Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Statt Deindustrialisierung brauchen wir Stärke, Verlässlichkeit und zur Not die Milei-Kettensäge

Unsere Kolumnistin Ruth Baumann ist in dieser Folge von "Neues von der Werkbank" über die Diskussionskultur erfreut. Denn Fakten zur Deindustrialisierung, deren Nennung aus ihrer Sicht vor Kurzem noch bei dem ein oder anderen Gesprächspartner für Schnappatmung gesorgt hat, bekommen nun Platz in der öffentlichen Diskussion. Es brauche wieder bewährte Erfolgsfaktoren und Bürokratieabbau – vielleicht sogar mit der "Kettensäge" wie bei Javier Milei. Wenn jetzt noch Lösungen folgen würden, sei das ein "Träumle".

Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg
Für Ruth Baumann, Landesvorsitzende ufh Baden-Württemberg, bleibt die Transformation in die Deindustrialisierung nicht ohne Folgen. - © privat

Ich glaube, es gibt keinen Unternehmer, der sich von seinem Gewerk verabschiedet oder seinen Mitarbeitern, um sich dann erst zu überlegen, womit er künftig Geld erarbeiten will. Wegweisende Änderungen oder Neuerungen prüft er vor deren Umsetzung auf ihre Folgen ab, setzt sie um oder verwirft sie. Das nennt man dann gelebte Verantwortung.

Politische Rahmenbedingungen scheinen anders festgelegt zu werden. Nur so ist es zu erklären, dass man sich zuerst von sämtlichen "Milchkühen" verabschiedet bzw. diese opfert, bevor man überhaupt neue gefunden hat. Stahlproduktion, Maschinen- und Fahrzeugbau, Medikamente und Medizintechnik waren einst die Leuchttürme wirtschaftlichen Erfolges und Garant für Wohlstand und Sozialstaat. Mit großer Ignoranz glaubte man, auf diese "Erfolgsmodelle" verzichten zu können und weiterhin imstande zu sein, bräsig und woke zukunftsfähig zu sein.

Alternativen zur Industrie gibt es nicht

Alternativen zu den geschmähten Zweigen gab es nicht und werden anscheinend immer noch gesucht. Beispielsweise wurden für Batterienwerke großzügig Förderungen ausgelobt, doch dem verbalen Hype folgte oft ein wirtschaftliches, laues Lüftchen. Kein Vergleich zu früheren Erfolgsmodellen oder Exportschlagern, denen man die Beine weggeschlagen hat.

Während man immer noch das Durchstarten der Wirtschaft hoffnungsvoll erwartet oder gar herbeireden will, muss man sich immer mehr eingestehen, dass man entmündigt am Tropf von anderen hängt. Ob Energie, Rohstoffe, Facharbeiter oder Innovationen – andernorts geht es irgendwie schneller, billiger oder besser. Um wirtschaftlich wieder aufschließen zu können, braucht es Zukäufe jeglicher Art und die kosten Geld. Geld, das knapp wird, erwirtschaftet werden muss oder nur gedruckt werden kann.

Als Folge der Deindustrialisierung verlegen viele Firmen ihre Produktion ins Ausland

Es hilft nicht, Lieferketten dokumentieren zu können, wenn der Absatz einbricht oder die Abhängigkeit von Lieferanten (z. B. seltene Erden, Energie) so groß ist, dass sie unbezahlbar werden. Viele Hersteller verlegen als Folge der Deindustrialisierung zusehends ihre Produktion ins Ausland. Müssen unsere Betriebe ihnen dorthin nachfolgen oder haben sie zu akzeptieren, dass die Bedeutung der großen Wirtschaftsmacht immer mehr verblasst? Es ist wohl kaum eine Erfolgsgeschichte, dass ein Teil unserer Bleistifte künftig aus Peru kommt, weil hier die Produktion zu teuer ist. Es tröstet nicht, dass wir den dortigen Fahrradweg mitfinanziert haben. Vielmehr ist dies eines von vielen Beispielen, dass selbst Familienbetriebe, denen man eine Verlagerung ins Ausland nicht zugetraut hätte, die bisherige wirtschaftliche Titanic verlassen, auch wenn das Orchester noch spielt.

Wie lange ist eine Gesellschaft lebens- und leistungsfähig, wenn monatlich 10.000 Arbeitsplätze allein in der Industrie verloren gehen? Wie lange können wir uns noch eine steigende CO2-Bepreisung leisten, während unsere direkten Mitbewerber und Lieferanten aus dem Ausland diese nicht einmal im Ansatz haben? Grüne Bilanzkosmetik auf Kosten von Betrieben und Arbeitsplätzen, gepaart mit Überheblichkeit und dem Umstand, dass nur der Staatskonsum kontinuierlich steigt, generiert keine Investitionen.

Vertrauen, Verlässlichkeit, geringere Kosten und Generationengerechtigkeit

Schon heute zeigt sich am Beispiel der Hansestadt Hamburg, dass man zwar große Ziele formulieren kann (Klimaneutralität bis 2040), zugleich aber Angst vor der eigenen Courage hat und den Bund mit den daraus resultierenden Kosten belasten will. Gibt es überhaupt noch Kommunen, die die Ausgaben nur mit faktischen Einnahmen, ohne Schulden zu machen, tätigen? Zukunft sollte doch darauf zielen, bestehende Schulden abzubauen und neue zu vermeiden.

Es ist höchste Zeit, eine andere Transformation konsequent zu verfolgen: Rückbesinnung auf Stärke und bewährte Erfolgsfaktoren. Arbeit, Fleiß, Innovation und Motivation brauchen Vertrauen und Verlässlichkeit, Kosten, die auch leistbar sind (nicht nur bei der Energie, auch bei Löhnen und Mieten) und vor allem: Generationengerechtigkeit. Nur so kann es gelingen, gewohnten Wohlstand zu erhalten bzw. wieder zurückzugewinnen. Wenn der Bürokratieabbau nicht spürbar besser gelingt, braucht es halt die Kettensäge wie bei Argentiniens Präsident Javier Milei. Wenn die Energieversorgung hakt, darf es auch bei Gas usw. keine Denkverbote geben. Akzeptieren wir endlich die Realität, statt diese nur zu beschreiben!

Statt Deindustrialisierung die Rahmenbedingungen vor Ort verbessern

Unsere Betriebe und Mitarbeiter interessiert nicht, ob das Holz ihres Bleistiftes zertifiziert ist. Sie sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, die Rente, die Gesundheitsversorgung. Die nächsten Generationen sollten sich über einen schlanken, funktionierenden Staat freuen können und auf eine Zukunft, die nicht nur unerledigte Baustellen, erdrückende Schulden oder einen absoluten Staatsbetrieb verspricht. Nicht nur bei der Weltklimakonferenz in Brasilien müssen neue Zeichen gesetzt werden, auch bei den Rahmenbedingungen vor Ort.

Wer den Mut für Entlastungen nicht hat, muss sich für Entlassungen rechtfertigen. Wer Reformen scheut, glaubt auch, dass geschlachtete Kühe noch Milch geben und Geld sich ohne Zutun vermehrt. Erste Zeichen sind erkennbar und gesetzt, weitere müssen schnell folgen und für alle spürbar sein.

Über Autorin Ruth Baumann:

Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.

Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Jüngst wurde sie in den Bundesvorstand der CDU gewählt und ist dort als "Handwerk mit Mundwerk und akademischem Grad" Mittler zwischen unterschiedlichen Welten.

Zugehörige Themenseiten:
Europapolitik, Konjunktur, Meinung, Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann und Zukunftsperspektiven im Handwerk