Bauzeitverzögerungen? Für Handwerksbetriebe ist das nicht nur ein Zeit-, sondern vor allem ein Geldfresser. Aber: Wer die richtigen Strategien kennt, bleibt trotzdem profitabel. Also aufgepasst – dieser Text ist ein Weckruf für alle, die öffentliche Bauaufträge wuppen und endlich bessere Bauzeitnachträge schreiben wollen. In der neuen Kolumne von VOB-Trainer Andreas Scheibe erfahren Sie, wie es geht.

Baustelle läuft, Geld kommt? Schön wär’s. 95 von 100 öffentlichen Baustellen in Deutschland verschieben sich. Das ist nicht nur nervig – das bringt viele Handwerksbetriebe richtig in die Bredouille. Denn während Sie auf der Baustelle Däumchen drehen, weil wieder nichts vorangeht, laufen die Kosten weiter: Löhne, Maschinen, Verwaltung – alles will bezahlt werden mittels Allgemeiner Geschäftskosten (AGK). Und wer jetzt denkt, dass der Auftraggeber diese zeitabhängigen Kosten bei einer Verzögerung einfach so übernimmt, der sollte besser aufwachen. Denn da sitzen ein paar „Sesselpupser“, die haben keine Ahnung, was Sie da draußen durchmachen.
Die Rechtsprechung? Kein unternehmerisches Verständnis. Wer Monat für Monat hohe sechsstellige Kosten stemmen muss, kann nicht zehn Jahre auf ein Urteil warten. Trotzdem bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen – oder besser: das Spiel mitzuspielen und es klüger zu spielen als die anderen.
Das Hybridmodell Bau: 50 Prozent Werk, 50 Prozent Dokumentation
Früher hat’s gereicht, ordentlich zu arbeiten – heute reicht das nicht mehr. Heute ist der Job 50 Prozent Baustelle und 50 Prozent Büro. Klingt blöd? Mag sein. Ist aber so. Nur wer dokumentiert, kassiert. Wer nichts aufschreibt, bleibt auf seinen Kosten sitzen.
Und genau da liegt der Hebel: Es geht nicht darum, stundenlang Paragrafen zu wälzen. Es geht darum, die täglichen Pflichtverletzungen des Auftraggebers zu erkennen und festzuhalten. Zahlungsfristen, die gerissen werden. Entscheidungen, die an den Planer weitergereicht werden – und der reagiert nicht. Bauleitungsrunden, bei denen der Obermonteur zwei Stunden dasitzt, aber nur fünf Minuten zu Wort kommt. Das alles kostet Zeit, Nerven – und vor allem Geld. Und genau das gehört dokumentiert.
Für schlagkräftige Bauzeitnachträge Pflichtverletzungen, Mitwirkungsverletzungen, Obliegenheitsverletzungen sammeln
Klingt sperrig, ist aber Gold wert: Pflichtverletzung, Mitwirkungsverletzung und Obliegenheitsverletzung. Wer diese drei Zauberworte beherrscht, hat am Verhandlungstisch die besseren Karten. Denn Nachträge sind immer Verhandlungssache. Und gute Verhandlungen brauchen gute Argumente – nicht nur ein nettes Lächeln.
Deshalb: Sammeln Sie diese „Verletzungen“ des Auftraggebers systematisch und machen Sie daraus schlagkräftige Bauzeitnachträge. Das klappt nicht über Nacht, klar. Aber in drei Monaten sind oft schon die ersten Nachträge geschrieben – egal, ob’s um 7.000 Euro oder um mehrere 100.000 Euro geht.
Bauzeitnachträge durch Emotionen forcieren und nicht durch Paragrafen
Das Problem: Auf der Baustelle passieren die Störungen – im Büro landen sie oft nicht. Die Monteure sind die Augen und Ohren des Betriebs. Aber nur, wenn sie wissen, worauf sie achten müssen. Und dafür müssen Sie sie emotional packen. Mit Paragrafen erreichen Sie keinen Monteur. Aber wenn Sie klarmachen: „Der Bauleiter da draußen missbraucht eure Zeit“, dann hören alle zu – und Sie haben Stoff für Ihre Bauzeitnachträge. Und das ist nicht übertrieben – das ist schlicht die Wahrheit.
Wenn der Obermonteur jeden Tag eine Stunde durch den Rohbau tigert, um Kollisionen zu klären, dann ist das Planungsleistung. Ab ins Bautagebuch als Pflichtverletzung des Auftraggebers.
Dokumentieren, verhandeln, abrechnen
Sobald Sie damit anfangen, dieseStörungen sauber zu sammeln, haben Sie bald einen ganzen Rucksack voller Argumente. Dann wird’s Zeit, aus Papier Geld zu machen. Nicht nur für den aktuellen Auftrag, sondern als System, das Ihren Betrieb für die nächsten Jahrzehnte absichert. Denn das Schmerzensgeld für den Extraaufwand gehört auf Ihr Konto.
Über den Autor Andreas Scheibe:

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!
Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.
"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"
Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.
In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.
Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"
Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.
In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.
