Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Ist der Mittelstand für die Politik nur noch eine Wirtschaft zweiter Klasse?

Für unsere Kolumnistin Ruth Baumann waren Mandatsträger bereits in der Vergangenheit immer wieder der irrigen Meinung, dass KMU wehrlos sind. Die Politik könne ihnen ausufernde Kosten aufbürden, stets neue Aufgaben auf deren Schreibtisch auslagern und dennoch würden sie alles geduldig abarbeiten. Bei Entlastungen denke man an sie dagegen nicht. Die Hoffnung sei, dass der Mittelstand – egal was passiert – "lebenslang Deutschland" gebucht habe. Aktuell zeigt sich aber, wie Ruth Baumann in dieser Folge von "Neues von der Werkbank" erläutert, dass viele nun eines Besseren belehrt werden.

Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg
Ruth Baumann, Landesvorsitzende der ufh Baden-Württemberg, ist besorgt: Soll der Mittelstand für die "moralischen und volatilen" Ansprüche der Politik das Lebenswerk riskieren? - © privat

Gleich vorab entschuldige ich mich im Namen aller Betriebsinhaber. Unsere Denkweise ist für viele Politikerinnen und Politiker mitunter "befremdlich". Wir nennen Schulden Schulden und nicht Sondervermögen. Wir wollen investieren und nicht konsumieren. Wir denken in Generationen und nicht in Legislaturperioden. Wir sind der Auffassung, dass man einen Euro nur einmal ausgeben kann. Unsere Unternehmen sind oft seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten, auf dem Markt. Vielleicht sind wir aus diesem Grund gegen unreflektierte, kurzlebige und existenzbedrohende Modeerscheinungen kritisch bis immun. Egal, wie staatstragend sie manchmal daher kommen.

Neue Technologien werden zunächst mit dem gebotenen Respekt betrachtet, auf Betriebstauglichkeit geprüft und dann praktisch umgesetzt. Mal langsamer, mal schneller. Das ist aber unsere Entscheidung und, dies zur Erinnerung, wir tragen auch die daraus resultierenden Folgen. Während frühere Kanzler und Wirtschaftsminister bei in Schieflage geratenen Unternehmen der Bauindustrie oder Batterieherstellung schon mal mit einem Scheck, Bürgschaft oder Fördermittel vorbeikamen, würde bei uns bei derartigen (Fehl-)Entscheidungen der Gang zum Amtsgericht drohen.

Rechts- und Beratungskosten belasten den Mittelstand

Langsam versanden im Handwerk und Mittelstand die Durchhalteparolen und oberflächlichen Lobhudeleien. Die Standortkosten sind nicht mehr wettbewerbsfähig, die Sparpotentiale ausgeschöpft, die Steigerung der Effizienz begrenzt. Rechts- und Beratungskosten (beispielsweise Lohnabrechnungen und Bilanzerstellungen) steigen in einem Maße, der im betrieblichen Alltag Innovation und Investition ausbremst. Bei der KUEBLL-Liste rühmte man sich gar explizit, dass man bei den Entlastungen nicht an den Bäcker oder Metzger um die Ecke denkt, sondern um die Massenversorgung. Industrieware statt handwerklicher Individualität. Ist das wirklich ein Erfolgsrezept?

Besser aufhören statt unter diesen Rahmenbedingungen weiterzumachen

Der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck gab seinerzeit den Ratschlag, mal „Pause“ zu machen. Immer mehr Betriebe fangen an, diesen Tipp umzusetzen. Es stimmt, unsere Betriebsgrößen wandern in der Regel nicht ins Ausland ab. Aber bei so "märchenhaften" Rahmenbedingungen ist es besser, das wirtschaftliche Spielfeld ohne größere Blessuren zu verlassen, denn weiterzumachen – etwa durch eine freiwillige Abmeldung oder gezwungenermaßen durch den Gang in die Insolvenz (falls man noch einen Termin beim Insolvenzverwalter bekommt).

Wir sollen mit unseren Gebäuden Strom produzieren, um ihn dann später nicht einspeisen zu können. Der gesamte Fuhrpark soll umstrukturiert werden. Aber wozu? Bei vielen angedachten Modellen fehlt der zum Bestehen oder Überleben notwendige wirtschaftliche Erfolg (beispielsweise im Vergleich der Anschaffungskosten für Wasserstoff- oder Diesel-Lkw). Erwartet man von uns, dass wir, um den moralischen und volatilen Ansprüchen der Politik zu genügen, unser Lebenswerk riskieren? Sollen wir den Anspruch unserer Eltern und Großeltern an uns ausblenden oder vergessen?

Bei der EU "fremdelt" man schon länger mit dem Mittelstand

Kein Politiker darf von uns erwarten, dass wir über steigende Krankenkassenbeiträge, teure Transformationen, ausufernde Vorschriften, wuchernde Dokumentationspflichten, Gesetze und ein ständig wachsendes Heer von Beauftragungen (vom Feuerlöscher bis zur Gleichstellung) jubeln. In Brüssel scheint man seit längerem mit dem Mittelstand zu „fremdeln“ oder hat ihn vielleicht gar schon vergessen. Bei den kommenden Wahlen darf man nicht vergessen, dass es nicht um die Versorgung einzelner, sondern um die Verantwortung gegenüber allen geht.

Bildchen und platte Parolen werden nicht darüber hinwegtäuschen, wenn Inhalt oder Konzepte fehlen. Nach der letzten Bundestagswahl sollte bei niemandem eine Rückbesinnung auf die persönlichen Wahlergebnisse fehlen und gelebte Demut. Die erhaltene Gunst des Wählers gibt die Lautstärke vor. In Berlin wurde der "Herbst der Veränderungen" angekündigt. Diesem folgt (hoffentlich) ein Winter der Veränderungen, damit das Frühjahr Erfolge vorweisen kann. Es ist auch höchste Eisenbahn.

KMU dürfen nicht im moralischen Opferfeuer der woken Gesellschaft enden

Der Mittelstand ist ein Partner auf Augenhöhe und verdient Politik, die sich nicht in Versprechen erschöpft. Er fordert keine irrlichternden Vorgaben, sondern Verlässlichkeit und leistbare Vorgaben. Die KMU wollen nicht im moralischen Opferfeuer der woken Gesellschaft enden. Klein- und mittelständische Betriebe leben Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Man ist daher gut beraten, sie nicht nur ernst zu nehmen, sondern auch einzubinden.

Über Autorin Ruth Baumann:

Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.

Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Jüngst wurde sie in den Bundesvorstand der CDU gewählt und ist dort als "Handwerk mit Mundwerk und akademischem Grad" Mittler zwischen unterschiedlichen Welten.

Zugehörige Themenseiten:
Meinung, Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann und Zukunftsperspektiven im Handwerk