Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Schlaraffenland war gestern: Ausgabenpolitik braucht eine Inventur

Das deutsche Schlaraffenland braucht dringend eine Inventur. So wird und kann es nicht weitergehen, denn überall sind die Kassen leer. Diese Erkenntnis unserer Kolumnistin Ruth Baumann ist nicht neu, aber nie war laut der Landesvorsitzenden ufh Baden-Württemberg ein Handeln so dringend wie jetzt. Warum? Das lesen Sie in dieser Folge von "Neues von der Werkbank".

Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg
Ruth Baumann, Landesvorsitzende ufh Baden-Württemberg, betont: "Die Schlaraffenland-Segnungen finanziert am Ende des Tages jeder Einzelne von uns." - © privat

Bilder und Absichtserklärungen werden den aktuellen Herausforderungen nicht gerecht: Wenn den Worten kein Handeln folgt, verpuffen sie. Dennoch ist es in meinen Augen unverzichtbar, Dinge ohne Schere im Kopf anzusprechen. Ein Austausch, gute Ideen, Denkanstöße und Engagement verdienen zuallererst ehrliches Zuhören. Ist man anderer Meinung, sagt man es und auch dies muss respektiert werden. Argumentieren statt blamieren sollte hierbei die eiserne Regel sein. Wildes „Bashing“ zeigt Inkompetenz, Ignoranz und Denkfaulheit. Meine Gedanken resultieren aus vielen Gesprächen und es braucht mitunter Mut, diese auch zu äußern. Nein, sie sind nicht negativ, sondern spiegeln unterschiedliche Lebenserfahrungen.

Alle brauchen Geld: ob UN, WHO, EU, die Bundesregierung, Kommunen, Vereine und jeder Einzelne von uns. Dieses Geld, so meine nüchterne Einschätzung als Bürgerin und Steuerzahlerin, muss zuerst erwirtschaftet werden, um es anschließend ausgeben zu können. Die nährende "Staatsbrust" der letzten Jahre hat vieles verteilt und umgeschichtet, jetzt stößt sie an ihre Grenze. Es ist sehr traurig, dass man nun vielen erst mal erklären muss, dass es einen reellen Zusammenhang zwischen Betrieben, Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen gibt. Wer eine Kuh nicht füttert oder gar schlachtet, braucht sich nicht auf die Milch zu freuen.

Das lieb gewonnene Schlaraffenland ist kaum zu retten

Schöne Bilder, unzählige Absichtserklärungen und Umsetzungsblockaden werden kaum das lieb gewonnene Schlaraffenland retten. Es geht nicht um Schönheit, sondern um greifbare Ergebnisse. Macher statt Models. Es bringt nichts, Mahner zu denunzieren, Themen zu ignorieren und ein sorgloses (nicht mehr finanzierbares) Leben zu propagieren. Die Realität zu akzeptieren und zu reflektieren wäre besser.

Und so sage ich mutig als Mittelständlerin, die Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Betrieb kennt und lebt: Das jetzige Leben ist nicht mehr finanzierbar. Ja, dabei spielen Energie- und Lohnkosten ebenso eine Rolle, wie steuerliche Belastungen und Bürokratie oder gelebte Eigenverantwortung. Die "Staatsbrust" kann nicht alles leisten, eine Vollkaskomentalität braucht auch vollen Einsatz. Es braucht generelle Reformen, nicht nur bei der Rente. Eine betriebliche Altersabsicherung wird nicht den Traum von eigenen vier Wänden mildern. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die wettbewerbsfähig und zugleich motivierend sind. Das ist die unbequeme Wahrheit.

Wer das deutsche Schlaraffenland kritisiert, wird niedergebrüllt

Wenn sich die EU damit rühmt, letztes Jahr mehr Gesetze als in den letzten 15 Jahren auf den Weg gebracht zu haben, dann habe ich meine Zweifel, ob man sich dem Kampf gegen die Bürokratie wirklich stellt. Selbst der Brexit vermochte es nicht, die Zahl der Abgeordneten zu reduzieren. Die Transformation ist immer noch kein Exportschlager und das Warten auf den Omnibus, der bürokratische Entlastung bringen soll, wird vielen Betrieben zu lang.

Jeder, der an den Segnungen des Schlaraffenlandes kratzt, wird niedergebrüllt. Lieber schöne Fotos, großartige Stories statt ehrlicher Auseinandersetzung. Bildung braucht nun mal Sprachkompetenz, dann kann beschult werden. Sozialstaat braucht Betriebe, Arbeitsplätze und Steueraufkommen, sonst funktioniert er nicht. Rentenzusagen müssen komplett ausfinanziert sein, sonst sind sie doch nicht sicher. Und Obacht auch bei "Lieferketten": Abhängigkeit hat ihren Preis, den man auch bezahlen können muss.

Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Carsten Linnemann und Gitta Connemann verdienen Reflexion und Anerkennung

Es ist daher keine Lösung, sich an einzelnen Abgeordneten oder Personen für mutige Gedanken abzuarbeiten und berechtigte Anliegen zu "entsorgen". Ob Helmut Schmidt (Einsatz bei der Sturmflut), Gerhard Schröder (Agenda 2010), Carsten Linnemann (Sprachkompetenz für Bildung) oder Gitta Connemann (Diskussion über Arbeitszeiten, wirtschaftliche Rahmenbedingungen) – sie waren und sind mutig. Deren Handeln und Themen verdienen Reflexion, deren Mut Anerkennung – und Schnappatmung hilft nicht.

Die Segnungen des Schlaraffenlandes finanziert am Ende des Tages jeder Einzelne von uns. Die Lohntüte des einen bestimmt die Kaufkraft des anderen. Setzen wir entsprechend die Segel, denn die Schönheit von Bildern vergeht, während die Realität besteht. Es gilt zu handeln, um Vertrauen und Wohlstand zu ermöglichen. Und das geht ohne Mittelstand und Handwerk nicht.

Über Autorin Ruth Baumann:

Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.

Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Bis Februar 2026 war sie Mitglied des Bundesvorstands der CDU und fungierte dort als Vertreterin des Handwerks sowie Unternehmerin zwischen all den Parlamentariern als Mittler der unterschiedlichen Welten.

Zugehörige Themenseiten:
Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann und Zukunftsperspektiven im Handwerk