Andrea Eigel leitet zahlreiche Erfa-Gruppen – und ist somit ganz nah dran am Handwerk. In ihrer Kolumne beantwortet die Beraterin Fragestellungen aus der Praxis. Folge 26: Warum es in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten nicht nur auf volle Auftragsbücher ankommt – sondern darauf, wie die Produktivität hochgehalten wird und wo unbemerkt Geld versickert.

Heute kann ich mich nicht entscheiden. Reden wir in dieser Kolumne vom Teufel, der im Detail steckt, oder dem Kleinvieh, das auch Mist macht? Entscheiden Sie am Ende selbst. Denn es geht um Abläufe im Betrieb, deren Macht über das Betriebsergebnis Sie teuflisch gut und bis ins kleinste Detail kennen sollten.
Vor allem in diesen Tagen. Denn die wirtschaftliche Situation der Betriebe ist heute zwar regional unterschiedlich, aber nicht mehr durchweg bestens. Manche Firmen haben zwar weiterhin volle Auftragsbücher. Doch auch sie merken, dass Kunden genauer vergleichen oder Projekte auf die lange Bank schieben. Auch die Vorlaufzeiten sind längst nicht mehr so komfortabel wie früher. Das bedeutet nicht automatisch Krise. Aber es bedeutet: Die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Aufträge rückt stärker in den Fokus. Die spannende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viele Aufträge haben wir? Sondern auch: Wie gut laufen sie eigentlich durch unseren Betrieb? Genau hier wird Produktivität plötzlich zum Thema.
Und damit meine ich nicht, dass Mitarbeiter schneller arbeiten sollen. Im Gegenteil: Wenn Handwerkerinnen und Handwerker arbeiten, dann arbeiten sie meist engagiert und mit hoher Qualität. Die Produktivitätsverluste entstehen oft nicht bei der Arbeit selbst – sondern drumherum, in der gesamten betrieblichen Wertschöpfungskette.
Wo Produktivität im Alltag verloren geht
In vielen Betrieben sehe ich immer wieder ähnliche Situationen. Morgens werden die Unterlagen für die Baustelle nur halb gelesen – und später fehlt plötzlich ein entscheidendes Werkzeug oder Material. Material geht zu Neige, aber niemand meldet es rechtzeitig. Dann muss kurzfristig nachgekauft werden, damit die Arbeit nicht stillsteht – meist zu deutlich schlechteren Konditionen. Werkzeuge werden kaputt ins Regal gestellt, ohne Bescheid zu geben. Der nächste Kollege nimmt sie mit zur Baustelle – und steht dort erst einmal ohne funktionierendes Gerät da.
Oder ein Klassiker: Der Kunde äußert einen zusätzlichen Wunsch. Die Arbeit wird selbstverständlich erledigt. Aber im Büro erfährt niemand davon – und am Ende wird weder die Zusatzleistung noch das Material abgerechnet. Das Drama ist: Nichts davon wird in vielen Betrieben als großes Drama wahrgenommen. Aber in der Summe sind es genau diese teuflisch vielen Kleinigkeiten, die den Betrieb richtig Geld kosten.
Ein Fall aus meiner Beratung: Wenn das Team selbst auf die Produktivitätsbremsen aufmerksam wird
Vor einiger Zeit habe ich einen Teamevent in einem Stuckateurbetrieb begleitet. Der Chef hatte gespürt, dass sich der Markt in seiner Region verändert. Die Konkurrenz wurde stärker, Kunden verglichen mehrere Angebote, und gleichzeitig stiegen die betrieblichen Kosten. Sein Gedanke war deshalb klar: Wenn die Preise nicht beliebig steigen können, müssen die Aufträge so abgewickelt werden, dass am Ende auch wirklich etwas im Betrieb hängen bleibt. Also hat er das Thema Produktivität ins Team getragen. Und das Spannende war: Kaum war die Diskussion eröffnet, kamen die Beispiele nicht nur vom Chef.
