Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 54. Folge VOB: Zustandsfeststellung vor Baubeginn – der unterschätzte Trick!

Viele Handwerker lassen ein wichtiges Werkzeug der VOB völlig ungenutzt: die Zustandsfeststellung vor Baubeginn. VOB-Trainer Andreas Scheibe zeigt in seiner Kolumne „Der professionelle Bauablauf“, warum sie Handwerkern Ärger erspart und Bauzeitnachträge sichert.

Erst mit der Zustandsfeststellung dokumentieren, dann montieren: Am Ende des Bauprojekts zahlt sich das aus. - © BESTIMAGE - stock.adobe.com

Eigentlich ist es Wahnsinn: Die wenigsten Handwerker machen vor dem Baustart eine Zustandsfeststellung. Dabei hilft genau die, bei monatelangen Verzögerungen im Bauprojekt Bauzeitnachträge einfach und pragmatisch zu sichern. Nur anscheinend kann keiner mit dem trockenen VOB-Deutsch einen Bezug zur eigenen Baustelle herstellen. Also machen wir das jetzt.

VOB-Trick 1: Erst mit der Zustandsfeststellung dokumentieren, dann montieren

Sicherlich ist Ihnen das auch schon passiert: Sie sollen anfangen, aber der Rohbau ist nicht fertig. Die Planung fehlt. Oder ein Gewerk ist abgesprungen. Fast ganz normal heutzutage. Sie wissen schon jetzt, dass Sie niemals pünktlich zu Vertragsende fertig werden, die Probleme werden sich von Woche zu Woche häufen, profitabel wird die Sache im besten Fall noch ausgehen, oder auch nicht. Freude am Arbeiten ist was anderes. Wir nutzen also ab heute unser neues Tool: Machen Sie eine Zustandsfeststellung!

Das heißt für Sie: Dokumentieren, was fehlt. Festhalten, wer verantwortlich ist. Prüfen, ob der Auftraggeber im Annahmeverzug steckt. Wichtigster Aspekt: Der Auftraggeber muss dabei sein. Unter uns: Er wäre auch schön blöd, wenn er nicht auch eigene Beweise für kausale Zusammenhänge erzeugt. Schließlich geht es bei Bauzeitnachträgen um viele Zehn- oder Hunderttausende Euro Steuergeld. Wenn er jedoch nicht dabei ist, dreht sich die Beweislast um – gut für uns.

VOB-Trick 2: Kurz dokumentiert, lange profitiert

Jetzt denken Sie vielleicht: „Schon wieder Papierkram, ich will doch arbeiten!“ Aber ehrlich: Eine Zustandsfeststellung kostet Sie vielleicht zwei Stunden. Und bringt Ihnen am Ende klare Vorteile: Bauzeitnachträge laufen nämlich sauber durch, in weniger als drei Monaten hast du dein Geld, und du sparst dir endlose Diskussionen und Fragen nach dem Motto: „Warum konntet ihr nicht leisten? Warum habt ihr nichts gesagt? Nachtrag wird gekürzt!“ – wenn er überhaupt geprüft wird.

Fotos, Videos, ein schriftliches Protokoll – das reicht schon. Und wenn später ein Jurist draufschaut, dann ist sofort klar, wer das Chaos verursacht hat.

Zustandsfeststellung ganz einfach in 4 Schritten:
  1. Vor Baubeginn die Baustelle gemeinsam begehen, Handy raus, Fotos oder Videos machen.

  2. Zustandsfeststellung schriftlich anlegen. „Verhandlungsrucksack vollmachen“, wie wir im Training immer sagen.

  3. Auftraggeber einladen und unterschreiben lassen.

  4. Dokument ablegen – fertig.

Mehr Aufwand steckt da nicht drin. Aber Sie sind abgesichert, wenn es wieder nicht klappt mit dem Auftraggeber und Ihrem berechtigten Nachtrag.

Über Autor Andreas Scheibe:
© Continu-ING GmbH - © Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"

Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de

Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"

Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.

In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.

der-professionelle-bauablauf.de

Zugehörige Themenseiten:
Auftragsabwicklung, Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe und Risikomanagement