Restaurierendes Handwerk Fortbildung: In der Werkstatt zum Master

Zugehörige Themenseiten:
Ausbildung, Restaurierung und Weiterbildung

70 Millionen Euro gab der deutsche Bundestag am 19. Mai 2021 für das zehnte Denkmalschutz-Sonderprogramm frei – so viel wie nie zuvor. Restauratoren im Handwerk sind unverzichtbar für den Erhalt unseres Kulturerbes. Details zur Fortbildung und warum es sich lohnt, in dieses Spezialhandwerk einzusteigen, lesen Sie hier.

Linda Wadewitz, Tischlermeisterin und Restauratorin
Linda Wadewitz, Tischlermeisterin und Restauratorin im Handwerk, Leiterin Landesgruppe Restauratoren im Handwerk e.V. Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland. – © Tim Wegner

Georg Haber und Linda Wadewitz sind Restauratoren im Handwerk. Ihre Arbeit ermöglicht interessante Einblicke in die Vielfalt und Leistung des restaurierenden Handwerks. Beispielsweise bei so sensationellen Arbeitsorten wie der Quadriga auf dem Brandenburger Tor, fast in Augenhöhe mit der Kuppel des Reichstages in Berlin, oder bei Entdeckungen wie einer Gewehrkugel in der Deckplatte einer Biedermeierkommode, die erst bei der Restaurierung zum Vorschein kommt.

Ihre Tätigkeit als Restauratoren im Handwerk ist nicht nur spannend, sondern auch lukrativ und krisensicher. Laut der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda hatte die Corona-Krise 2020 für die in der Denkmalpflege tätigen Handwerksbetriebe keine nennenswerten negativen Auswirkungen. Im Gegenteil: Basierend auf der Befragung von Restauratoren im Handwerk, prognostiziert die Beratungsstelle aktuell eine deutliche Zunahme der Arbeit in der Denkmalpflege und Altbausanierung gegenüber der rückläufigen Beschäftigung im Neubau-Sektor. Die Umfrage ergab weiterhin, dass traditionelle, in der Denkmalpflege tätige, Handwerksbetriebe vergleichsweise leichter Auszubildende finden.

Das bestätigt auch der eingangs erwähnte Georg Haber, Silberschmiedemeister und Geschäftsführer des Familienunternehmens Haber & Brandner GmbH. Er ist hautnah in Kontakt mit Ikonen der deutschen Kunstgeschichte wie den Monumentalskulpturen der Münchner Bavaria oder dem Herkules in Kassel-Wilhelmshöhe. Die international renommierte Werkstatt für Metallrestaurierung mit 40 Mitarbeitern in Regensburg und Berlin ist seit dem 19. Jahrhundert auf Erhalt und Pflege von Kulturdenkmälern aus Metall spezialisiert. Das Arbeitsspektrum reicht von mittelalterlichem Kirchengerät bis zu technischem Kulturgut. Die Liste der bearbeiteten Kulturobjekte liest sich dabei wie das Who’s who des deutschen und europäischen Kultur­erbes.

Auch die Arbeit von Schreinermeisterin Linda Wadewitz ist alles andere als hölzern. Nach ihrer Tischlerlehre im elterlichen Betrieb und absolvierter Meisterprüfung 2007 gründete sie als frisch geprüfte Restauratorin im Handwerk (RiH) 2008 ihre eigene Holzwerkstatt. In ihrem Ein-Frau-Unternehmen Phönix-Factory im rheinland-pfälzischen Flonheim restauriert sie pro Jahr bis zu 60 Möbel und Türen: die klassizistische Eingangstüre des Mainzer Staatstheaters gehört ebenso dazu wie ein Jugendstilbüfett. Mit ihrem Fachwissen bereichert sie inzwischen auch Fernsehsendungen. Denn so individuell wie die zu restaurierenden Objekte, so spannend ist auch die kreative Arbeit damit. „Als Restauratorin arbeite ich seit 15 Jahren an Unikaten.

Da gibt es keine Standardlösungen“, schwärmt Linda Wadewitz, wenn sie die Fragmente einer musealen Bauerntruhe von 1780 mit Knochenleim zusammenführt und dem Stück mit poliertem Wachs seine alte Schönheit wiedergibt.

Bereits seit 2014 leitet die 43-Jährige für die Bundesvereinigung der Restauratoren im Handwerk e.V. eine Landesgruppe. Linda Wadewitz zählt zu den über 650 Restauratoren und Unternehmern im Handwerk mit insgesamt etwa 5.000 Mitarbeitern, deren Interessen der Dachverband der Restauratoren im Handwerk (VRH) seit 2019 bündelt.

