Digitalisierung -

Interview Prof. Jan Recker zu Nachhaltigkeit und IT: "Wir erleben durch Corona einen Turning Point"

Seit Februar saß Prof. Jan Recker aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr an seinem Arbeitsplatz an der Universität zu Köln. Vom Homeoffice aus spricht der ­Wissenschaftler über Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Topic channels: TS Digitalisierung, TS Coronavirus und TS Nachhaltigkeit
handwerk magazin: Herr Prof. Recker, die Corona-Pandemie hat viele Firmen dazu gezwungen, in Rekordzeit digitale Prozesse einzuführen. Erwarten Sie einen regelrechten IT-Schub?

Prof. Jan Recker: Den IT-Schub sieht man seit März sehr schön. Softwarefirmen wie Microsoft oder Zoom haben ja momentan eine unglaubliche Wertsteigerung erfahren, weil so viele Firmen auf deren Lösungen zurückgegriffen haben. Auch wir an der Universität. Die interessantere Frage ist aber, ob dieser Schub kurz- oder langfristig ist. Inwieweit ist die Digitalisierung mancher Prozesse, die gezwungenermaßen eingeführt wurde, langlebig? Oder fällt man in alte Mechanismen und Arbeitsweisen zurück?

Bleibt das Ganze dauerhaft oder handelt es sich um einen kurzfristigen Trend?

Der Optimist in mir sagt, dass viele Firmen erkannt haben, wie gut das mit der Digitalisierung klappt. Viele machen positive Erfahrungen mit dem Homeoffice. Man merkt auch, dass manche Arbeitsabläufe einfacher als vorher gehen. Wenn sich dieser positive Eindruck auf Dauer bestätigt, dann würde ich hoffen, dass auch viele Unternehmen in diesem Modus bleiben. Vor allem in den großen Unternehmen, mit denen ich viel zusammenarbeite, ist das durchaus machbar. Bei kleineren Firmen sind manchmal nicht die Infrastruktur und die Ressourcen vorhanden, dies einfach mal schnell umzusetzen.

Und der Pessimist in Ihnen?

Der Realist in mir glaubt, dass der IT-Schub in vielen Fällen wieder rückgängig gemacht wird. Jetzt gilt eine Ausnahmesituation, danach greifen dann wieder die alten Regeln und Gewohnheiten. Dafür passierte der IT-Schub einfach viel zu ad hoc – und ohne strukturelle Veränderungen in den Firmen.

Einige Experten sprechen jetzt von einem Digital Turning Point.

Ja, wir sind genau an diesem Punkt. Aber die Frage ist, ob das punktuell bleibt oder eine neue Normalität begründet. Diese Frage sehen wir ja generell in der Gesellschaft.

Bislang bemängelten Sie, dass die ökologische Seite des IT-Einsatzes immer zu kurz käme. Woran machen Sie das fest?

In der wirtschaftlichen, der sozialen und der wissenschaftlichen Diskussion sind Nachhaltigkeit und IT-Einsatz beides wichtige Themen – aber nie gemeinsam. Künstliche Intelligenz und Blockchain wurden vor der Corona-Pandemie viel diskutiert. Doch in der Diskussion darüber ging es viel um die Profitabilität und den wirtschaftlichen Einsatz. Wo ergeben sich Gewinnchancen? Wie lassen sich Kosten senken? Die ökologische Seite wurde dabei wenig betrachtet. Das ist auch ein Problem der Wissenschaft. Und das ist gefährlich, weil viele dieser Neuerungen unglaubliche ökologische Effekte mit sich bringen. Denn die IT ist mit der größte Ressourcen-Fresser unserer Zeit.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – warum sollten diese beiden Zukunftsthemen künftig unbedingt gemeinsam betrachtet und gedacht werden?

Wenn wir jetzt alle viel von zu Hause arbeiten, benutzen wir viele virtuelle Konferenzmöglichkeiten und viele Cloud-basierte Lösungen. Diese Daten und all das, was da passiert, werden in Data Center gespeichert. Mit großen Auswirkungen. Beispielsweise wollte Apple vor ein paar Jahren ein europäisches Datencenter in Irland bauen. Umweltschützer waren strikt dagegen, weil das Data Center so viel Strom wie eine mittelgroße Stadt verbrauchen sollte. Das Verfahren ging wegen den ökobilanztechnischen Gründen bis zum höchsten Gericht. Und Apple hat schlussendlich das Projekt verworfen. Das zweite Beispiel ist Gesichtserkennung durch Künstliche Intelligenz: Laut einer Studie – und es gibt leider nur diese eine – ist die Ökobilanz des Anlernens einer einzigen KI-Applikation fünfmal schlechter als die eines Autos über seine gesamte Lebensspanne.

