Fahrbericht Renault Kangoo Rapid E-Tech: Im Erwachsenenalter angekommene Elektromobilität

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Renault Kangoo Rapid E-Tech: Die Bezeichnung ist lang, die Batteriekapazität angemessen, der E-Motor kräftig, der Lieferwagen drumherum gediegen – so wünscht man sich die Elektromobilität.

Renault Kangoo Rapid E-Tech
Kompakter Frachter mit hoher E-Kompetenz: der neue Renault Kangoo Rapid E-Tech. – © Renault

Rückblende, IAA Nutzfahrzeuge 2010. Mit viel Getöse präsentieren die Autobauer diverse Elek­tro-Transporter. Man weiß noch nicht so recht warum – und wie damit umzugehen ist. Aber irgendwas mit E liegt in der Luft. Nach und nach verschwinden sie wieder im Museum oder gar im Kuriositätenkabinett. Nur einer schnurrt tapfer weiter, der Renault Kangoo Z.E., sein Kürzel steht übersetzt für Null-Emission.

Zwölf Jahre später können das viele Transporterkollegen, also heißt der Nachfolger jetzt schneidig Kangoo Rapid E-Tech. Und: Er fährt auf ganz anderem ­Niveau. Gab‘s bei den früheren Generationen noch das Gefühl, dass hier ein Lieferwagen erst im Strampler und dann im Konfirmationsanzug unterwegs war, so ist der Neue erwachsen. Mag sein, dass dies auch auf den Einfluss eines gewissen südwestdeutschen Kooperationspartners zurückzuführen ist. Egal, die Haut sitzt straff, die Material- und Verarbeitungsqualität ist von gehobener Güte, die Sitze sind bequem gepolstert. Und der Stromer?

Guter Antritt

Der summt friedlich vor sich hin, wie es sich gehört. Hat einen guten Antritt, wie man es vermutet. Fährt so elegant, wie er aussieht. Im Kellergeschoss steckt ein Batteriepaket mit einer nutzbaren Kapazität von 44 kWh. Das reicht nach WLTP-Norm für knapp 300 Kilometer, in der Realität sollte der Renault allemal gute 200 Kilometer schaffen.

Geladen wird der Elektriker serienmäßig mit 11 kW, dem gängigen Wallbox-Format. Auf Wunsch wächst die Ladeleistung auf 22 kW und im zweiten Schritt auf maximal 80 kW an der Schnellladesäule. Ab der mittleren Variante wird die Batterie nicht nur vom Fahrtwind, sondern flüssigkeitsgekühlt. Das steigert die Effizienz beim Laden und Fahren, absehbar auch die Lebensdauer. Je nach Ausstattungsvariante fügt Renault eine Klimaanlage mit Wärmepumpe hinzu. Sie soll bis zu 1,6 kWh in der Stunde sparen. Den Stromverbrauch reduzieren und somit die Reichweite erhöhen sollen ebenfalls Optionen wie die beheizbare Windschutzscheibe, Sitzheizung und das beheizbare Lenkrad. Denn: Es ist günstiger, unmittelbar dort zu temperieren, wo es nötig ist, anstatt den ­Innenraum komplett aufzuheizen.

Gelassenes Gleiten

Unter der Motorhaube steckt eine E-Maschine mit 90 kW/122 PS Leistung und 245 Nm Drehmoment. Das genügt allemal für verblüffende Beschleunigungsmanöver bis hinauf auf 130 Sachen, dann wird abgeregelt. Und ­gewährleistet eine kräftige Rückgewinnung von Strom im Schiebe- und Bremsbetrieb. Fürs gelassene Gleiten durch enge Innenstädte, dem eigent­lichen Revier des Renault, ist ohnehin nur ein Bruchteil davon nötig. Hat der Fahrer sein Testosteron nicht im Griff, drückt er die Eco-Taste, dann sinkt die Leistung auf 56 kW/76 PS und die Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 110.

Über die Vorgänge an Bord informiert der Franzose seinen Fahrer via große und ausgezeichnet ablesbare ­Instrumente. Auf Wunsch sattelt ­Re­nault in drei Varianten und acht Farben konfigurierbare Instrumente drauf. Fahrtrichtung und Parkstellung bestimmt der Wagenlenker mit einem kräftig gebauten Automatik-Wähl­hebel aus dem Renault-Fundus. Er kennt auch zwei B-Stellungen für unterschiedliche Rekuperationsstufen. Gleich daneben liegt die Taste der op­tionalen elektronischen Parkbremse.

Egal welche Manöver anstehen, der Kangoo Rapid E-Tech zeigt ein gepflegtes Fahrverhalten. Das 320 Kilogramm schwere Batteriepaket im Untergrund führt – hier gemeinsam mit einer Teilbeladung im Heck – zu einem ausgesprochen angenehmen Federungskomfort, der Renault zieht gelassen seine Bahn. Indes nimmt er sich schon in der 4,5 Meter langen Kurzausgabe reichlich Platz für Wendemanöver und die Lenkung arbeitet ein wenig gefühllos. Auch hat er’s nicht so mit der Schlepperei, eine halbe Tonne Nutzlast ist nicht übertrieben viel. Aber er darf erstaunliche 1,5 Tonnen Anhängelast ziehen. Und auch den Stecker-Lieferwagen gibt es als „Open Sesame“ mit dem Kangoo-typischen riesigen seitlichen Scheunentor, kombiniert aus Schiebe- und Beifahrertür.

Kühler Rechner gefragt

Die Preisliste startet bei netto 33.990 Euro, kein Pappenstiel im Vergleich zum Verbrenner-Bruder, auch in Anbetracht von Fördermitteln. Und jetzt beginnt das Kalkulieren von Strom gegen Sprit, Wartungskosten, Gebrauchtwert und Leasingrate, auch Image. Zu komplex für den ersten Aufgalopp, es geht zurück zum Ausgangspunkt der Proberunde.

Nach knapp drei Stunden Testfahrt über Landstraßen und durch enge Städte plus reichlich Rangiererei und Einsatz der Klimaanlage steht der Verbrauch auf 16,4 kWh, nennt der Renault eine Restreichweite von 211 Kilometern. Das liest sich gut. Das ­Premierenmodell vor zwölf Jahren ­entpuppt sich mit seinen Daten von ­lediglich 22 kWh Batteriekapazität und 44 kW/60 PS Motorleistung im Vergleich zum Kangoo Rapid E-Tech ­exakt als Halbstarker. Und da sage jemand, mit der Elektrifizierung ginge es nicht ­voran.