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Milliardenmarkt Smart Home & Smart Living: Lösungen für Senioren

Ein Forschungsprojekt des Handwerksinstituts itb zeigt, wie Handwerksbetriebe in den Milliardenmarkt Smart Home & Living einsteigen können. Dabei geht es vorwiegend um Assistenzsysteme für ältere oder pflegebedürftige Menschen.

Themenseiten: TS Altersgerechte Assistenzsysteme und TS Smart Home

Wer kennt das Problem nicht? Man ist immer unsicher, ob man den Elektroherd in der Wohnung ausgeschaltet hat. Also überrascht es auch nicht, dass Andreas Wörner, Geschäftsführer der Wörner Elektroanlagen GmbH in Bad Urach, solche Herdsensoren, die Küchenbrände und noch schwerere Unglücke vermeiden helfen, an mehreren Standorten in Baden-Württemberg bei Einrichtungen der BruderhausDiakonie, einem Sozialdienstleister in den Bereichen Altenhilfe und Behindertenhilfe, eingebaut hat.

Projekt des itb

Entstanden ist diese Zusammenarbeit des Handwerksbetriebes mit dem Sozialdienstleister im Rahmen eines Projektes des Instituts für Technik der Betriebsführung (itb) im DHI e. V. in Karlsruhe mit Namen Kooperative Bauvorhaben im Sozialwesen – Wertschöpfungssysteme und Service-Engineering (KoBial). Das Projekt wurde gefördert durch das baden-württembergische Wirtschaftsministerium.

Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein Milliardenmarkt auch für das Handwerk: Smart Home & Living. Der Begriff kombiniert das intelligente Haus mit den Bereichen Komfort und Lebensqualität, Haushalt und Versorgung, Sicherheit und Privatsphäre, Kommunikation und soziales Umfeld sowie Gesundheit und Pflege. Und speziell im Bereich Assistenzsysteme für ältere oder pflegebedürftige Menschen öffnet sich ein Markt für das Handwerk.

Denn jede fünfte in Deutschland lebende Person ist über 65 Jahre alt und die meisten davon möchten auch im Alter so lange wie möglich in ihrer eigenen Häuslichkeit bleiben. Die Unterstützung eines selbstständigen Lebens im Alter gilt als eines der chancenreichsten und zugleich eines der herausforderndsten Anwendungsfelder von Smart Home & Living-Technologien. Schon jetzt installieren 85 Prozent der Elektrohandwerksbetriebe bis zu zehn Aufträge im Jahr. Das ergab eine Umfrage des Zentralverbands der Deutschen Elektrohandwerke.

Wertschöpfungssystem entwickelt

Ziel des jetzt abgeschlossenen Projektes war die Entwicklung von neuartigen Wertschöpfungssystemen für Handwerker, Planer, Architekten und Betreiber der Einrichtungen im Bereich des Wohnens für Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf. Dabei ging es um Fragen wie: Wie stellt sich der Markt auf diese Herausforderungen ein? Welche Funktionen können Handwerksbetriebe bei der Gestaltung neuer Wohnformen übernehmen? Und wo liegen die Potenziale bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen und Geschäftsmodelle für das Handwerk? „Wir wollen mit den Projektergebnissen Handwerksbetrieben, speziell aus dem Elektrobereich, helfen, sich in den Smart-Living-Bereich stärker einzubringen“, sagt Uta Cupok,Projektleiterin beim itb. Sie fokussiert sich in ihren Forschungsprojekten gemeinsam mit Handwerksbetrieben und IT-Unternehmen auf Dienstleistungen und intelligente Assistenzsysteme, die ältere und pflegebedürftige Menschen beziehungsweise ihre Angehörigen oder das Personal in Betreuungseinrichtungen unterstützten.

Schulungen ausbauen

Die Erfahrungen aus dem zwejährigen Projekt „KoBial“ zeigen beispielsweise, dass das Handwerk noch vielfältigen Unterstützungsbedarf im gesamten Themenkomplex Smart Home & Living (SH&L) hat. „Neben den sozialen Trägern fungieren Handwerker und Planer oft als erste Ansprechpartner für ältere Menschen oder ihre Angehörigen, wenn es um intelligente Unterstützungssysteme geht“, hat die Projektleiterin herausgefunden. Es sei daher notwendig, SH&L-Schulungen gezielt auszubauen und eine breite Masse anzusprechen. Handwerker und Planer werden dadurch befähigt, nicht nur soziale Einrichtungen, sondern auch private Endverbraucher über technische Neuerungen sowie deren Kosten und Nutzen aufzuklären und den Betroffenen bestehende Ängste zu nehmen.

