Kolumne „Eigels Erfa-Erkenntnisse“ Liebe am Arbeitsplatz: Privatsache oder Chefsache, Frau Eigel?

Andrea Eigel leitet zahlreiche Erfa-Gruppen – und ist somit ganz nah dran am Handwerk. In ihrer Kolumne beantwortet die Beraterin Fragestellungen aus der Praxis. Folge 30: Was Chefinnen und Chefs tun sollten, wenn es zwischen zwei Mitarbeitenden funkt – und warum Liebe am Arbeitsplatz vor allem dann zur Chefsache wird, wenn die Arbeit darunter leidet.

Wenn es zwischen Mitarbeitenden funkt, stellt sich für Chefinnen und Chefs schnell die Frage: Liebe am Arbeitsplatz – meine Sache oder nicht?
Wenn es zwischen Mitarbeitern funkt, stellt sich für Chefinnen und Chefs schnell die Frage: Liebe am Arbeitsplatz – meine Sache oder nicht? - © Dzianis Vasilyeu - stock.adobe.com

„Love is in the air." Ende der 1970er brachte John Paul Young damit die Tanzflächen zum Kochen. Knapp 50 Jahre später bringt das gleiche Thema so manche Führungskraft ins Schwitzen. Denn Liebe am Arbeitsplatz macht bekanntlich nicht vor Werkstatt, Büro oder Baustelle halt. Wo Menschen täglich miteinander arbeiten, sich gut verstehen und gemeinsam durch dick und dünn gehen, kann es schon mal funken. Und das gar nicht so selten.

Je nach Befragung lernen sich rund elf bis 18 Prozent aller Paare am Arbeitsplatz kennen, manche Erhebungen kommen sogar auf höhere Werte. Eigentlich logisch: Man verbringt viel Zeit miteinander, hat gemeinsame Themen und erlebt sein Gegenüber nicht nur beim schicken Abendessen, sondern auch dann, wenn der Kunde drängelt, die Maschine streikt oder fünf Dinge gleichzeitig schieflaufen. Für Chefinnen und Chefs stellt sich dann allerdings die Frage: Was geht mich das an?

Liebe am Arbeitsplatz geht Chefs erst mal nichts an

Meine Antwort ist ziemlich eindeutig: Erstaunlich wenig – solange die Arbeit funktioniert.

Eine Beziehung zwischen Mitarbeitern kann ein Arbeitgeber in Deutschland nicht grundsätzlich verbieten. Liebe gehört zur Privatsphäre. Anders sieht es aus, wenn die Beziehung im Betrieb Folgen hat: wenn Arbeitszeiten nicht mehr eingehalten werden, Aufgaben liegen bleiben, private Konflikte ins Team getragen werden oder ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter zu Interessenkonflikten führt. Dann gibt es ein betriebliches Thema, das bearbeitet werden muss. Allerdings mit einem klaren Mindset: Chefinnen und Chefs sind weder Paartherapeuten noch Richter. Sie haben nicht die Beziehung zu managen, sondern den Betrieb.

Aus meiner Beratung: Liebe am Arbeitsplatz zwischen Büro und Produktion

Wie schwer es sein kann, diese Grenze zu ziehen, habe ich bei einem Holzbaubetrieb aus einer eher ländlich und katholisch geprägten Region erlebt. Claudia aus dem Büro und Bernd aus der Produktion hatten offenbar ein Verhältnis. Beide waren verheiratet, beide hatten Kinder – und zunächst wusste im Betrieb niemand offiziell davon.

Irgendwann fiel allerdings auf, dass sich Pausen verlängerten. Die beiden verschwanden gemeinsam im Lager oder in anderen Räumen. Und wie das in einem Betrieb mit kurzen Wegen so ist, dauerte es nicht lange, bis erste Vermutungen die Runde machten. Chef und Chefin sprachen das Thema schließlich in einem Coaching mit mir an – und beide hatten mächtig Bauchweh damit. Sie fanden die Situation moralisch schwierig, dachten an die jeweiligen Familien und fragten sich, ob sie nicht eingreifen müssten.

