Fahrbericht Iveco eDaily: Hohe Anhängelast und nervende Assistenzsysteme

Einzigartige Technik, eine respektable Anhängelast und mitunter allerdings auch ein ­eigen­williges Auftreten – was bietet der Iveco eDaily dem Handwerk? Die Antwort ­liefert unser Test.

Geht doch: Erst nach Zureden klappt die Nahrungsaufnahme, wenn auch mit langsamem Ladetempo.
Geht doch: Erst nach Zureden klappt beim Iveco eDaily die Nahrungsaufnahme, wenn auch mit langsamem Ladetempo. - © Randolf Unruh

Wer vom Iveco Daily die Eigenschaften eines Otto-Normal-Transporters erwartet, liegt falsch. Der einzige selbst entwickelte Transporter eines Lkw-Herstellers fährt technisch auf eigener Route. Zum Beispiel mit einem tragenden Chassis für den Kastenwagen. Für automobile Feinschmecker archaisch, für Lkw-Kenner normal. Pragmatismus beweist auch der elektrisch angetriebene eDaily mit seinem Zentralmotor vor der herkömm­lichen Antriebsachse. Das macht kein anderer Autobauer.

Hinter der handfesten Technik steckt indes eine empfindsame Seele. So ver­weigerte der Testwagen anfangs die Nahrungsaufnahme, das Aufladen der Batterie. Das lag zunächst an einer technischen Einstellung, es folgte eine nicht zu ortende Widerborstigkeit. Bis plötzlich alles wie am Schnürchen klappte, genauer ­gesagt am Ladekabel. Wie vorgesehen in aller Ruhe mit bis zu 80 kW. Zwischen Himmel und Erde oder Ladesäule und Transporter geschehen mitunter merkwürdige Dinge.

Fabelhafter Wendekreis

Der Stromer fährt als eDaily 35S 14E V und 3520L H2 vor. Hinter dem Gewimmel steckt ein 3,5-Tonner in leichter S-Ausführung mit 140 kW/190 PS Leistung, 3.520 Millimetern Radstand, langem Überhang und Hochdach. Macht sechs Meter Länge, einen fabelhaft kleinen Wendekreis und mit großzügiger Iveco-Kalkulation zwölf Kubikmeter Laderaum.

Der liegt leer fast 700 Millimeter über der Straße – danke für Trittstufe und Haltegriffe. Das Frachtabteil wirkt eher lässig gearbeitet, aber mit verdeckt verlegten Kabeln. Stichwort Höhe: Beladen sinkt die Bodenfreiheit unter den Schutzkufen der Akkus auf 180 Millimeter, also Vorsicht bei Rampen. Die Batteriebestückung setzt sich aus zwei Paketen à 37 kWh brutto zusammen. Iveco bietet auch ein einzelnes Paket an, ein Fall für die City. Die technisch mögliche Variante mit drei Paketen steht aus Gewichtsgründen nicht auf der Speisekarte.

Iveco eDaily überzeugt mit Anhängelast

In Testausführung schultert der eDaily mit Anhängerkupplung, verkleidetem ­Laderaum, Doppel-Beifahrersitzbank und ein paar Annehmlichkeiten knapp 700 Kilo Fahrer und Fracht. Nicht üppig, aber üblich für E-Transporter dieser Tonnage. Ausweg wäre der Griff zum 3,8-Tonner, sofern es der Führerschein hergibt und Verkehrsbeschränkungen nicht stören. Ganz und gar nicht üblich ist die zulässige Anhängelast von 3,5 Tonnen und das Zuggesamtgewicht von sieben Tonnen, der eDaily kann also ranklotzen. Ebenso ungewöhnlich: Er nutzt 95 Prozent seiner Batteriekapazität, also 70 kWh. Abge­sichert durch eine herausragende Garantie über 250.000 Kilometer auf 80 Prozent der Kapazität. Also doch kein Sensibelchen? Ab auf die Straße.

