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Gesundheitsgefährdung Lärm: Warum hohe Lärmpegel die Arbeitnehmer besonders belasten

Das tückische bei der Lärmbelastung am Arbeitsplatz ist nach Erfahrung der Terzo-Hörspezialisten im thüringischen Sonneberg, dass sich die Betroffenen scheinbar an die Geräuschkulisse gewöhnen und sie deshalb nicht mehr als störend empfinden. Ein fataler Irrtum, denn das Gehör leidet darunter enorm.

Topic channels: TS Arbeitsschutz und Gesundheit und TS Berufskrankheiten

Neben dem üblichen Alltagslärm, der oft schon genug Stress bedeutet, sind viele Arbeitnehmer zusätzlich im Beruf einer besonderen Lärmbelastung ausgesetzt: Im Handwerk vor allem durch Werkzeuge und Maschinen, aber auch durch generell laute Umgebungen in der Werkstatt oder auf den Baustellen. Wie stark diese Geräusche belasten können, merken Betroffene erst abends, wenn sie im wahrsten Sinn erst einmal zur „Ruhe“ kommen.

Ab 85 Dezibel sind Dauerbelastungen schädlich

Laut Duden setzt sich Lärm aus „als störend und unangenehm empfundene[n] laute[n], durchdringende[n] Geräusche[n]“ zusammen: Hierzu gehören zum Beispiel Straßenlärm, Baumaschinen, laute Musik, Kinderlärm und vieles mehr. All das erzeugt Stress. Der letztlich krank machen kann. Aber auch das Hörvermögen selbst wird durch Lärm beeinträchtigt und geschädigt. Eine Dauerbelastung ab 85 Dezibel kann bereits zu einer Schädigung führen. Am Arbeitsplatz in der Fabrik oder auf dem Bau werden schnell über 100 Dezibel erreicht. Ein Gehörschutz ist dann unbedingt notwendig und gesetzlich vorgeschrieben. Arbeitgeber sind gemäß Paragraf 8 der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung sogar gesetzlich dazu verpflichtet, einen entsprechenden Gehörschutz zur Verfügung zu stellen.

Warum Mitarbeiter oft den Gehörschutz verweigen

Arbeitnehmer gehen dennoch allzu oft noch sehr fahrlässig mit dem Thema Gehörschutz um. Ein Grund dafür ist das mangelnde Wissen, wie Hören funktioniert und wie schnell es zu einer Hörschädigung kommen kann. Auch das Ausmaß in Bezug auf Folgeerkrankungen sowie die Erhöhung des Risikos einer dauerhaften Schädigung durch langes Abwarten sind meist nicht bekannt. Es macht also durchaus Sinn, sich den Hörvorgang genauer anzusehen. Denn, dass unser Gehirn ein wahres Wunderwerk ist und Meisterleistungen vollbringt, ist den meisten Menschen bekannt. Auch beim Hören werden solche Höchstleistungen des Gehirns notwendig. Der Grund dafür ist das notwendige Filtern der eintreffenden Geräusche. Erst dadurch wird es möglich, Gesprächen zu folgen. Andernfalls – ohne das Filtern – würden wir nur Lärm hören.

Hören: wie der komplexer Vorgang funktioniert

Hören ist etwas komplexer, als die meisten Menschen vermuten. Damit die eintreffenden Schallwellen genutzt und verarbeitet werden können, müssen sie mehrmals transformiert und verstärkt werden. Hierfür besteht das gesamte Hörorgan aus mehreren Elementen und wird untergliedert in Außenohr, Mittelohr und Innenohr.

Das Außenohr

Das Außenohr ist der sichtbare Teil des Gehörs und besteht aus der Ohrmuschel sowie dem äußeren Gehörgang, die zusammen einen Schalltrichter bilden. Darüber werden hauptsächlich Frequenzen von 2 bis vier Kilohertz verstärkt, weshalb Lärm in diesem Frequenzbereich hauptsächlich zur Schädigung des Gehörs führt. Durch linkes und rechtes Ohr werden richtungsgetrennte Schallbilder erzeugt. Hierdurch wird es möglich, die Richtung der Geräusche wahrzunehmen und sich im Raum zu orientieren. Zudem verhindert die Ohrmuschel, dass ständig Luftbewegungen wahrgenommen werden, da die entstehende Verwirbelung als Windbrecher wirkt.