Das Projekt verdeutlichte weiterhin, dass seitens des Handwerks Interesse besteht, sich mit SH&L-Komponenten zu beschäftigen und diese zu vertreiben, zu installieren und zu warten. So wurden zum Beispiel ein Kundenbedarfsanalysator erarbeitet, eine differenzierte SH&L-Produktmatrix erstellt und neue Dienstleistungen sowie SH&L-Schulungen für Handwerker entwickelt.

Großer Do-it-yourself-Anteil

Andreas Wörner, Diplomingenieur für technische Kybernetik, der die Wörner Elektroanlagen GmbH von seinem Vater übernommen hat, kann sich gut vorstellen, im Bereich Smart Living noch stärker einzusteigen. Schon jetzt macht der Betrieb mit seinen 45 Mitarbeitern im gewerblichen Bereich rund 30 Prozent seines Umsatzes mit Smart-Home-Anwendungen, meist KNX-Programmierungen für die Gebäudeautomation. KNX ist ein internationaler Standard für Vernetzungen. Im privaten Bereich sind es nur fünf Prozent. Speziell der Bereich altersgerechtes Wohnen gestalte sich schwierig. „Die älteren Kunden wollen ganz simple Lösungen, sind mitunter auch nicht bereit, viel Geld auszugeben“, weiß Wörner. Er nennt ein Beispiel: Wenn heute ein älterer Kunde eine neue Waschmaschine bei ihm kaufe, ist er oft irritiert, weil die 15 Programme hat, sein altes Gerät aber nur vier. Das sei dann vielen zu kompliziert.

Gleichzeitig gebe es im Smart-Home-Markt auch einen großen Do-it-yourself-Anteil, mit Leuten, denen es Spaß macht, entsprechende Geräte zu programmieren, so Wörner. Eine Konkurrenz sieht er darin nicht. „Das sind ganz andere Produktlinien, damit können wir preislich nicht mithalten.“ Wörner setzt da schon mehr auf den gehobenen Wohnungsbau und – wie in dem Projekt mit dem itb praktiziert – auf die Zusammenarbeit mit Einrichtungen für altersgerechtes Wohnen.

Eine notwendige bessere Vernetzung ist ebenfalls eine wesentliche Erkenntnis des Projektes KoBial. „Im Handwerk erfolgt die Wertschöpfung heutzutage immer mehr im Rahmen von Netzwerken“, erklärt Projektleiterin Cupok. Im Rahmen des itb-Projektes wurden speziell Wertschöpfungsnetzwerken näher betrachtet, die sich zur Herstellung eines Bündels aufeinander abgestimmter Dienstleistungen zusammenschließen, um dieses einem erweiterten Kundenkreis anbieten zu können – eben mit dem Fokus auf altersgerechtes Bauen und Wohnen.

In 7 Schritten zum Smart-Living-Handwerker

Sie wollen mit Ihrem Unternehmen vom wachsenden Smart Home & Living-Markt profitieren? Uta Cupok, Projektleiterin beim Institut für Technik der Betriebsführung (itb), hat für handwerk magazin einen Plan entwickelt, der Ihnen den Markteinstieg erleichtert.