Berufsbild „Master Professional für Restaurierung im Handwerk“

In den 1980er-Jahren eingeführt, ist die berufliche Weiterbildung zum Restaurator im Handwerk die höchste Qualifikationsstufe für Handwerker mit Meisterbrief in diesem Gebiet. Seitdem haben bundesweit mehr als 5.000 Handwerker aus 19 zugangsberechtigten Handwerksberufen der über 80 kulturguterhaltenden Gewerke die Prüfung an Fortbildungszentren für handwerkliche Denkmalpflege oder Bildungseinrichtungen der Handwerkskammern abgelegt. Seit der Neuregelung der bundeseinheitlichen, gewerkeübergreifenden Fortbildung am 16. Dezember 2020 (§ 42 der HwO) ist der „Geprüfte Restaurator im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk/Restaurator-Master Professional“ die erste gewerblich-technische Weiterbildung im Handwerk auf dem akademischen Niveau eines Masters.

Um den Denkmalwert von Kultur­erbe ermessen und dessen Pflege gewährleisten zu können, bedarf es umfassender Qualifizierung. Zu den Voraussetzungen gehört, historisches Wissen und geisteswissenschaftliche Grundlagen zu erwerben und weiterzutragen, so Titus Kockel, Referatsleiter der Gewerbeförderung im Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH): „Handwerk muss gelebt werden, ansonsten geht Wissen verloren oder ist bedroht.“ Die Fortbildung vermittelt Methoden zu Erhalt, Restaurierung und Konservierung dieser Kulturgüter auf höchstem Niveau. Umfangreiche Fähigkeiten in traditionellen Arbeitstechniken, gepaart mit Spezialwissen um spezifische Restaurierungsverfahren und Kenntnis historischer Materialien, befähigt entsprechende Betriebe zum Erhalt kulturellen Erbes – und sichert gleichzeitig die Existenz dieser Spezialbetriebe.

Fortbildung: Master Professional

Der Fortbildungsabschluss „Geprüfter Restaurator im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk“ qualifiziert Handwerksmeister seit 16. Dezember 2020 erstmals zum akademischen Titel Master Professional.

Die Kurse sind gegliedert in einen handwerksspezifischen, -übergreifenden und projektbezogenen Teil. Die berufliche Maßnahme wird in acht Fortbildungszentren der ARGE für handwerkliche Denkmalpflege (z. B. Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld) oder in Bildungseinrichtungen der zuständigen Handwerkskammer (z. B. Görlitzer Fortbildungszentrum für Handwerk und Denkmalpflege) angeboten. Die Weiterbildung umfasst 800 Unterrichtsstunden, die Abschlussprüfung wird vor den Prüfungsausschüssen der zuständigen Handwerkskammer abgelegt. Der erworbene Titel wird dabei in Verbindung mit dem jeweiligen Handwerk genannt und qualifiziert Meister und gewerblich tätige Unternehmer im Handwerk zur Arbeit in Restaurierungsbetrieben und zu deren Leitung (z. B. „Geprüfter Fachbetrieb für Denkmalpflege“) sowie zur Tätigkeit in staatlichen und privaten Institutionen.

Fortbildungsumfang und Struktur

  • Ausbildungszeit (Unterricht, selbst organisiertes und praxisbezogenes Lernen): 1.600 Std.
  • Prüfungsstruktur: zwei schriftliche Prüfungen, eine Projektarbeit (Dokumentation)
  • Handwerksspezifische Lerninhalte (500 Std.): Traditionelle und historische Materialien, Handwerkstechniken, handwerkliche Restaurierungs- und Rekonstruktionstechniken
  • Handwerksübergreifende Lerninhalte (300 Std.): Kunst- und Kulturgeschichte, Denkmalschutz und -pflege, Materialkunde, Bau- und Denkmalrecht (handwerksspezifisch) , Aufmaß und Dokumentationstechniken, Zeichnen
  • Projektbezogene Inhalte (praktische Eigenarbeit): Denkmal-Bestandsaufnahme, Erarbeitung eines Restaurierungsvorschlages; Kalkulation der Restaurierungsmaßnahme

Die Lerninhalte an den Akademien variieren je nach Kurskonzept und Handwerk.