Das Mittelohr

Das Mittelohr dient der Impedanzanpassung, die Fachleute verstehen darunter die Anpassung der Widerstände. Diese wird aufgrund der unterschiedlichen akustischen Widerstände (Impedanzen) von Luft (äußerer Gehörgang) und Flüssigkeit (Innenohr) notwendig. Gelangten die Luftschwingungen direkt an das mit Flüssigkeit gefüllte Innenohr, würden mehr als 99 Prozent der Schallwellen reflektiert, so dass Hören nicht möglich wäre. Durch den spezifischen Aufbau des Mittelohrs werden die eintreffenden Schallwellen in Körperschallwellen umgewandelt. Hierfür ist es vom Außenohr durch das Trommelfell abgegrenzt. Dieses wiederum überträgt die Schwingung über die Knöchelchenkette aus Hammer, Amboss und Steigbügel auf das Innenohr. Dabei wird aufgrund des Flächenunterschieds von Trommelfell zur Steigbügelfußplatte eine Schalldruckverstärkung von circa 27 Dezibel erreicht.

Das Innenohr

Schließlich dient das Innenohr dazu, den eintreffenden Schall in Nervenimpulse umzuwandeln. Erst diese können später durch das Gehirn verarbeitet werden. Das Innenohr besteht hierfür aus einem schneckenförmigen Hohlraum, weshalb es auch als Hörschnecke bezeichnet wird. In der Hörschnecke befinden sich drei mit Flüssigkeit gefüllte Gänge: die Vorhoftreppe, der Schneckengang und die Paukentreppe. Durch Zusammenpressen der Flüssigkeit in der Vorhoftreppe durch den Steigbügel entsteht eine Wanderwelle – je nach Frequenz ergibt sich an anderer Stelle in der Gehörschnecke eine maximale Auslenkung, wodurch die Unterscheidung der Tonhöhe möglich wird. Die in der Gehörschnecke befindlichen vielen Tausend Haarzellen werden durch die Wanderwelle in Bewegung gesetzt, wodurch es zu einer Umwandlung der Wellen in Nervenimpulse kommt. Gleichzeitig findet dabei eine erneute Verstärkung der Impulse statt. Über den Hörnerv werden die Impulse letztlich an das Gehirn bis zum Hörfilter weitergeleitet. Dieser trennt wichtige von unwichtigen Signalen und ermöglicht so das Verstehen. Erst dadurch können wir Gesprächen folgen und empfinden die alleinige Fülle der Geräusche nicht als Lärm.

Hörschädigung: Was genau bei Überlastung passiert

Überlastungen des Ohres – kurzzeitige ebenso wie dauerhafte – können zur Schädigung führen. Dies geschieht einerseits bei sehr lauten Geräuschen ab 120 Dezibel, andererseits aber auch bei einer Dauerbelastung von mehr als 85 Dezibel, wie es beispielsweise in vielen Werkhallen der Fall ist. Die Erklärung: Die im Ohr angesiedelten Haarzellen benötigen bei Stress und Lärm wesentlich mehr Sauerstoff und Stoffwechselprodukte. Angelegte Reserven werden schneller aufgebraucht, aufgrund fehlender Ruhezeiten können diese aber nicht wieder aufgefüllt werden. Folglich werden die Sinneszellen zerstört.

Dieser Prozess ist irreversible, denn geschädigte Sinneshärchen können keine Impulse mehr aufnehmen und weitergeben. Es gelangen weniger Geräusche zum Hörfilter, wodurch weniger Impulse verarbeitet werden. Folglich verringert sich dessen Leistungsfähigkeit: Das neuronale Netz passt sich den verminderten Reizen an, wodurch Nervenzellen verloren gehen und der Verzweigungsgrad reduziert wird. In Folge dessen wird ein Verstehen von Gesprochenem schwerer, bis es gar nicht mehr möglich. Töne, Worte, Klänge und Emotionen werden nicht mehr entschlüsselt.

Auswahl: Worauf Arbeitgeber beim Gehörschutz achten sollen

Regelmäßige Ruhepausen ohne jegliche Geräuscheindrücke schützen vor Erschöpfung und nachhaltiger Hörschädigung. Deshalb ist es wichtig, dass die Mitarbeiter ihre Pausen in einer möglichst ruhigen Umgebung genießen können. In lauten Umgebungen sowie an Arbeitsplätzen mit hoher oder sehr hoher Geräuscheinwirkung ist ein entsprechender Gehörschutz unbedingt notwendig. Die dafür verfügbaren technischen Hilfsmittel sind vielfältig und können nach spezifischem Bedarf ausgewählt und angepasst werden. Mit einem individuell angepassten Gehörschutz, der den jeweiligen Bedürfnissen gerecht wird, wird das Gehör vor Lärm geschützt, ohne dabei akustisch zu isolieren: Das heißt, Sprache kann weiterhin sehr gut verstanden werden. Auch Alarmsignale werden nicht unterdrückt, so dass eine etwaige Gefährdung durch Überhören von Warnsignalen ausgeschlossen ist.

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