Iveco eDaily 35S 14E V
  • Abmessungen (L/B/H): 6.118/2.052/2.651 mm
  • Radstand: 3.520 mm
  • Wendekreis: 12.700 mm
  • Laderaum (L/B/H): 3.540/1.740/1.900 mm
  • Breite zw. Radkästen: 1.317 mm
  • Ladekapazität: 12,0 m³
  • Leergewicht Testwagen: 2.815 kg
  • Nutzlast: 685 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 3.500 kg
  • Anhängelast bei 12 % Steigung: 3.500 kg
  • Zul. Zuggesamtgewicht: 7.000 kg
  • Batterie: Lithium-Ionen, netto 70 kWh
  • Aufladung: Wallbox 11 kW, optional Ladestation 22 kW, Schnellladung max. 80 kW
  • Motor: E-Motor zentral im Rahmen
  • Leistung: 140 kW/190 PS
  • Drehmoment: 400 Nm
  • Getriebe: Einganggetriebe, feste Übersetzung
  • Höchstgeschwindigkeit: 127 km/h
  • Verbrauch (WLTP): 33,6 kWh
  • CO2-Emission: 0 g/km kombiniert
  • Teststrecke beladen: 35,6 kWh/100 km
  • Testverbrauch min./max.: 29,1–40,8 kWh/100 km
  • Grundpreis: keine Angabe

Nervender Alarmismus

Der Fahrerplatz liegt hoch, das Cockpit hat optisch Schwung, die Materialqualität ist angemessen, die Rückwand verkleidet. Der Fahrer sitzt bequem, etwas mehr Längsverstellung wäre entgegen­kommend. Große Außenspiegel, reichlich Ablagen bis zur üppigen Sitztruhe, gut so.

Die digitalen Armaturen lassen sich konfigurieren und ordentlich ablesen, sie verteilen sogar Komplimente für Wohl­verhalten am Steuer. Jedoch nervt die verästelte Bedienung des mittigen Displays, da nach jedem Start mühsam der Bordrechner aus den digitalen Tiefen ausgebuddelt werden muss. Ärgerthema beim Testwagen: Die übermäßige Tachovoreilung über den gesamten Geschwindigkeitsbereich führte zu lästigen Warnungen nach jeder Tempobegrenzung. Ohnehin neigt der eDaily zu Alarmismus, warnt etwa aufgeregt beim doppelspurigen Abbiegen vor Verkehr nebenan, reagiert der Rückfahr-Notbremser mitunter schreckhaft. Auch mit der Verkehrs­schilderkennung hat’s der eDaily nicht so. Mit all dem ist er nicht allein – moderne ­Zeiten im Transporter-Klassiker.

Iveco eDaily verfügt über drei Fahrmodi

Und der einzigartige Antrieb? Es gibt drei Fahrmodi mit 90 kW/122 PS, 115 kW/156 PS und 140 kW/190 PS. Beim Start wählt der eDaily stets die mittlere Variante, ebenso für die Rekuperation. Damit fährt sich’s selbst beladen und an Steigungen angenehm. Ist der Testwagen doch mit seinem etwas wankelmütigen Fahrwerk weder Rennpferd noch Kurvenkratzer, sondern majestätisch-gelassen und freundlich mit dem Vorderwagen nickend unterwegs. Auf schlechten Pisten bebt dann der Aufbau. Ist Volldampf gefragt, reicht im Unterschied zu Transporterkollegen nicht der Tritt aufs Fahrpedal, jetzt muss die Powerstufe her. Dann wird der Daily, hoho, zum Sprinter.

Die Grundeinstellung verhindert Beschleunigungsorgien und begrenzt den Stromverbrauch. Der fällt beladen auf der Testrunde mit 29,1 bis 40,8 kWh auf 100 Kilometern und einem Schnitt von 35,6 kWh nicht eben niedrig aus. Jedoch kämpfte der hochaufgeschossene Testwagen zeitweilig mit schwerem Wetter. Der eDaily als harter Arbeiter muss eben auch dann raus, wenn sich feine Automobile mit Saisonkenn­zeichen frierend in der Remise anein­anderdrängen. Und es ist gelernt, eine gewisse Stromreserve schadet nicht. Könnte ja sein, dass der manchmal etwas eigen­sinnige eDaily mal wieder die Nahrungsaufnahme verweigert.

Zugehörige Themenseiten:
Autotest, Elektromobilität, Fuhrpark und Transporter