Was Chefs ansprechen dürfen – und was nicht

Meine Antwort gefiel ihnen zunächst nicht besonders gut: Das geht euch nichts an. Natürlich darf man privat eine Meinung dazu haben. Man darf das Verhalten daneben, unmoralisch oder völlig unverständlich finden. Aber als Arbeitgeber ist das nicht der Maßstab. Der einzig relevante Maßstab für Chef oder Chefin lautet: Funktioniert die Arbeit? Und da gab es durchaus etwas zu besprechen. Verlängerte Pausen zum Beispiel. Oder die Nutzung betrieblicher Räume für sehr private Zwecke. Das waren keine Fragen der Liebe, sondern der Arbeitszeit und betrieblicher Regeln. Also habe ich ihnen geraten, genau dort anzusetzen.

Noch etwas war wichtig: Solange die beiden ihre Beziehung nicht bestätigt hatten, konnten Chef und Chefin sie schlecht gemeinsam einbestellen und sagen: „Wir wissen, dass ihr ein Verhältnis habt." Das wäre zunächst einmal eine Unterstellung gewesen. Also wurden die betrieblich beobachteten Punkte einzeln angesprochen. Und plötzlich wurde aus einem moralisch aufgeladenen Riesenthema etwas erstaunlich Handhabbares.

Beziehung im Betrieb: Nicht die Liebe regeln, sondern die Arbeit

Genau diese Trennung empfehle ich Führungskräften auch in anderen Betrieben. Sobald die rosarote Brille der frisch Verliebten Auswirkungen auf den Arbeitsalltag hat, muss Führung handeln – aber eben auf der richtigen Ebene.

  1. Erst fragen: Gibt es überhaupt ein betriebliches Problem? Zwei Mitarbeitende sind ein Paar, erledigen ihre Arbeit ordentlich und verhalten sich professionell? Dann besteht zunächst kein Anlass, sich einzumischen. Ob sie abends Händchen halten, gemeinsam wohnen oder ihre Wochenenden miteinander verbringen, ist ihre Sache.

  2. Ein vertrauliches Gespräch führen, wenn die Zusammenarbeit leidet. Ist die Beziehung bekannt und wirkt sie sich erkennbar auf den Betrieb aus, darf das auch benannt werden: „Eure persönliche Beziehung ist Eure Sache. Für mich ist wichtig, dass daraus keine Probleme für die Zusammenarbeit oder das Team entstehen." Damit ist die Grenze sauber gezogen.

  3. Beobachtbares ansprechen, statt die Beziehung bewerten. Wenn Pausen plötzlich regelmäßig zehn Minuten länger dauern, Aufgaben liegenbleiben oder zwei Menschen während der Arbeitszeit ständig miteinander chatten, dann sprechen Sie genau darüber. Nicht: „Eure Beziehung stört mich." Sondern: „Mir fällt auf, dass die Pausenzeiten wiederholt nicht eingehalten werden. Ich erwarte, dass ihr künftig unsere betrieblichen Regeln wieder einhaltet."

  4. Sich nicht zum Hüter privater Geheimnisse machen lassen. Besonders heikel wird es, wenn jemand zum Chef sagt: „Aber sagen Sie bloß nichts meiner Frau." Halt! Genau da sollte die Führungskraft freundlich, aber deutlich aussteigen: „Was Sie privat mit Ihrer Partnerin besprechen, ist Ihre Angelegenheit. Ich konzentriere mich auf die betrieblichen Fragen." Sonst sitzt der Chef plötzlich mitten in einer Dreiecksgeschichte, in die er nie hineinwollte.

  5. Auch das Team auf der professionellen Ebene halten. Wo es zwischen zwei Betriebsangehörigen funkt, wird geredet. Das lässt sich unter Menschen kaum verhindern. Aber Führungskräfte müssen die Gerüchteküche nicht noch befeuern. Wenn das Thema Kreise zieht, kann eine klare Ansage helfen: „Über das Privatleben von Kolleginnen und Kollegen spekulieren wir hier nicht. Wenn die berufliche Zusammenarbeit konkret beeinträchtigt wird, kommt bitte zu mir."

  6. Eine Trennung genauso nüchtern behandeln. Aus Love, Love, Love kann leider auch einmal Krach, Krach, Krach werden. Dann gilt dieselbe Regel. Eifersucht, Schuldzuweisungen oder demonstratives Anschweigen werden zum Führungsthema, sobald die Arbeit darunter leidet. Die Ansage lautet nicht: „Vertragt euch wieder", sondern: „Ich erwarte, dass ihr professionell zusammenarbeitet." Wenn das dauerhaft nicht gelingt, müssen organisatorische oder arbeitsrechtlich zulässige Konsequenzen geprüft werden.

  7. Bei Hierarchien besonders genau hinschauen. Eine Beziehung zwischen gleichrangigen Kolleginnen und Kollegen ist betrieblich meist einfacher als eine zwischen Führungskraft und direkt unterstellter Person. Sobald der Eindruck entstehen kann, jemand werde durch die private Beziehung bei Aufgaben, Urlaub, Bezahlung oder Entwicklung bevorzugt, ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Dann geht es nicht um Moral, sondern um betriebliche Fairness und berufliche Interessenkonflikte.

Und wenn aus dem Flirt im Job tatsächlich Liebe wird?

Beim eingangs erwähnten Holzbaubetrieb hat die klare Trennung zwischen Privatem und Beruflichem funktioniert. Chef und Chefin hielten sich aus der Beziehung heraus und bestanden dort auf Regeln, wo es sie etwas anging: im Betrieb. Die beiden Mitarbeitenden wiederum bekamen die Arbeitsseite ihrer Geschichte in den Griff. Trotz dieser durchaus anspruchsvollen Ausgangslage nahm der Betrieb keinen Schaden. Und das Ende vom Lied? Zwei Jahre später waren Claudia und Bernd beide geschieden – beide arbeiteten noch im Unternehmen, und beide waren immer noch zusammen.

Natürlich kann Liebe am Arbeitsplatz auch anders ausgehen. Ich kenne einen Schreinerbetrieb, in dem ein Meister ein Verhältnis mit einer Sekretärin hatte – beide jeweils auch mit anderen Partnern zu Hause. Seine Frau bekam es heraus und stellte ihn vor die Wahl: die Firma oder sie. Der Meister verließ daraufhin den Betrieb. Auch das gehört zur Wahrheit: Beziehungen am Arbeitsplatz können Folgen haben, die niemand vorhersehen kann. Aber Führungskräfte können und sollen nicht jedes private Risiko verhindern – und schon gar nicht die Schmetterlinge im Bauch ihrer Mitarbeitenden. Sie müssen dafür sorgen, dass im Betrieb effizient gearbeitet wird, Regeln gelten, niemand bevorzugt wird und private Konflikte nicht auf Kosten des Teams ausgetragen werden. Solange das gewährleistet ist, ist gegen Liebe, die in der Betriebsluft liegt, nichts einzuwenden.

Fazit: Liebe am Arbeitsplatz ist Privatsache – bis sie es nicht mehr ist

Ob zwei Mitarbeitende ein Paar werden, liegt nicht in der Hand der Führungskraft – und das muss es auch nicht. Chefinnen und Chefs sind zuständig für den Betrieb, nicht für das Liebesleben ihres Teams. Wer diese Grenze klar zieht, beobachtbare Probleme sachlich anspricht und sich aus moralischen Bewertungen heraushält, kann auch mit dieser Situation professionell umgehen. Die Faustregel bleibt einfach: Solange die Arbeit funktioniert, ist es Privatsache. Wenn sie es nicht mehr tut, wird es Chefsache.

Hat es in Ihrer Firma schon einmal zwischen zwei Mitarbeitenden gefunkt? War das völlig unproblematisch – oder wurde die Beziehung irgendwann zum betrieblichen Thema? Schreiben Sie mir, wie Sie damit umgegangen sind!

Über Kolumnistin Andrea Eigel:

Andrea Eigel unterstützt Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte im Handwerk dabei, Kunden und Mitarbeitende zu gewinnen und nachhaltig zu binden – und dabei auch selbst bei Lust und Laune zu bleiben.

Sie hält Vorträge, macht Workshops und Coachings, moderiert Veranstaltungen und leitet seit vielen Jahren Erfa-Gruppen. Nebenberuflich ist sie Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Andrea Eigel schreibt die Kolumne "Eigels Erfa-Erkenntnisse"
Andrea Eigel schreibt die Kolumne "Eigels Erfa-Erkenntnisse" - © Kaleidoskop Marketing-Service GmbH
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