Branchen -

Marktnische Gegen den Wegwerftrend: Reparieren statt produzieren

Viele Handwerker bieten kaum noch Reparaturen an, weil Verbraucher lieber gleich neue Produkte kaufen. Die Industrie verstärkt den Wegwerftrend und produziert Waren, die es kaum noch zu reparieren lohnt. Doch für Handwerker kann es sich rechnen, die Reparaturkultur wiederzubeleben.

Themenseiten: TS Upcycling und TS Restaurierung

Ob Opa mit Enkelkind oder Manager im Anzug: Sie alle kommen ins Café von Detlef Vangerow – und bringen Elektrogeräte wie Bügeleisen, Staubsauger, Fön oder Lampe mit. Vangerow ist kein Gastronom, sondern gelernter Radio- und Fernsehtechniker. In seinem Repair-Café können Besucher zwar auch Kaffee trinken und Kuchen essen, während sie warten. Vor allem aber kommen sie vorbei, weil sie hier etwas finden, das sie sonst oft vergeblich suchen: einen Handwerker, der ihnen beim Reparieren ihrer kaputten Geräte hilft.

Denn wer ein defektes Elektrogerät reparieren lassen möchte, statt es wegzuwerfen, hat es heutzutage schwer: Es finden sich kaum noch Handwerker, die diese Produkte reparieren. „Lohnt sich nicht“, winken die meisten Handwerksbetriebe ab. Eine Reparatur wäre in vielen Fällen teurer als ein Neukauf. Und für viele Elektrogeräte stellt die Industrie erst gar keine Ersatz- und Reparaturteile mehr zur Verfügung.

Viele haben resigniert

Radio- und Fernsehtechnikermeister Detlef Vangerow will diese Wegwerf-Kultur nicht einfach so hinnehmen: „Da läuft doch etwas falsch. Handwerk und Reparieren, das gehört doch zusammen“, sagt er. Viele andere Radio-und Fernsehtechniker, die mittlerweile Informationstechniker genannt werden, haben hingegen schon resigniert: Gutes Geld verdienen mit Reparaturen, diese Zeiten scheinen in ihrem Gewerk längst vorbei zu sein. Seit vielen Jahren schon kaufen die meisten Verbraucher lieber ein neues Elektrogerät im Elektro-Großmarkt, als es beim Informationstechniker im Ort reparieren zu lassen. Den Handwerkern gingen irgendwann schlicht die Argumente aus, um Kunden vom Nutzen ihrer Reparaturdienstleistung zu überzeugen. Neue Elektrogeräte sind tatsächlich meistens besser, effizienter und mit neuen innovativen Funktionen ausgestattet. Der technische Fortschritt, so scheint es, macht Reparaturen überflüssig.

Doch die Techniker sind bei Weitem nicht die einzigen Handwerker, die den Wegwerftrend zu spüren bekommen haben. Auch Schuhmacher wissen längst, dass die meisten Kunden sich lieber ein neues Paar Schuhe kaufen, als ihre alten reparieren zu lassen. Uhrmachern geht es ebenso. Schreiner, Schneider und Metallhandwerker sind auch betroffen.

Studie soll Chancen aufzeigen

Forscher vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh Göttingen) beschäftigten sich mit Reparaturdienstleistungen in Repair-Cafés und im Handwerk. Für ihre Studie sprachen die Wissenschaftler mit Reparatur-Initiativen und Handwerkern, um herauszufinden, was die jeweiligen Akteure zum Reparieren motiviert. Welche Anreize gibt es dazu auf beiden Seiten? Sind Kooperationen denkbar und welche Rahmenbedingungen sind dafür nötig? Mancherorts arbeiteten Handwerker bereits eng mit Reparatur-Initiativen zusammen, erzählt Till Proger vom ifh Göttingen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Repair-Cafés vom Handwerk nicht als Konkurrenz wahrgenommen werden“, erklärt er. „Solche Initiativen können Handwerkern vielmehr dabei helfen, neue Kunden zu gewinnen.“

