Mit 14 machte Nadja Rehm-Kraft ein Schulpraktikum beim Bestatter – und wusste sofort, was sie werden will. Heute führt die 36-Jährige ihr eigenes Bestattungshaus in Geislingen. Im Styleguide erzählt sie, warum sie bei Beratungsgesprächen bewusst Farbe trägt, warum eine Uhr für sie tabu ist und welche Handschuhe sie hütet wie einen Schatz.

Eine familiäre Vorgeschichte im Bestattungswesen hat Nadja Rehm-Kraft nicht – und einen Ausbildungsplatz als Bestattungsfachkraft fand sie nach der Schule auch nicht. Also lernte sie zunächst Kauffrau für Bürokommunikation. Mit 21 wechselte sie zu Eberhard Bestattungen in Möcklingen, mit 23 legte sie die Prüfung zur geprüften Bestatterin ab. Bei ihrem damaligen Chef arbeitete sie zu zweit, übernahm viel Verantwortung – und durfte sich gestalterisch ausleben.
Als sie die Branche einmal kurz verließ, war schnell klar: „Ich bin einfach Bestatterin mit Leib und Seele." 2019 machte sie sich in ihrer Heimatstadt Geislingen selbstständig. Heute sitzt ihr Bestattungshaus nach einem Standortwechsel in einer ehemaligen Gärtnerei, nur knapp 100 Meter vom alten Ladengeschäft entfernt. Unterstützt wird sie von einer Bürokraft und zwei Trägern auf Aushilfsbasis – rund 80 Prozent der Arbeit macht sie selbst.
Nadja Rehm-Kraft im Beratungsgespräch – Auf Augenhöhe mit den Angehörigen
Farbiger Blazer
So konsequent Rehm-Kraft bei Trauerfeiern auf Schwarz-Weiß setzt – im Beratungsgespräch bricht sie die Berufsuniform bewusst auf. „Ich trage in der Beratung, wenn ich mal einen Blazer trage, dann nie einen schwarzen, eigentlich immer einen farbigen, braun-beige." Der Grund: Sie will den Angehörigen auf Augenhöhe begegnen, nicht im strengen Kostüm. „Das lockert auf, und das bin mehr ich. Authentisch sein ist in meinem Beruf extrem wichtig." Ihre Hosenanzüge bezieht sie gern bei C&A, die klassische Bestatterkleidung dagegen bei Conen – „die Anzüge sind wirklich darauf ausgerichtet, unsere Arbeit gut durchführen zu können."
Schwarze Hose
„Ich trage zu 99 Prozent schwarze Hose. Schon immer." Im Sommer eine Stoffhose, im Winter eher eine schwarze Jeans, in der Beratung darf es auch mal eine dunkelblaue sein. Auf dem Friedhof bleibt es bei der klassischen Schwarz-Weiß-Kombination. Dazu trägt sie meist einen Gürtel – aus rein praktischen Gründen: viel Bewegung, viel Stehen, viel Sitzen, viel Laufen.
Nadja Rehm-Kraft auf dem Friedhof – auch mal zwei Stunden bei Minusgraden
Schwarzer Mantel
Auf dem Friedhof im Winter immer dabei: ihr schwarzer Mantel von Conen Bestatterbekleidung. In ihren Anfangsjahren stand Rehm-Kraft noch im Blazer und in Pumps im Schnee – „war mir völlig egal." Heute packt sie sich lieber dick ein, denn als Selbstständige darf sie nicht krank werden. Bei Trauerfeiern steht sie schon mal zwei Stunden bei Minusgraden draußen. Ihren allerersten Bestattermantel mit gestricktem Kragen sortierte sie letztes Jahr schweren Herzens aus: nicht mehr warm genug.
Lederhandschuhe
Gekauft im November 2011, in ihrem ersten Winter als Bestatterin: an der Handinnenfläche Leder, außen gestrickt. Eine bewusste Wahl – so rutschen Urnen nicht aus der Hand, und die Handschuhe wirken trotzdem nicht plump. Rehm-Kraft trägt sie seitdem jeden Winter. „Die sind mir ans Herz gewachsen." Als sie vergangenes Jahr dachte, einen verloren zu haben, war sie „richtig, richtig geknickt". Sie fand ihn wieder – und seitdem hütet sie das Paar wie einen Schatz. Es ist das letzte Stück, das ihr aus den Anfangstagen geblieben ist.
Flache Winterschuhe
Schuhe müssen bei Rehm-Kraft vor allem eines sein: bequem und mit guter Sohle. Sie ist viel auf den Beinen – auf Friedhöfen, in Kirchen, bei Familien zu Hause. Im Winter trägt sie ausschließlich flache, gut gefütterte Modelle. Das hat einen ganz konkreten Grund: „Ich habe immer Angst, dass ich irgendwann mal mit einer Urne hinfalle im Winter. Toi, toi, toi, ist noch nie passiert. Aber ich wäre, glaub, nicht die erste Bestatterin, die es auf den Hintern setzt."
Schmuck mit Bedeutung – was immer am Körper bleibt
Goldkette
Die Kette ist ein Geschenk ihres Mannes – und deshalb immer am Hals, „Tag und Nacht, egal wann." Kennengelernt haben sich die beiden schon in der Schule, lange vor ihrem Bestatterdasein. Er war es, der sie später auf dem Weg in die Selbstständigkeit bestärkte. Seitdem begleitet die Kette sie durch jeden Arbeitstag: durch Trauergespräche, Friedhofsfeiern und die stillen Momente in der Versorgung von Verstorbenen.
Ehering
Neben der Kette bleibt auch der Ehering immer am Finger. Weiterer Schmuck kommt nur ab und zu dazu, je nach Stimmung – Ohrringe etwa trägt sie nicht jeden Tag. Eine Uhr lehnt Rehm-Kraft bewusst ab: „Beim Ankleiden von Verstorbenen mit Handschuhen finde ich die immer ein bisschen doof."
Ständige Begleiter – Ohne geht's nicht
Immer griffbereit
Drei Dinge hat die Bestatterin immer in der Tasche. Taschentücher – in ihrem Beruf selbsterklärend. Ein Feuerzeug, weil bei jeder Trauerfeier irgendwo Kerzen entzündet werden müssen. Und einen Kugelschreiber für Notizen auf „Fresszetteln", wie sie sagt. Ohne diese drei Begleiter geht sie nicht aus dem Haus.
Smartphone
Die Uhr am Handgelenk hat Rehm-Kraft durch das iPhone ersetzt – aus gutem Grund. „Der Bestatter ist wirklich durchgetaktet und darf auf gar keinen Fall einen Termin vergessen." Sie führt ihren Kalender „doppelt und dreifach": digital auf dem Handy und parallel im klassischen Schreibtischkalender. Unverzichtbar ist auch die Notiz-App, dazu die Bestattersoftware Pazemum, über die sie unterwegs Sterbefälle abrufen kann. Erreichbar ist sie nahezu rund um die Uhr: „Ich habe schon in der unmöglichsten Situation telefoniert. Unter der Dusche, auf dem Klo, an der Kasse im Supermarkt. Ich bin schon im Kino aufgestanden und raus, weil ich telefonieren musste."
Mit Nadja Rehm-Kraft hinter den Kulissen – Arbeitskleidung für die Versorgung
Was viele nicht sehen: Den Großteil ihrer Arbeit macht Rehm-Kraft nicht im Anzug. Bei der Versorgung Verstorbener trägt sie persönliche Schutzkleidung – Handschuhe und einen Krankenhauskittel zum Schutz vor Infektionskrankheiten. Bei Arbeiten auf dem Friedhof kommen Arbeitshose und Stahlkappenschuhe zum Einsatz. „Der Beruf ist so vielseitig, und das, was wir tragen, ist genauso vielseitig", sagt sie. „Andere Handwerker haben ihre Arbeitskleidung – und die haben sie eigentlich immer an. Bei uns Bestattern ist das ein bisschen anders."







