Ressourcen und Automatisierung Gewerbebau und Nachhaltigkeit: Je simpler und natürlicher, desto besser

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Mit natürlichen Materialien wie Holz, Kork oder Lehm entstehen nach­haltige ­Gewerbebauten, die Mensch und Umwelt guttun. Digitale Methoden versprechen noch mehr Effizienz.

Trainingswerk
Rohstoff Holz: Mit der Praxis Trainingswerk hat Rikker Holzbau einen nachhaltigen Gewerbebau umgesetzt. – © Richard Becker

Stephan Schäfer zeigt, wie sich‘s gesund lebt. Der Physiotherapeut bietet seinen Patienten in der neuen Praxis Trainingswerk im baden-württembergischen Kirchberg an der Murr die Behandlung mit Kraft-Ausdauer-Übungen – und das in modernen 400 Quadratmeter großen Räumen, die das Wohlbefinden fördern sollen. Bei der Auswahl des Baumaterials für ihre Praxis hat sich Schäfer daher für Holz entschieden. „Der Rohstoff hat den Vorteil, dass er ökologisch und nachwachsend ist und ein wohngesundes Raumklima schafft“, erläutert Holger Wetter. Als technischer Leiter arbeitet er bei der Zimmer-Meister-Haus-Manufaktur Rikker Holzbau aus Affalterbach, die das Gebäude schlüsselfertig erstellt hat.

Ob als Gebäudehülle oder auch bei der Innenausstattung: Holz setzt sich als wertvoller Rohstoff auch beim Gewerbebau immer mehr durch. Es wirkt ästhetisch, steht aber auch für nachhaltiges Bauen. Spätestens seit die Bundesregierung die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 beschlossen hat und die Fridays-for-Future-Bewegung dem Klimawandel entgegentritt, steht die natür­liche Bauweise auch im Handwerk auf dem Bauplan. Eine Studie der USP Marketing Consultancy definiert Nachhaltigkeit beim Bauen über nachhaltige Materialien, recyclefähige Materialien sowie die Energieneutralität und einer langen Lebensdauer des Gebäudes.
Für das KfW-Effizienzhaus Trainingswerk hat Rikker Holzbau im Gebäudeinneren Glas, Stahl und Beton verbaut. Im Zusammenspiel mit diesem hochwertig gedämmtem Baukörper in Holzbauweise wurde eine Luft-Wasser-Wärmepumpe verbaut, die Warmwasser, Fußbodenheizung und Kühlung bedient. Zum geforderten KfW-Standard wurde zusätzlich noch eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung verbaut. Bei hohem Bedarf an Warmwasser wird die Warmwasserbereitung über eine Pelletheizung und Solarthermie unterstützt. „Dieser intelligente Kreislauf ermöglicht sowohl das Heizen im Winter als auch das Kühlen im Sommer und damit wirtschaftlich sowie ökologisch eine zukunftssichere Form der Energienutzung“, sagt Wetter. Das rechnet sich: Die Investitionskosten, die beim nachhaltigen Bauen anfallen, zahlen sich somit wieder aus.

Alnatura: Bürogebäude ganz aus Lehm

Energie und Ressourcen sparen – das gelingt auch über das zirkuläre Bauen. Die Idee dieses sogenannten Cradle-to-Cradle-Prinzips ist es, Materialien zu verwenden, die als biologische oder technische Nährstoffe in Kreisläufen gehalten werden. Laut einer Studie des Architectural Barometer Report wollen das bisher 29 Prozent aller Bauherren gewerblicher Bauten. Dabei zählt im weiteren Sinn auch dazu, Abfallprodukte zu verwenden, die aus dem Abriss eines Gebäudes stammen. Der 2019 entstandene Alnatura Campus ist ein Vorzeigebeispiel für das profitable Recycling von Materialien. Als Terrain hat sich die Bio-Supermarktkette ein ehemaliges Kasernengebäude im Südwesten Darmstadts ausgewählt und dort auf 55.000 Quadratmetern ein klimaneutrales Gebäude mit Stampflehmfassade errichtet.

Martin Haas, Inhaber des Architekturbüros Haascookzemmrich Studio2050, spricht von einem „klassischen und gleichzeitig innovativen Baustoff, der in Deutschland und Europa fast nicht verwendet wird“. Als Grund dafür verweist er auf die DIN-Normierung, ohne die ein Baustoff nicht zugelassen werden darf. Für Lehmprodukte liegen die Normen erst seit 2013 vor.

Dabei bietet das Material zahlreiche Vorteile, die weit über den Mehrwert einer natürlichen Klimatisierung im Haus hi­nausgehen. „Der Baustoff wirkt extrem feuchtigkeitsregulierend und hat die Besonderheit, dass er genauso schnell Wasser aufnimmt wie er abgibt“, zählt Haas auf. Das bedeutet: Lehm schimmelt nicht, sondern reinigt und gibt keinerlei Schadstoffe ab. Wegen seiner Porosität ist er auch akustisch dämpfend und ist – im Vergleich zur klassischen Putzfassade – extrem pflegeleicht. Andererseits birgt Lehm auch Herausforderungen: Gefahren bei Brand und Erosion sowie die Statik müssen besonders geprüft werden .

Weniger ist mehr: Vorhandene Ressourcen ausschöpfen

Bereits die Beschaffung des Materials geht meist nicht problemlos vonstatten – so war es auch beim Projekt Alnatura. Weil auf dem trockenen Darmstädter Sandboden kein Lehm zu finden war, wurde der Baustoff aus ehemaligen Ziegelgruben gewonnen sowie aus dem Abraummaterial des Verkehrs- und Städtebauprojekts Stuttgart 21. Übrig ge­bliebe­­nen Bauschutt und Baugrubenmaterialien für neue Projekte zu nutzen ist elementar beim nachhaltigen Bauen. Laut Zahlen des Bundesumweltministeriums entstehen allein durch Bauschutt 220 Millionen Tonnen an mineralischen Abfällen. „Der erste Ansatz in puncto Nachhaltigkeit muss es daher sein, möglichst keine Ressourcen zu verbrauchen“, betont Bernhard Schmidt, Teamverantwortlicher Einrichtung bei Alnatura. Als Beleuchtung im Bürokomplex dienen die ehemaligen – nun auf LED umgerüsteten – Leuchten aus den Abstellhallen der Fahrzeuge, mehr als 30 Jahre alte Stühle wurden neu bezogen und weiter genutzt.

Sparsam und einfach lautet auch die Devise fürs gesunde Raumklima. „Gut 80 Prozent der Jahreszeit kommen wir in Deutschland ohne Klimatisierung zurecht“, sagt Architekt Haas. Daher benötigt ein energieeffizientes Haus nur 20 Prozent additive Technik. Auf der Messe Bau München, bei der sich zu Jahresbeginn die Baubranche virtuell versammelte, propagierte Haas, so zu bauen wie vor 100 Jahren, als es noch keine Heizung gab. Das heißt, im Sommer den Schatten zu nutzen, im Winter die Sonne. „Wir müssen alle Ressourcen, die zur Verfügung stehen, radikal nutzen“, sagt Haas. Beim Gewerbebau Alnatura Campus zählt dazu, die Abwärme der Kühlgeräte als Energielieferant zu verwenden und über hohe Decken den Luftverbrauch in den Räumen zu regulieren.

