Formulare, Fristen, Finanzen und Familienfragen – Unternehmer sind Helden. Erst kürzlich hat Kolumnistin Ruth Baumann diesen Satz gelesen, seitdem lässt er sie nicht mehr los. Vielmehr ist sie sich sicher, dass an der Behauptung etwas dran sein muss: Ja, sie sind Helden und zwar des betrieblichen Alltags mit seinen unterschiedlichen Facetten. Wie sie zu ihrer Überzeugung kommt, lesen Sie in der aktuellen Folge von „Neues von der Werkbank“.

Wer nach einer kompakten Handlungsanweisung à la „Was muss ein Unternehmer alles wissen und machen?“ sucht, wird sicherlich nicht fündig. Daran kann auch Social Media nichts ändern, zumal viele Bilder, Berichte und Beschreibungen entweder dem eigenen Ego huldigen oder der Inhaltslosigkeit geopfert werden.
Im Handwerk beginnt es in der Regel mit einer fundierten Ausbildung in Theorie und Praxis. Vorkommnisse, dass einem Gesellen oder Meister im Nachhinein der Abschluss bezweifelt oder gar aberkannt wurde, sind mir nicht bekannt. Akademische „Laufbahnen“ bzw. selbst Doktortitel scheinen da schon volatiler. Eine kaufmännische Ausbildung ist eine gute Basis, doch der betriebliche Alltag hält meist so manche „Überraschung“ parat, die so in den Lehrbüchern fehlt.
Unternehmer sind Helden – in guten wie in schlechten Zeiten
Wer in einem Familienbetrieb arbeitet und sich seiner Verantwortung als Unternehmer stellt, ist gleichzeitig auch Ansprechpartner für familiäre Fragen seiner Mitarbeiter. Bevor jetzt Juristen, Steuer- und Anlageberater tief Luft holen: Selbstverständlich machen wir keinerlei Beratungen, für die wir keinerlei Ausbildung haben. Dennoch wird nach unserer Einschätzung gebeten und wir können uns dabei nicht, unabhängig davon, ob wir es wollen oder nicht, in die Büsche der Unwissenheit schlagen. Ungeachtet der Tatsache, dass wir kein abgeschlossenes Psychologiestudium haben, sind unsere Ohren und Meinungen im Alltag gefragt. Kummer mit der Freundin, Trennung, Eheschließung, Nachwuchs, der sich plötzlich ankündigt und vieles mehr machen nicht vor unserem Schreibtisch Halt. Es ist wie in einer Ehe: In guten und in schlechten Zeiten zeigt sich der Familienbetrieb und kann dann schon mal über ein reines „Dienstverhältnis“ hinausgehen. Mal wird dies wertgeschätzt, mal nervt es, mal stößt man auf Ignoranz.
Formulare zur Beantragung von Kindergeld oder einer Haushaltshilfe, der Familienkrankenversicherung, vermögenswirksamen Leistungen, Altersabsicherung oder finanzielle Probleme überfordern oft nicht nur die Mitarbeiter, sondern treiben auch manchem Betriebsinhaber Fragezeichen in die Augen. Aber man will nicht nur helfen, man versucht es auch. Und so lesen wir Mietverträge, unterstützen bei der Rückforderung der Mietkaution, sensibilisieren bei Versicherungen, usw. Und warum? Weil wir direkt gefragt werden. Ferner erwartet auch Vater Staat Unterstützung bei Verdienstbescheinigungen, betrieblicher Altersabsicherung, Aufklärung und Mithilfe bei Pandemien, obwohl dies dem eigentlichen Firmenzweck, nämlich Gewinne erwirtschaften, keineswegs entspricht. Unsere Betriebe wollen ihre Leistungen „verkaufen“ und sollen dennoch wissen, welche, um es mal vorsichtig zu formulieren, „Überraschungen“ seinerzeit bei der Riester-Rente bei einem Alterssitz im Ausland schlummerten. Wohl gemerkt: ob wir das auch wollen, wurden wir im Übrigen nie gefragt.
Bürokratie ist nicht Teil der Ausbildung
Die Erstellung der Berechnung der Ausgleichsabgabe (früher: Schwerbehindertenabgabe) oder der zahlreichen Statistiken (Monatsberichte, Quartalsberichte, Investitionserhebung, Gütertransportberichte, um mal einige Beispiele konkret zu benennen) waren, obwohl diese bürokratischen Exzesse schon lange bekannt waren, nicht Teil der Ausbildung. Aber das soll ja jetzt angeblich besser werden. Kleine Anmerkung: Nachdem ich das schon seit 30 Jahren höre, wird es aber jetzt auch so langsam mal Zeit.
Wer soll da noch durchblicken?
Die Anzahl der zu beauftragenden Personen (von der Leiter bis zur Gleichstellung, vom Feuerlöscher bis zum Fuhrpark) ist in einem klein- und mittelständischen Betrieb fast so groß wie in der Politik. Und dennoch: Es wird seitens der Betriebe geliefert, auf die angekündigten Erleichterungen gehofft und doch bleibt eine bittere Note. Wer soll da noch durchblicken? Welche Änderungen greifen jetzt wirklich? Und die entscheidende Frage: Hilft es und steigert es das gegenseitige Vertrauen? Oder lassen Sie sich bei Ihrem Einkauf etwa die Dokumentation der Temperaturen in Theke bzw. im Lager vorlegen?
Jeder Unternehmer hat den Monat in Fristen im Kopf: Sozialsummenschätzung, Löhne, Gehälter, Umsatzsteuermeldung, Fälligkeiten von weiteren Steuern, Abgaben, Statistiken, Erhebungen usw. Während mancher schon mit dem Termin beim Zahnarzt überfordert ist, gilt hier die Selbstverständlichkeit: Der Chef muss es einfach wissen, einhalten, umsetzen. Selbst wenn dann ein Arbeitnehmer kündigt, muss er (der Arbeitgeber) ihn darauf hinweisen, dass dieser sich arbeitssuchend melden muss. Nachdem das dokumentiert wurde, ist er anschließend bei Bescheinigungen über gezahltes Entgelt usw. erneut in der Pflicht. Obwohl die Lohnabrechnungen vorlagen, gemeldet und dokumentiert sind, bedeutet dies einen erneuten „Service“ der Betriebe.
Es ist wahr: Unternehmer sind Helden!
Ja, diese Unternehmer sind schon Helden. Denn trotz aller Fußangeln arbeiten sie weiter, bilden aus und engagieren sich zusätzlich oft im Ehrenamt. Sie suchen die Antworten und Umsetzung, die selbst die Verursacher nicht kennen. Sie hängen in Hotlines, verschwenden kostbare Arbeitszeit, um Lösungen auf Fragestellungen anderer zu finden. Diese Helden verdienen ehrlich Unterstützung, Entlastung, Aufmerksamkeit und keine Essays unter dem Motto: Ich erkläre Dir jetzt mal Deine Welt.
Über Autorin Ruth Baumann:
Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.
Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Jüngst wurde sie in den Bundesvorstand der CDU gewählt und ist dort als "Handwerk mit Mundwerk und akademischem Grad" Mittler zwischen unterschiedlichen Welten.