  1. Eigenes Leistungsspektrum analysieren (SWOT-Analyse)
    Beleuchten Sie den Ist-Zustand Ihres aktuellen Leistungsspektrums, am besten mit einer SWOT-Analyse. Damit können Sie vorhandene Stärken und Schwächen des Unternehmens erfassen sowie Chancen und Risiken abwägen. SWOT steht für S = Strengths (Stärken), W = Weaknesses (Schwächen), O = Opportunities (Chancen/Möglichkeiten), T = Threats (Gefahren/Risiken).
    # Stärken können zum Beispiel sein: Ihre Branche ist Schlüsselgewerk im Bereich Smart Home & Living, als Meisterbetrieb garantieren Sie hohe Qualitäts-Standards, Sie sind regional vernetzt.
    # Schwächen könnten sein: Die gute Auftragslage verhindert, sich zukunftsgerecht weiterzuentwickeln, Sie wissen nicht, welche Techniken sinnvoll sind oder was die Kunden wünschen.
    # Mögliche Chancen sind der demografische Wandel, eine regionale Vorreiterrolle im Markt,
    # bei Risiken ließen sich eine große Hersteller- und Produktvielfalt nennen oder der hohe Aufwand, sich in neue Technologien einzuarbeiten.
    Auf einer solchen SWOT-Analyse können Sie Ihre Strategie bei für Smart Home & Living-Systeme und -Dienstleistungen aufbauen.
  2. Kundenwünsche erfassen und neue Kundengruppen erschließen
    Zunächst sollten Sie ihre Kundenanfragen optimal auswerten, also Anfragen systematisch erfassen, gezielt solche nach Smart Home & Living-Leistungen filtern und Zielgruppen analysieren.
    # Dann aktiv Kundenbedarfe abfragen: Informationen vom Kunden einholen, prüfen, welche Lösungen dem Kunden angeboten werden können, Angebot erstellen (nach Aufwand, wenn keine Standards vorliegen).
    # Kundenkontakte vor und nach der Auftragsvergabe, -abwicklung nutzen.
    # Kundenkontakt halten und Erfolgskontrollen vorsehen.
  3. Markt für Smart Home & Living-Systeme sondieren
    Welche Anbieter und Produkte sind auf dem Markt? Wer bietet bereits eine Übersicht mit Bewertungen und Erfahrungen an? Hier gibt z. B. das Forschungszentrum Informatik (FZI) mit dem Wegweiser Alter und Technik eine Orientierungshilfe. In dem vom Forschungsministerium geförderten Projekt werden aktuell über 250 Produkte aufgeführt, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter unterstützen, vom Notrufarmband bis zum Steuerungssystem für Beleuchtung (wegweiseralterundtechnik.de).
  4. Dienstleistungspotenziale ermitteln
    Über Ihre Kernleistungen (zum Beispiel als Elektrobetrieb) hinaus können Sie nun über die Erweiterung Ihres Leistungsspektrums nachdenken. Beispiele dafür sind:
    # Spezifische Beratung und Planung zu Smart Home & Living-Systemen
    # Programmierleistungen (ggf. in Kooperation mit IT-Unternehmen)
    # Inbetriebnahmen von Sensorik, Aktorik, Schalter- und Steuerungssystemen, BUS-Systemen wie KNX
    # Wartungsverträge
    # Finanzierungs-, Amortisierungsberatung (z.B. bei Beleuchtung)
    # Serviceangebote in Kooperationen (z.B. mit Trägern des Sozialwesens, IT-Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen)
    # Informationsveranstaltungen für ältere Menschen und Angehörige
    # Bereitstellung einer Beratungsplattform
    # Einrichtung eines eigenen oder gemeinsamen Showrooms (ggf. mit Kooperationspartnern)
  5. Passende SH&L-Partner suchen
    Wenn Sie Ihr Leistungsspektrum um bestimmte Smart Home & Living-Leistungen erweitern, dann sollten Sie die nötigen Akteure zu Ihren Kooperationspartnern machen, zum Beispiel:
    # IT-Unternehmen, Anbieter von AAL-Systemen
    # Die Wohnungswirtschaft, Soziale Träger, Seniorenheime
    # Architekten, Planer
    # Kommunen, Quartiermanagement
  6. Entwicklung neuer Dienstleistungen im Wertschöpfungsnetzwerk
    Im Smart Home & Living-Markt verändern sich bewährte Wertschöpfungsketten zu neuen Wertschöpfungssystemen. So profitieren Träger des Sozialwesens beispielsweise durch den Ausbau ihrer Netzwerkinfrastruktur, die systematische Erfassung und Einordnung der Kundenbedürfnisse und die Möglichkeit, bereits im Planungsprozess von Bauvorhaben diesen Bedürfnissen durch neue Leistungen gerecht zu werden. Auch Sie als Handwerksbetrieb können von dem entstandenen Wertschöpfungssystem profitieren und Dienstleistungsangebote permanent ausweiten, zusätzlichen Nutzen für Kunden schaffen und sich neue Zielgruppen erschließen.
  7. Schulung von Mitarbeitern
    Wichtig ist, dass Sie Ihre Mitarbeiter in die Smart Home & Living-Welt mitnehmen. Sind spezielle Schulungen nötig, gibt es Lernvideos und Anleitungen von Herstellern, sowie Angebote in der Handwerksorganisation. Zum Beispiel gibt es die Initiative „Geschulter ServicePlus-Fachbetrieb“ von mehreren Kreishandwerkerschaften in Baden-Württemberg (serviceplus-bw.de). Das Qualifizierungskonzept zum Gebäudesystemintegrator wird angeboten über den Zentralverband der Elektrohandwerke (zveh.de). Auch die „Smart Home Initiative Deutschland“ vermittelt Schulungsangebote (smarthome-deutschland.de).


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