Den Einkauf finanzieren lassen Reverse Factoring: Darauf sollten Handwerksunternehmer achten

Unternehmen warten immer länger auf die Bezahlung ihrer Rechnungen. Gleichzeitig steht die Lieferkettenfinanzierung in großen Unternehmen im Fokus der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Grund genug, einen Blick auf das sogenannte Reverse Factoring zu werfen: Wann wird es sinnvoll eingesetzt – und worauf müssen Unternehmer achten?

Mit Reverse Factoring die eigene Liquidität und die der Lieferkette sichern.
Mit Reverse Factoring die eigene Liquidität und die der Lieferkette sichern. - © Looker_Studio - stock.adobe.com

„Die Grundidee des Factorings besteht darin, dass ein Unternehmen offene Forderungen, die es besitzt, weiterverkauft. So kann es sein Risiko für verzögerte Zahlungseingänge oder sogar einen vollständigen Zahlungsausfall auf ein Factoring-Unternehmen auslagern“, definiert der Bundesverband Factoring für den Mittelstand. Ziel ist es, die eigene Liquidität zu erhöhen.

Und das wird zunehmend wichtig, wie Robin Tam von der Inkasso-Plattform Debitura erklärt: "Die durchschnittlich vereinbarten Zahlungsziele deutscher Unternehmen lagen 2025 bei 32,5 Tagen." Hinzu kommen 31,8 Tage, die im Schnitt zu spät gezahlt werden. Das ist viel Zeit, die die Liquidität der Unternehmen besonders belastet. Insgesamt sind es 87 Prozent der Unternehmen in Deutschland, deren B2B-Rechnung im Jahr 2026 zu spät bezahlt wurden. Zum Vergleich: In Westeuropa liegt der Schnitt bei 77 Prozent, wie der Kreditversicherer Atradius analysiert hat.

Wie geht Reverse Factoring?

Eine Variante davon ist das Reverse Factoring - das sogenannte umgekehrte Factoring. Dabei verkauft ein Unternehmen seine Schulden an einen Factor. Primär möchte das Unternehmen sein Zahlungsziel verlängern, um seine Liquidität zu sichern. Die gewonnene Zeit hilft, aus den eingekauften Lieferungen selbst ein Produkt herzustellen und zu verkaufen. Parallel stützt das Reverse Factoring aber auch die finanzielle Situation seiner Lieferanten: Der Factor zahlt die Rechnungen unter Nutzung des Skontos sofort. Wer also für seinen Betrieb auf das Überleben seines Lieferanten angewiesen ist, kann das umgekehrte Factoring auch aus diesen Gründen sinnvoll nutzen.

Fallbeispiel Automobilindustrie

Das Beispiel Automobilindustrie zeigt die Vorteile des Reverse Factoring am besten: Bevor ein Auto fertiggestellt ist, werden viele Vorprodukte und Warenlieferungen benötigt – es ist also im Interesse der Automobilindustrie, dass ihre Lieferketten leistungsfähig bleiben. Hier kommt das Reverse Factoring regelmäßig zum Einsatz.

Fallbeispiel Schreinerei

Bestellt ein Schreiner (Debitor) bei seinem Lieferanten regelmäßig Holz, kann er für die Bezahlung einen Vertrag mit einer Factoringgesellschaft schließen. Dies ist eine Dreiervereinbarung, also ein Vertrag zwischen dem Lieferanten, dem Factor und dem Schreiner. Dabei verpflichtet sich der Factor, die Rechnung des Holzlieferanten sofort unter Nutzung des Skontos zu bezahlen. Im Gegenzug verpflichtet sich der Schreiner, die Rechnung des Lieferanten mit einem festgelegten Zahlungsziel – bei manchen Anbietern gar bis zu 180 Tagen später – plus der Kosten des Factorings (Zinsen und Gebühren) zu begleichen. Dies ist für den Schreiner zwar teurer als eine Finanzierung aus Eigenmitteln, doch gibt es ihm Zeit, sein Produkt herzustellen und zu verkaufen. "Aus den Verkaufserlösen kann er seine Rechnung beim Factor begleichen", sagt Wolfgang Roell, Inhaber der EKF Finanz Frankfurt GmbH in Hofheim-Wallau.

Welche Vorteile hat Reverse Factoring für den Betrieb?

Kostenvorteil: Wer einkauft und sofortige Zahlung in Aussicht stellen kann, erzielt einen besseren Preis – dabei hilft schon das Skonto. Das Reverse Factoring stärkt also die Verhandlungsmacht des Einkäufers.

Liquiditätsvorteil: Da der Factor bis zu 180 Tage Zahlungsziel anbieten kann – was die meisten Lieferanten nicht anbieten –, lassen sich Zahlungsziele nach hinten schieben und so die eigene Liquidität sichern.

Vorteile des Reverse Factoring für den Lieferanten

Da der Factor sofort bezahlt, erhält der Lieferant sein Geld deutlich früher als bei Bezahlung durch den Einkäufer. Er sichert sich so ebenfalls sein Liquidität und kann eigene Zulieferer früher, unter Umständen unter Ausnutzung des Skontos, bezahlen. Somit hat auch der Lieferanten einen Liquiditäts- und Kostenvorteil.

Was kostet Reverse Factoring?

„Die Kosten hängen von der Höhe der verkauften Schulden und der Bonität des Einkäufers ab“, informiert Wolfgang Roell. Aber auch die Höhe des Skontos, die Art der Ware und die Bestellhäufigkeit beeinflussen die Kosten. „Die Spanne reicht von unter einem Prozent bis rund 2 Prozent der Rechnungssumme.“

Wann macht Reverse Factoring (keinen) Sinn?

Grundsätzlich wird Reverse Factoring von Branchen genutzt, die einen hohen finanziellen Aufwand beim Materialeinsatz oder lange Fertigungs- und Produktionsvorlaufzeiten haben. „Immer, wenn wiederkehrende Zahlungen ab einer Gesamthöhe von circa 1 Million Euro pro Jahr an einen oder mehrere Lieferanten erfolgen - so ist die Regelung bei uns, kann Reverse Factoring ein Mittel der Unternehmensfinanzierung sein“, so Roell.

Betriebe, die Wachstumsphasen finanzieren, Kreditlinien ergänzen, Saisonspitzen ausgleichen, Liquidität erhöhen und Einkaufskonditionen verbessern wollen, sollten Reverse Factoring in ihre Überlegungen einbeziehen. Nicht finanziert werden Löhne und Miete.

Diese Factoringgesellschaften gibt es

Aktuell bieten über 250 Factoring-Unternehmen ihre Dienstleistung in Deutschland an. Rund 70 von ihnen sind in zwei Fachverbänden organisiert und machen 98 Prozent des kompletten Factoring-Marktes aus. Große Factoringgesellschaften und Factoring-Banken sind meist in dem Deutschen Factoring Verband vertreten (44 Mitglieder) und mittelständische / Inhaber geführte Anbieter im Bundesverband Factoring Mittelstand (25 Mitglieder). Die Umsätze der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes stiegen im ersten Halbjahr 2021 von 134,9 Milliarden auf 146,5 Milliarden Euro, ein Plus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum (1. Halbjahr 2020).Anders das Bild beim Mittelstandsverband: „Im ersten Halbjahr 2021 haben nahezu alle von uns befragten Factoring-Gesellschaften ebenfalls ein deutliches Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum erzielt“, berichtet Michael Ritter, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand (BFM). Allerdings waren die Auswirkungen der Pandemie auf einzelne Branchen so unterschiedlich, dass sich auch bei der Nutzung von Factoring ein heterogenes Bild ergibt. „Zwischen minus 26 Prozent und plus 74 Prozent bewegen sich die Umsätze in der ersten Jahreshälfte“, so Ritter.

Factoring im Handwerk

"Das Handwerk ist mit dem Factoring noch nicht so vertraut, wie es sinnvoll wäre", sagt Michael Janssen, Leitung Vertriebsaußendienst beim Handwerksfinanzierer TEBA Kreditbank GmbH & Co. KG, der zur VR-Bank gehört. "Wer Abschlagsrechnungen stellt, kann mit Factoring seine Liquidität sichern, denn er erhält den Rechnungsbetrag bei uns innerhalb von zwei Tagen." Oft sind diese Mittel notwendig, um Einkäufe finanzieren zu können, die die weitere Handwerkerleistung sicherstellen. Als bankenunabhängiger Factor hat sich die Montan Factoring GmbH aus Hürth im Handwerk etabliert. Sie bietet auch Reverse Factoring an.

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