojekt aus?

Es sind zwei Dinge, die das Unternehmen beflügelt, so etwas zu tun. Erstens: Man will erfolgreich sein und ein Produkt am Markt platzieren. Zweitens: Es soll sich auch der wirtschaftliche Erfolg einstellen. Beides würde ich den Unternehmen wünschen.

Gestatten Sie uns einen Blick hinter die Kulissen: Wie gehen Sie persönlich bei der Bewertung der Projekte vor?

Unser Kriterienkatalog fragt natürlich ab, wie hoch die Innovationskraft des Projekts ist. Davor stelle ich mir Fragen wie: Gibt es das schon? Wie innovativ ist der Ansatz? Existiert dafür ein Markt? Kann das Projekt wirtschaftlich erfolgreich sein? Denn ich hätte schon gerne, dass das Produkt oder die Lösung auch Abnehmer finden.

Im März bekommt der Seifriz-Preis mit der „Zukunft Handwerk“ eine große Bühne. Eine besondere Wertschätzung für die Preisträger 2022, oder?

Es gibt nichts, was vergleichbar wäre! Das gesamte Handwerk trifft sich zum Zeitpunkt der bisherigen Handwerksmesse in München und stellt dort den Part Zukunft Handwerk dar. Ein besseres Umfeld kann es für den Preis nicht geben. Da bin ich richtig stolz darauf, dass wir diese Plattform haben!

Last, but not least: Welche Impulse nehmen Sie persönlich alle zwei Jahre von den innovativen Preisträgern mit?

Für mich ist das jedes Mal ein Wow-Effekt! Mensch, haben wir tolle Betriebe. Es sind immer spannende Themen und Lösungsvorschläge dabei. Mich als Unternehmer im Elektro-Handwerk interessiert natürlich vor allem ein Ansatz, der mein Gewerk betrifft. So wäre der Preis aber zu schmal. Ich nehme also nicht jedes Mal einen Gewinn für mein Unternehmen mit, aber als Verantwortlicher einer Kammer freue ich mich darüber, zu sehen, wo das Handwerk überall gebraucht wird.

Herr Reichhold, vielen Dank für das Gespräch und den Blick hinter die Kulissen.

Vita Rainer Reichhold

Seit dem Jahr 2007 ist Rainer Reichhold, Jahrgang 1958, Mitglied der Seifriz-Preis-Jury. Der engagierte Unternehmer legte im Jahr 1983 die Meisterprüfung im Elektroinstallateur-Handwerk ab und machte im selben Jahr den Abschluss zum Betriebswirt des Handwerks. Vier Jahre später übernahm er als geschäftsführender Gesellschafter die Leitung der Firma Elektro Nürk in Nürtingen-Zizishausen. Auch ehrenamtlich treibt der Träger des Bundesverdienstkreuzes seit Mitte der 1980er-Jahre die Belange des Handwerks intensiv voran: Aktuell ist Reichhold unter anderem Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) und Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH).

Seifriz-Preis: Ihre Innovationen sind gefragt

Insgesamt 25.000 Euro an Preisgeld und eine Beteiligung bei der „Zukunft Handwerk“ warten auf die innovativen Impulsgeber aus dem Handwerk. Die Bewerbungsphase für den renommierten Seifriz-Preis läuft noch bis zum 15. Januar.

Wenn vom 9. bis 11. März das neue Kongress­event „Zukunft Handwerk“ die Macherinnen und Macher nach München lockt, sind auch die Gewinner des Seifriz-Preises 2022 mittendrin statt nur dabei. Denn neben dem Preisgeld in Höhe von insgesamt 25.000 Euro dürfen sich die Award-Sieger auch über eine Beteiligung im Expo-Bereich des neuen Events und über einen festlichen Rahmen für die Verleihung freuen.

Wie schon in den vergangenen Jahren, werden besonders gelungene Kooperationen zwischen Handwerk und Wissenschaft aus ganz Deutschland mit dem Seifriz-Preis prämiert. Im Fokus stehen sowohl Innovationen in den Bereichen Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen als auch innovative Geschäftsmodelle, Strategien sowie Formen der Betriebsorganisation und Betriebskultur.
Der Seifriz-Preis wird seit über 30 Jahren als Wettbewerb für Wissenstransfer unter der Federführung des Baden-Württembergischen Handwerkstages durch den Verein Technologietransfer Handwerk e. V. und in Zusammenarbeit mit handwerk magazin veranstaltet. Partner des Preises sind die Holzmann Medien Gruppe, die Signal Iduna Gruppe für Versicherungen und Finanzen und erstmals die „Zukunft Handwerk“.

Alle Infos zum Seifriz-Preis und die Bewerbungsunterlagen gibt’s hier: