UnternehmerFrauen im Handwerk Interview mit Heidi Kluth zum UFH-Abschied: „Das Handwerk weiblicher machen“

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„Handwerk ist hier auch Frauensache“ – mit diesem richtungsweisenden Projekt wollen die UnternehmerFrauen im Handwerk (UFH) eine gleichberechtigte Unternehmenskultur forcieren und Schwellenängste nehmen. Wir sprachen mit der scheidenden Bundesvorsitzenden Heidi Kluth über Ziele, Klischees und den Abschied von der großen UFH-Bühne.

Heidi Kluth
UnternehmerFrau Heidi Kluth hat mit den UFH das ambitionierte Projekt „Handwerk ist hier auch Frauensache“ initiiert. – © Jörg Brockstedt
handwerk magazin: Frau Kluth, Sie haben auf dem Bundeskongress Ihr neues Projekt „Handwerk ist hier auch Frauensache“, ehemals „Mädchen willkommen im Handwerk“, das ein spezielles Siegel beinhaltet, gestartet. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Heidi Kluth: Die Idee zu diesem Projekt entstand schon vor längerer Zeit in Niedersachsen. Damals hatten wir überlegt, was den Betrieben und den Frauen helfen würde, und uns für ein Bundesprojekt entschieden. Dann kam Corona dazwischen – doch die Idee finde ich immer noch gut, jetzt ist also der richtige Zeitpunkt!

Was ist der Kern des Projekts und welche Ziele haben sich die UFH gesetzt?

Der Kern soll sein, Mädchen und Frauen ins Handwerk zu bringen – und vor allem zu halten. Unser konzipiertes Siegel soll zeigen, dass eine gleichberechtige Unternehmenskultur im jeweiligen Handwerksbetrieb existiert. Für Jungs wie für Mädchen. Und dass es für sie eine Chancengleichheit im Berufsleben gibt. Damit nehmen wir dann auch eine mögliche Schwellenangst. Mit unserem Siegel wollen wir also signalisieren, dass junge Mädchen in den Betrieben willkommen sind.

Kritiker könnten sagen, dass Mädchen ja schon immer im Handwerk willkommen gewesen seien.

Ja, natürlich waren Mädchen schon immer im Handwerk willkommen. Wir haben ja viele Gewerke, die inzwischen einen höheren Frauenanteil und einen starken Zulauf von Frauen haben. Ich denke da an Maler, Stuckateure oder Konditoren. Es gibt aber auch noch Gewerke, die sehr stark männerdominiert sind. Und hier wollen wir die Hemmschwelle senken – schließlich müssen die Mädchen erst einmal in den Betrieb kommen, damit man sich um sie kümmern kann. Wichtig: Ich glaube ganz fest daran, dass unser Projekt einen Motivationsschub auslösen kann, das Handwerk insgesamt weiblicher zu machen.

Für dieses Siegel können sich in der Pilotphase nur UFH-Betriebe bewerben.

Richtig. Diejenigen UFH-Betriebe, die sich dafür bewerben, werden sich mit der Thematik intensiv auseinandersetzen und mit ihren Mitarbeitern darüber sprechen. Und ihre Betriebskultur und Öffentlichkeitsarbeit daran ausrichten. Denn: Wer diesen Mehrwert nach außen deutlich machen kann, hat auch einen Vorsprung im Kampf um die zukünftigen Fachkräfte. Wird das Siegel übrigens gut angenommen, wollen wir es auch für alle Handwerksbetriebe öffnen.

Welche Kriterien muss ich als Handwerksbetrieb erfüllen, damit ich das Siegel erhalte?

Grundsätzlich geht es um die gleich­berechtigte Unternehmenskultur im Betrieb. Die gut 40 Fragen thematisieren Grundsatzfragen, die Ausbildung oder das Betriebsklima. Haben beispielsweise Mädchen und Frauen die gleichen Chancen wie deren Mitbewerber, den im ­Betrieb angebotenen Ausbildungsberuf zu erlernen? Spricht der Betrieb gezielt Mädchen für die Ausbildung an? Oder arbeiten Männer und Frauen im Betrieb gut zusammen? Sie sehen, man muss schon als Betrieb klar zu dem Thema stehen. Das ist keine Überschrift, die ich einfach irgendwo hinklebe, sondern ich muss das auch umsetzen.

Mit welchen Argumenten haben Sie „First Lady“ Elke Büdenbender und ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer überzeugt, beim Projektstart dabei zu sein?

Da brauchte ich gar keine zusätzlichen Argumente! Herr Wollseifer war schon lange in unsere Gedankengänge eingebunden und hat immer seine Unterstützung signalisiert. Die Nachwuchsförderung war ja schon immer ein Thema für ihn. Und bei Frau Büdenbender war es genauso. Wir kennen sie ja als Schirmherrin der Initiative Klischeefrei, wo wir auch Mitglied sind. In dieser Funktion hat sie sich immer schon Gedanken zu diesem Thema gemacht. Zudem möchte Frau Büdenbender die duale Ausbildung für Mädchen stärken – Überzeugung­s­arbeit war gar nicht nötig.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich fürs Handwerk, lange Zeit auch an der Spitze der UFH. Welche Klischees, was Frauen im Handwerk angeht, haben Sie selbst erlebt?

Da ich ja nun schon sehr lange dabei bin, habe ich einiges erlebt, was sich die heutigen Frauen gar nicht mehr vorstellen können. Gerade beim Kampf um die Anerkennung. Auf einer Handwerksveranstaltung wurde ich vor vielen Jahren beispielsweise direkt mit folgendem Satz konfrontiert: Die UnternehmerFrauen seien der Verein, den wir gegründet haben, damit sich unsere Frauen nicht langweilen. Eine Aussage, die heute sicherlich niemand aus der Handwerksorganisation machen würde. Und das ist auch gut so. Hier ist ganz viel Positives passiert!

Gibt es dann überhaupt noch Klischees, mit denen Sie jetzt ein für alle Mal aufräumen? Oder hat sich der Zeitgeist komplett geändert?

Wichtig ist, dass wir die Mädchen und Frauen ins Handwerk bekommen – und sie dann dort bleiben. Existenzen suchen, Betriebe gründen, Karriere machen. Und dass sie ins handwerkliche Netzwerk kommen. Ich finde, das ist immer noch nicht so einfach. Gerne möchte ich noch mal dafür sensibilisieren, dass auch Frauen wichtige Ämter übernehmen können und dadurch eine andere Sichtweise ­hineinbringen.

Wie fühlt es sich eigentlich an, ein derart ambitioniertes Projekt zu starten und gleichzeitig von der großen UFH-Bühne abzutreten?

Die Verabschiedung fällt mir eigentlich sehr leicht, alles hat seine Zeit. Das Projekt hätte ich gerne schon ein Jahr früher gestartet. Einfach um zu sehen, was aus meinem Gedanken wird. Ich bin mir aber sicher, dass meine Nachfolgerin dieses tolle Projekt weitertragen wird.

Abschließend vielleicht drei Punkte, auf die Sie in Ihrer langen Zeit als UFH-Vorsitzende besonders stolz sind?

Erstens bin ich stolz darauf, dass wir uns diese Anerkennung in der Handwerks­organisation erarbeitet haben – und wir jetzt wahnsinnig viel Unterstützung bekommen. Zweitens bin ich auf alle meine UnternehmerFrauen stolz, die alle Aktivitäten mit Leben füllen müssen. Drittens bin ich besonders stolz auf die UnternehmerFrauen an sich, dass sie in den letzten 15 Jahren so ein tolles Selbstwertgefühl entwickelt haben. Keine junge Unter­nehmerFrau würde heute mehr sagen, ich bin die gute Seele des Betriebs! ­Unterm Strich habe ich sicherlich mehr richtig als falsch gemacht – alles ist gut.

Frau Kluth, danke für das Gespräch!

Zur Person Heidi Kluth

Heidi Kluth
© Jörg Brockstedt

Heidi Kluth, Jahrgang 1954, hat eigenen An­gaben zufolge „durch die Liebe ins Handwerk gefunden“. 1981 stieg sie in den Betrieb ihres Mannes Uwe ein. „Und so wurde Handwerk ein großer Teil meines Lebens“, betont die langjährige Bundesvorsitzende der Unternehmer­Frauen im Handwerk (UFH). Heute beschäftigt der Handwerksbetrieb, die Kluth und Sohn Haustechnik GmbH, 13 Mitarbeiter – seit diesem Jahr fungieren die drei mitarbeitenden Kinder als Geschäftsführer. Gewerke: Sanitär, Heizung, Dachdecker, Klempner und Elektro. Der Fokus liegt auf Reparatur und Sanierung. Zu den zahlreichen Ehrungen, die die engagierte Betriebswirtin im Handwerk erhielt, zählen unter anderem das Handwerkszeichen in Gold (2019), der Ehrenthaler des Niedersächsischen Handwerks (2019) und das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2016).