„Viele Handwerker sind davon betroffen, dass Verbraucher Reparaturleistungen nicht mehr in Anspruch nehmen und Wegwerfartikel kaufen“, analysiert Tobias Brönneke, Leiter des Kompetenzzentrums Verbraucherforschung und nachhaltiger Konsum (VUNK) an der Hochschule Pforzheim, die Situation. Das Kompetenzzentrum zeichnet sich durch eine besondere, fachlich breite und fundierte Interdisziplinarität aus. Doch Brönneke ist überzeugt: „Diesen Trend müssen Handwerker nicht einfach hinnehmen. Die Einstellung der Verbraucher ändert sich in jüngster Zeit: Es gibt eine wachsende Gruppe von potenziellen Kunden, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, auf langlebige, sozial und umweltfreundlich hergestellte Produkte“, erklärt der Wissenschaftler. „Diese Zielgruppe ist auch sehr viel offener dafür, für Reparaturen Geld auszugeben.“ Handwerker sollten daher wieder viel offensiver vermitteln, dass sie beim Kauf langlebiger Produkte beraten und diese auch reparieren können. Und dass sich das für den Kunden langfristig auch lohnt. Auch Handwerker könnten davon profitieren, ist Brönneke überzeugt: Denn wer repariert, betont damit nicht nur den Wert eines handwerklich erstellten oder fachmännisch ausgewählten Produktes – sondern bindet auch Kunden langfristig an sich.

Ersatzteilpreise steigen

Detlef Vangerow muss Brönneke mit diesen Argumenten nicht erst überzeugen. Vangerow war schon immer ein Mann der Reparatur. Im Jahr 1995 hat der Radio-und Fernsehtechnikermeister im baden-württembergischen Reutlingen einen Zusammenschluss von rund 80 Fachwerkstätten zur Reparatur von brauner Ware, also zum Beispiel Fernsehern, gegründet. Ein paar Jahre später kam ein Netzwerk hinzu, das sich auf die Reparatur weißer Ware, also etwa von Küchengeräten und Waschmaschinen, konzentriert. Wieder einige Jahre später startete Vangerow verschiedene Online-Portale wie Meinmacher.de und Reparierbar.de, um Verbraucher und Reparaturwerkstätten zusammenzubringen. Daneben versucht er, in Marktnischen Fuß zu fassen: Seit kurzem kauft er auf Online-Portalen oder Trödelmärkten alte Röhrenradios und bereitet sie für Nostalgiker wieder auf. Trotz all dieser Bemühungen ist Vangerow heute ernüchtert: „Da die Preise für neue Produkte immer weiter sinken und die Preise von Ersatzteilen dagegen steigen, rechnen sich Reparaturen einfach immer weniger.“

Das kritisiert auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). „Wenn Reparaturen teurer sind als Neugeräte, ist das weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Ingmar Streese, Geschäftsbereichsleiter Verbraucherpolitik des vzbv. 74 Prozent der Verbraucher haben sich schon einmal gegen eine Reparatur entschieden, da sie im Vergleich zum Neukauf zu teuer war, wie eine Umfrage im Auftrag des vzbv ergab. „Damit Reparaturen günstiger werden, müssen Verbraucher frei wählen können, wer die Reparatur übernimmt.“ Unabhängige Dienstleister sollten genau wie Hersteller Reparaturen ausführen können. Dafür müssten Hersteller Ersatzteile, Reparaturanleitungen und Software-updates zur Verfügung stellen.

Hersteller blockieren Reparaturen

Oft sind Reparaturen nur noch direkt beim Hersteller möglich. Dann müssen Kunden sich an den Service des Herstellers wenden, da nur dieser über die passenden Ersatzteile verfügt. Die Reparatur-Initiative „Runder Tisch Reparatur“, die von Detlef Vangerow mitgegründet wurde, will das ändern: Denn der hohe Energie- und Ressourcenverbrauch lässt sich nur verringern, wenn Verbraucher Produkte länger nutzen als bisher – und dafür braucht es Reparaturen. Außerdem schlägt die Initiative vor, langlebige und reparaturfreundliche Geräte künftig auch als solche zu kennzeichnen. Die Initiative, in der Umweltverbände, Verbraucherschützer, Reparaturwerkstätten und Wissenschaft engagiert sind, fordert also eine richtige „Reparatur-Revolution“.

Erste Anzeichen für eine Trendwende sind erkennbar: Während es im Jahr 2009 nur ein paar einzelne Repair-Cafés gab, finden sich mittlerweile deutschlandweit über 800 Reparatur-Initiativen. Wer lieber daheim werkelt, kann sich auf zahlreichen Online-Portalen umschauen: Handwerker und Hobbybastler laden Videos mit Tipps zur Reparatur von Fön & Co. bei Youtube hoch, und das Portal „ifixit“ bietet bebilderte Schritt-für-Schritt-Reparaturanleitungen. Das Start-Up „Grover“ steuert dem Wegwerfen und Neukaufen von Produkten entgegen, indem es Elektrogeräte nicht zum Kauf, sondern nur zum Mieten anbietet. So soll Elektronik so lange wie möglich im Umlauf gehalten werden, erklärt Gründer Michael Cassau.