Wie finde ich nun als Chef eines mittelständischen Unternehmens die passende Strategie?

Das geht immer am besten über die Prozesse. Denn wenn wir über Digitalisierung reden, sprechen wir eigentlich über digitalisierte Abläufe. Als Kleinunternehmer sollte ich mir die klassischen Prozesse wie Kontaktanbahnung, Rechnungsstellung oder den Bezahlvorgang ansehen. Denn hier ist es sehr gut machbar, die Ökobilanz von diesen Prozessen zu betrachten. Lasse ich etwa für die Kontaktanbahnung jedes Jahr 20 Leute für zehn Messen quer durch Deutschland tingeln? Werden Rechnungen per Post versandt? Das kann man durchaus berechnen und ins Verhältnis zu einer digitalen Alternative setzen.

Und wie nehme ich die Mitarbeiter am besten mit?

Da sind sicherlich ein paar Gedanken hilfreich, wie große Unternehmen das machen. Nummer eins: Man muss die Leute abholen, Nachhaltigkeit darf keine Direktive von oben sein. Führende nachhaltige Unternehmen fragen in solchen Initiativen auch die Prioritäten der Belegschaft ab. Nummer zwei: Die Unternehmensführung muss es selber leben. Und Nummer drei: Man demokratisiert den ganzen Prozess und lässt die Leute Kern-Entscheidungen mittreffen.

Was verbirgt sich hinter Eco-Nudging?

Das ist eine Abwandlung von dem sogenannten Nudging, bedeutet also so viel wie Anstupsen. Die Idee dahinter ist ganz simpel: Man versucht, Leute zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen – aber ohne Vorgaben oder Sanktionen. Alle Wahlmöglichkeiten bleiben weiter offen, aber die gewünschte Möglichkeit stellt man so in den Vordergrund, dass die meisten Menschen sie wählen. Und das kann man auch für den Umweltschutz einsetzen. Warum können wir nicht die Menschen dazu bringen, aus verschiedenen Optionen die grünere Variante zu wählen?

Wie kann IT die Energieeffizienz in Betrieben steigern?

Da gibt es zwei Möglichkeiten: Zum einen geht es in die Richtung des Eco-Nudgings. Das heißt, wir bringen die Leute über gewählte Informationsbereitstellung dazu, bestimmte Arbeitsabläufe zu überdenken oder andere Optionen zu wählen. Wie bekomme ich die Mitarbeiter dazu, weniger zu drucken? Durch IT kann man das clever steuern, etwa mit einem Wettbewerb unter den Mitarbeitern. Zum anderen kann man in puncto Energieeffizienz Algorithmen bauen, die bestimmte Abläufe automatisieren. Strom abschalten, die Heizung bedienen oder das Licht an- und ausschalten. Der nächste Schritt sind dann cyberphysische Systeme, die mit Sensoren automatisch einen Raum monitoren und Regelungen treffen. Und die tun das übrigens besser als wir Menschen.

Welche ersten Schritte sollten Handwerksunternehmer unternehmen?

Eine gute Anfangsfrage ist, zu schauen, welche Abläufe sehr viel vorkommen. Auch bei einem Kleinunternehmer kommen schnell einige Hundert Kunden, Rechnungen oder Aufträge zusammen. Eine Faustregel lautet: Wenn ein Ablauf in die Hunderte geht, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie man diesen Prozess digitalisiert unterstützt. Gerade für Kleinunternehmer gibt es sehr tolle und sehr kostengünstige, technologische Lösungen. Stichwort: Open Source. Mit solchen Lösungen im Hintergrund kann sich der Unternehmer dann auch wieder besser auf sein Kerngeschäft fokussieren.

Herr Prof. Recker, vielen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Jan Recker von der Uni Köln

Vita Prof. Dr. Jan Recker

Dr. Jan Recker ist seit 2018 Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln – und hat den Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung inne. Zu den Themenfeldern des 40-jährigen Wissenschaftlers zählen

  • Digitale Transformation
  • Digitales Entrepreneurship
  • sowie Umweltverträglichkeit.

In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Fragen des Designs, der Darstellung und der Prozesse, da diese drei Punkte laut Recker das Verhalten von Einzelpersonen und Organisationen im Umgang mit IT-Systemen beeinflussen.


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