Die Mitarbeitenden selbst brachten Punkte auf den Tisch – sogar die sonst wortkargen: „Wir könnten selbst besser kontrollieren, was wir morgens mit auf die Baustelle mitnehmen, damit nichts fehlt.“ Andere sprachen an, dass Material manchmal großzügig weitergegeben wird – etwa an Gerüstbauer zu Ausbesserungszwecken. Und wieder andere stellten fest, dass Rückmeldungen ans Büro manchmal schlicht untergehen. Kurz gesagt: Das Team merkte selbst, dass es im Alltag ein paar Stellschrauben gibt.
Drei einfache Hebel zu mehr Produktivität
Solche Gespräche zeigen mir immer wieder: Wenn das Thema richtig eingeführt wird, reagieren Mitarbeitende erstaunlich konstruktiv. Wichtig ist dabei vor allem eines: Suboptimale Produktivität darf nicht als Vorwurf an die Mitarbeitenden daherkommen. Es geht nicht darum, dass jemand „zu langsam“ arbeitet oder gar an den schwindenden betrieblichen Gewinnen „schuld“ ist. Es geht darum, Abläufe so zu organisieren, dass Arbeit möglichst reibungslos und damit wirtschaftlich läuft. Aus meiner Beratungspraxis haben sich drei Hebel bewährt:
- Klar über Wirtschaftlichkeit sprechen: Gerade in wirtschaftlich engeren Zeiten hilft Transparenz. Wenn Mitarbeitende verstehen, dass steigende Kosten und stärkerer Wettbewerb den Druck erhöhen, wächst oft das Verständnis für das Thema Produktivität.
- Die kleinen Reibungsverluste sichtbar machen: Vergessene Materialien, nicht gemeldete Zusatzleistungen oder defekte Werkzeuge wirken im Alltag harmlos. Erst wenn man sie gemeinsam anschaut, wird klar, wie viel Geld hier liegen bleibt.
- Lösungen gemeinsam entwickeln: Am besten funktionieren Maßnahmen, die aus dem Team selbst kommen. Dann entsteht gemeinsame Verantwortung – und nicht das Gefühl, dass „von oben“ wieder eine neue Regel verordnet wird.
Was aus dem Teamevent wurde – und warum Produktivität Teamarbeit ist
Der Betrieb aus meinem Beispiel hat nach dem Teamevent keine große Produktivitätsoffensive gestartet. Stattdessen einigten sich Team und Chef auf ein paar einfache Punkte: Baustellenunterlagen morgens genauer prüfen und Fahrzeugbeladung prüfen, Materialbestände früher melden, Ausbesserungsmaterial genau berechnet an Gerüstbauer weitergeben und Zusatzarbeiten konsequent ans Büro zurückspiegeln. Keine Revolution. Aber viele kleine, spürbare und messbare Verbesserungen. Das lässt sich verallgemeinern: Produktivität im Handwerk entscheidet sich selten an einer großen Maßnahme. Sie entsteht im Alltag – in vielen kleinen Entscheidungen und Abläufen. Wenn Betriebe diese Punkte gemeinsam mit dem Team anschauen, entstehen oft überraschend pragmatische Lösungen. Und die haben das Zeug, die vielen Mini-Fehlerteufelchen aus den Details zu vertreiben und aus dem gesammelten guten Kleinvieh echte Goldeselchen zu machen. Damit von einem Auftrag künftig deutlich mehr Ertrag übrigbleibt – einfach so, ohne einen zusätzlichen Finger zu rühren.
Wie gehen Sie in Ihrem Betrieb mit dem Thema Produktivität um? Haben Sie Abläufe entdeckt, bei denen im Alltag unnötig Zeit oder Geld verloren geht? Schreiben Sie mir!
Über Kolumnistin Andrea Eigel:
Andrea Eigel unterstützt Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte im Handwerk dabei, Kunden und Mitarbeitende zu gewinnen und nachhaltig zu binden – und dabei auch selbst bei Lust und Laune zu bleiben.
Sie hält Vorträge, macht Workshops und Coachings, moderiert Veranstaltungen und leitet seit vielen Jahren Erfa-Gruppen. Nebenberuflich ist sie Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