Solche Ansätze zeigen, dass Verbraucher ihre Produkte nachhaltiger nutzen wollen. „Jetzt könnte der richtige Zeitpunkt sein, um wieder aktiv für eine Reparatur-Kultur zu werben“, sagt Tobias Brönneke vom Kompetenzzentrum Verbraucherforschung und nachhaltiger Konsum. Das sei auch eine Investition in die Zukunft des eigenen Geschäfts: „Wer jetzt Kunden über Reparatur- und Wartungsleistungen an sich bindet, muss in Zukunft weniger fürchten, dass Kunden Hilfe bei Handwerksportalen im Netz suchen.“

Argumentationshilfe: Warum Reparieren besser ist

Nur noch rund 21 Prozent der Umsätze im Handwerk entfallen auf Reparatur-, Wartungs- und Montageleistungen. Dabei könnte der Anteil viel höher sein. So überzeugen Handwerker Kunden davon, dass sich Reparaturen lohnen:
  • Nachhaltigkeit:
    Immer mehr Verbraucher wollen sich ressourcenschonender verhalten. Ein Beispiel: Die Reparaturkosten bei Waschmaschinen sind laut Stiftung Warentest auf lange Sicht kaum preiswerter als ein Neukauf. Aber der Umwelt zuliebe sollten Verbraucher Waschmaschinen reparieren. Denn ihre Herstellung ist sehr kosten- und ressourcenintensiv.
  • Werthaltigkeit:
    Viele Verbraucher kaufen Produkte bei Handwerkern oder in Geschäften, die qualitativ hochwertig sind. Um diesen Wert zu erhalten, sind Reparatur- und Wartungsleistungen wichtig.
  • Effizienz:
    Neue Geräte sind effizienter und umweltschonender als ihre Vorgängerversionen – davon sind viele Kunden überzeugt, und Hersteller bewerben ihre Produkte auch mit diesen Argumenten. Oft lohnt aber ein fachmännischer Blick in die Leistungsdaten: Ist der Effizienzsprung wirklich so groß, wie der Hersteller verspricht? Oder werden kleine Verbesserungen mit großem Marketing-Wirbel aufgeblasen? Längst nicht immer sind neue Geräte besser als die Vorgängerversion. Es kann also effizienter sein, das alte Gerät zu reparieren.
  • Tradition:
    Produkte sind für Verbraucher nicht immer nur Gebrauchsgegenstände, sondern haben auch oft einen ideellen Wert. So repariert der Uhrmacher die Uhr, die sein Kunde vom Großvater geerbt hat. Handwerker können im Beratungsgespräch gezielt nach solchen positiven Erinnerungen fragen.

So steigen Sie in den Reparaturmarkt ein

Reparieren lohnt sich nicht? Vielleicht müssen Handwerker nur genauer hinschauen, um einen Markt zu erschließen. So können Handwerker erste Schritte machen, um passende Zielgruppen und Geschäftsmodelle zu entwickeln:
  • Erster Kontakt: Um auf reparaturwillige Menschen zu treffen und den Markt zu sondieren, sind Reparatur-Initiativen ein guter erster Anlaufpunkt. Handwerker können sich und ihre Leistungen in einem Telefonat mit dem Leiter der Initiative beschreiben und ihn fragen, ob man Visitenkarten in den Räumlichkeiten der Initiative auslegen darf.
  • Kooperieren: In zahlreichen Städten gibt es mittlerweile Initiativen wie Repair-Cafés. Dort freuen sich die Besucher, wenn ihnen ein Handwerker mit seiner Fachkenntnis beim Reparieren hilft. Vielleicht kommt der Repair-Café-Kontakt dann schon bald als Kunde ins Fachgeschäft, wenn die Anschaffung eines neuen Geräts oder die Reparatur eines Produkts ansteht.
  • Eigene Aktionen: Handwerker können Themenabende zur Reparatur in der eigenen Werkstatt oder in den Räumlichkeiten einer Initiative veranstalten. So können sie sich wie beim Engagement in Repair-Cafés bei einer interessierten Zielgruppe als Gleichgesinnter bekannt machen und darüber aufklären, welche Produkte langlebig und reparaturfreundlich sind.
  • Online helfen: Viele Menschen suchen heutzutage im Netz Hilfe, wenn ein Gerät kaputtgegangen ist. Handwerker, die sich in entsprechenden Online-Foren anmelden
    und Reparatur-Tipps geben oder Fotos und Videos mit Reparaturanleitungen ins Netz stellen, können punkten.




© handwerk-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen