Interview mit Jutta Allmendinger Genderdebatte: Wie im Handwerk Gleichberechtigung gelingen kann

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Frauen im Handwerk

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), setzt sich für Strukturen ein, die Gleichberechtigung künftig einfacher machen, auch im Handwerk. Wir befragten sie zum Status quo der Genderdebatte.

Jutta Allmendinger
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), fordert: „Chefs müssen die Sorge um Kinder und die eigenen Eltern auch Männern zugestehen.“ – © David Ausserhofer
handwerk magazin: Frau Professor Allmendinger, Sie sagen, dass Gleichberechtigung nur durch gesamtgesellschaftliches Engagement gelingen kann. Was heißt das?

Jutta Allmendinger: Der große Auftrag, Frauen mit Männern gleichzustellen, zieht sich durch alle politischen Ressorts und gesellschaftlichen Sektoren, betrifft das Handeln von Frauen und Männern gleichermaßen. Gleichstellung ist für mich ein gesamtgesellschaftliches Gut, Frauen allein können sie nicht erreichen. Wir müssen gemeinsam bestehende Strukturen und kulturelle Erwartungen hinterfragen. Dann kommen wir weiter.

Warum sind wir trotz jahrzehntelanger Kämpfe immer noch nicht da, wo wir eigentlich stehen könnten – unabhängig von Corona?

Wir haben ein Handlungsproblem, kein Erkenntnisproblem. Die deutsche Gesellschaft hat sich eingerichtet in komfortablen Nischen: lange Erwerbsunterbrechungen gefolgt von Teilzeiterwerbsarbeit von Müttern, das Ehegattensplitting, die Mitversicherung, zu wenige Betreuungsangebote für unter 3-jährige Kinder, die Halbtagsschulen. Das Stigma der „Rabenmutter“ besteht weiterhin. Die Pandemie hat all diese Hindernisse für Gleich­berechtigung verstärkt.

Was raten Sie Handwerkerinnen auf Baustellen, in Werkhallen aber auch im Office, wenn sie verbal angegriffen oder nicht ernst genommen werden? Wenn der Ton im Umgang rau ist?

Ich rate ihnen, stolz auf sich zu sein und auf das, was sie erreicht haben, auf dem langen und oft steinigen Weg, den sie in der Ausbildung gegangen sind, auf das, was sie leisten. Das ist doch klasse und viele erkennen das auch an. Ich weiß wohl, dass verbale Angriffe und das Fehlen von Respekt sehr weh tun. Lassen wir die Gralshüter nicht die Macht über uns ergreifen, bleiben wir uns treu. Leicht gesagt, aber so wichtig.

Umgekehrt hat die MeToo-Debatte die Verunsicherung von Männern gefördert. Hat MeToo die von Ihnen geforderten Entwicklungen nicht womöglich sogar verlangsamt?

Nein. MeToo stärkt Frauen und lehrt hoffentlich Männer, selbstverständliche Grenzen zu respektieren und die Leistung von Frauen zu sehen.

Wenn Frauen wegen eines kranken Kindes von jetzt auf gleich nach Hause eilen müssen, bringt das gerade auf Baustellen natürlich auch Abläufe durcheinander. Wie könnte es anders oder besser laufen? Gibt es dafür überhaupt Lösungen?

Klar. Wenn auch Väter nach Hause eilen, um ihren Kindern beizustehen, dann bleibt das nicht nur an Frauen hängen. Die Sorge um die Familie geht doch beide Elternteile an. Und das werden alle verstehen. Einfach mal machen.

„Baggerfahren, Bohren, Löten: Das sind doch keine Mädchenträume“, heißt es oft von Männern (und auch Frauen), denen die Genderdebatte ein Dorn im Auge ist. „Frauen sind doch viel zu schwach für Baustellen“, hört man ebenfalls. Was erwidern Sie?

Mal ehrlich: Kennen wir nicht alle auch sehr starke Frauen? Und auch eher schwächliche Männer? Die Unterschiede zwischen Männern und zwischen Frauen sind sehr groß. Außerdem können wir den technologischen Fortschritt nicht einfach ignorieren. Baggerfahren, Bohren, Löten sind anspruchsvolle Tätigkeiten. Sie benötigen eine gute Ausbildung und alle unsere Sinne. Aber sie lassen sich nicht auf rein körperliche Kraft reduzieren.

Wie steht es um die Bezahlung von Männern und Frauen im Handwerk? Wie groß ist der Gender Pay Gap im Handwerk und wie kann man ihn schließen?

Das Handwerk zahlt oft niedrigere Stundenlöhne an Frauen als an Männer. Erklärt wird das mit der Berufserfahrung, Teilzeitarbeit, Unterbrechungen. Im Durchschnitt aller Branchen beträgt die Lücke im Stundenlohn 19 Prozent. Für das Handwerk kann ich keine genaue Zahl nennen. Aber ich weiß, was hilft: Reden und handeln! Sprechen Sie mit Kollegen, nehmen Sie das tabuisierte Wort „Geld“ in den Mund und lassen Sie sich dann vom Arbeitgeber die Lohnunterschiede erklären.

Was genau müssten Betriebschefs im Handwerk tun, um ihre Branchen familienfreundlicher zu machen?

Zunächst müssen sie die Sorge um Kinder und die eigenen Eltern auch den Männern zugestehen. Es ist doch ganz normal, dass sich Väter genauso um ihre Kinder und Eltern kümmern wollen. „Weicheier“ sind sie damit doch nicht, im Gegenteil: Sie zeigen Verantwortung. Wenn dieser Kulturwandel erreicht wurde, ist viel gewonnen. Das bedeutet aber vor allem auch zeitliche Flexibilität. Es sollte kein Problem sein, dass Beschäftigte mal eine halbe Stunde später kommen, zwischendurch kurz nach Hause eilen oder an einem Tag etwas früher gehen, wenn es etwas Dringendes in der Familie gibt. Denn so häufig kommt das auch wieder nicht vor. Gemeinsam geht alles.

Ihre Befürchtung ist, dass die Gleichberechtigung durch die Corona-Krise um Jahre zurückgeworfen wird. Ist nicht alles schnell wieder wie vorher, sobald wir die Pandemie im Griff haben? Und warum nicht?

Na ja, ich sehe hier überhaupt keinen Anlass zu Optimismus, dass nach der Pandemie alles so sein wird wie vorher. Vor allem Mütter haben ja oft ihre Arbeitszeit reduziert, den Job gewechselt, um in familienfreundlicheren Strukturen zu arbeiten, oder die Erwerbsarbeit ganz aufge­­geben. Die Verantwortung für die Familie hat sich noch weiter auf sie verlagert. So einfach lässt sich das nicht zurück­drehen. Ich bleibe dabei: In der Pandemie haben wir ordentlich an Boden für die Gleichberechtigung verloren.

Spiegelt die Gender-Diskussion nicht wider, dass wir aktuell ein völlig anderes Problem haben (das in Teilen auch die Pandemie und die Klimasituation zutage fördern): Wie werden Wirtschafts- bzw. Sozialsysteme künftig für alle sinnstiftend funktionieren können?

Das sehe ich anders. Eine sinnstiftende Arbeit, die zudem Zeit für die vielen spannenden Erlebnisse unseres Lebens lässt, ist eng mit der Geschlechterfrage verbunden. Für Frauen wird das Leben reicher, wenn sie sich stärker im Beruf entfalten und verwirklichen können. Für Männer gilt das ebenso. Die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen, die eigenen Eltern pflegen zu können, das ist von enormem Wert. Genau das berichten uns die Männer auch immer wieder.

Vita

Prof. Jutta Allmendinger ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ( WZB). Die Soziologin war unter anderem Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie ist Mitglied in diversen Gremien und wurde von Papst Franziskus in die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen.

Gerade ist Allmendingers neues Buch mit dem Titel „Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen“ im Ullstein Verlag erschienen. ISBN 9783548064529 – © Ullstein Verlag

Buchtipp: „Es geht nur gemeinsam“
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