Diese Prinzipien des nachhaltigen Bauens lassen sich selbst auf Gebäude anwenden, die schon in die Jahre gekommen sind. Anstatt kurzerhand abzureißen und neu zu bauen, können auch betagtere Gewerbegebäude nachhaltig nachgerüstet und weitergenutzt werden. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sieht vor, Versiegelungen in Deutschland bis 2030 von 56 Hektar auf 30 Hektar pro Tag annähernd zu halbieren. „Das gelingt nur, indem Bestandsgebäude weiter genutzt werden und innerstädtisch nachverdichtet wird“, urteilt Thomas Kraubitz, Director beim Happold Ingenieurbüro und Auditor für die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Als Vorreiter bei der nachhaltigen Gewerbebau-Sanierung verweist Kraubitz nach Dänemark: In Kopenhagen gibt es im ehemaligen Zentrum der Fleisch­industrie das Fischrestaurant Fiskebaren. Während das Gebäude seine bauliche Substanz sowie seine Identität mit den typischen Farben Weiß, Grau und Braun nach der Sanierung behalten hat, wurden im Inneren die schon vorhandenen Materialien wie gebrauchte Fliesen und alte Türstöcke neu verarbeitet. Auch die Heizung war schon da – in Form der Abwärme aus der Küche .

Automatisierung: Die DNA des Bauens entschlüsseln

Überall entstehen schöne neue und neu gemachte Bauten, doch wertet DGNB-Auditor Kraubitz das nicht unbedingt positiv. Wo immer wieder neu gedacht, geplant und gebaut wird, geht natürlich viel Effizienz verloren. „Ein Gebäude ist immer noch eine Maßanfertigung“, bemängelt er. „Die Möglichkeiten der automatisierten Produktion, wie sie bei der Automobilherstellung Standard sind, sind beim Bau noch nicht angekommen.“

Dieses Ziel verfolgt Heinrich Schimmel, Geschäftsführer von Bad & Heizung Schimmel im oberfränkischen Hof. Der Handwerker forscht mit seiner zweiten Unternehmung Eccuro daran, wie sich die DNA des Bauens entschlüsseln lässt. „Die Nachhaltigkeitsziele sind mit der bisherigen Arbeitsweise am Bau nicht zu halten“, glaubt Schimmel. Um effizienteres Arbeiten zu ermöglichen, speist er Dokumente zum Prozessablauf von Bauprojekten in ein Dokumenten-Management-System (DMS) ein, codiert sie und erstellt daraus eine duplizierbare Prozessarchitektur.

Das Wissen stellt er anschließend in der Internet-Plattform Eccuro zur Verfügung. Handwerker können dort auf einen webbasierten Konfigurator und Navigator für die Gebäudesanierung zurückgreifen. Somit können immer wieder vorkommende Geschäftsprozesse wie Badsanierung, Heizungsmodernisierung oder der Bau eines KfW-Effizienzhauses in einen automatisierten Ablauf überführt werden. „Über unseren digitalen Bauprojekt-Leitfaden lassen sich Fehler minimieren, anstatt sie erst im Nachhi­nein zu beheben“, sagt Schimmel. Das spart nicht nur Zeit, Geld und Nerven – es schont auch die Umwelt.

Nachhaltige Materialien: Vorzüge und Besonderheiten

Natürliche Baustoffe im Gewerbebau schonen die Umwelt und steigern das Wohlbefinden der Menschen. Neben vielen Mehrwerten gilt es jedoch auch einige Herausforderungen beim Verbauen zu meistern.

  • Holz: Der Baustoff bindet CO2 und eignet sich zur Dämmung. Holz verliert jedoch Restfeuchte und schrumpft.
  • Lehm: Als ökologisches Material sorgt Lehm für ein angenehmes Raumklima und bindet Schadstoffe. Vorsicht: Lehm benötigt bis zu zwei Wochen, um nach dem Verbauen zu trocknen. Bei hohen Minusgraden kann es zudem zu Frostsprengungen kommen.
  • Kork: Korkdämmplatten können für Dach, Decken und Wände verwendet werden. Außerdem eignet sich der gesunde Rohstoff als Füllmaterial für Deckenhohlräume. Nachteil: Weil das Material kein heimischer Rohstoff ist, hat er lange Transportwege.