Fortbildungsinhalte

  • Kulturerbe pflegen und weitergeben
  • Methoden zu Erhalt, Restaurierung und Konservierung von Kulturerbe anwenden und weiterentwickeln
  • Maßnahmen und Prozesse unter Qualitäts-aspekten dokumentieren, Risiko- und Schadensprävention sicherstellen
  • Unternehmerische Prozesse im Rahmen des Kulturerbeerhalts gestalten und steuern
  • Erhaltungs-, Restaurierungs- und Konservierungskonzepte entwickeln

Geprüfter Fachbetrieb für Denkmalpflege

Die Arbeitsgemeinschaft der Fortbildungszentren für handwerkliche Denkmalpflege (ARGE) vergibt das rechtlich geschützte Gütesiegel „Geprüfter Fachbetrieb für Denkmalpflege“. Das Gütesiegel zertifiziert das gesamte Unternehmen mit betrieblichen Abläufen und Mitarbeiter-Qualifikation.

Denkmalpflege ist ein zentraler Umsatzfaktor fürs Handwerk

Das Statistische Bundesamt listet in Deutschland derzeit etwa 1,3 Millionen Denkmale – Tendenz steigend. „Sie sind uns als Vermächtnis anvertraut, das es zu schützen und zu bewahren gilt“, betont die ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters über deren identitätsstiftende Bedeutung. Zwischen 2007 und 2021 hat der Bund im Rahmen von neun Denkmalschutz-Sonderprogrammen 330 Millionen Euro investiert. Mehr als 80 Gewerke im Handwerk sind erfolgreich im Geschäft der Restaurierung und Pflege historischer Objekte oder Gebäude. Dem ZDH zufolge erwirtschaften etwa 170.000 Unternehmen mit 870.000 Erwerbstätigen geschätzt 7,5 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind rund 1,3 Prozent des jährlichen Gesamtumsatzes im deutschen Handwerk. Repräsentative Angaben über Vollständigkeit und Aktualität der bundesweit tatsächlich in der handwerklichen Denkmalpflege tätigen Betriebe fehlen aber derzeit. Die Online-Datenbank „Handwerksbetriebe für Restaurierung und Denkmalpflege“, eine Kooperation des Fraunhofer-Informationszentrums Raum und Bau (IRB) mit dem ZDH, basiert nur auf der freiwilligen Selbstauskunft eingetragener Handwerkskammerbetriebe aus den kulturguterhaltenden Handwerkszweigen. Georg Haber, auch Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, meint daher: „Wir brauchen aktuelle belastbare Zahlen zur handwerklichen Denkmalpflege. Nur mit harten Fakten können wir der Politik deutlich machen, dass Denkmalpflege ein Wirtschaftsmotor ist und entsprechend auch staatlich unterstützt werden muss.“

Rund 90 Prozent der Aufträge in der Denkmalpflege werden von Handwerkern ausgeführt. Die meisten kommen aus der Region und damit ist „Denkmalpflege auch immer regionale Wirtschaftsförderung“, weiß Hans Peter Wollseifer, Präsident des ZDH. „Historisches Kulturgut wird belebt, Kreislaufwirtschaft und eine bewusste Lebensweise gefördert“, bestätigt Georg Haber, der sich für eine enge Verzahnung von Handwerk und akademischer Welt einsetzt und die Fortbildung zum Master Professional für Restaurierung im Handwerk mitentwickelte.

Schwachstellen und Lösungen

Trotzdem gehen die Teilnehmerzahlen der Fortbildung zurück. Über die Gründe – zeitlicher Aufwand oder mangelnde Bekanntheit – kann nur spekuliert werden. Der Wert des Berufsbildes als Qualitätsgarant und Sicherung der beruflichen Zukunft in der Denkmalpflege soll jedenfalls durch gezielte Informationspolitik verstärkt ins Bewusstsein rücken, so die Botschaft des ‚Raesfelder Manifests‘ der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld. Dies gilt auch in Hinblick auf die Entwicklungsperspektiven in Forschung und Digitalisierung. Zur Förderung der beruflichen Qualifikationen vergibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) pro Jahr zehn Stipendien à 3.000 Euro zum RiH. Auch mit der Verleihung des „Bundespreises für Handwerk in der Denkmalpflege“ würdigen die DSD und der ZDH die Leistungen des restaurierenden Handwerks jährlich mit 30.000 Euro.

Man darf gespannt sein, mit welcher Dynamik außerdem neue Zugpferde wie „Servicespezialisten für Old- und Youngtimer“ die Bekanntheit und Attraktivität des Berufsbildes voranbringen: 2020 wurde auch das Kraftfahrzeugtechniker-, Karosserie- und Fahrzeugbauerhandwerk für die höhere Berufsbildung im Handwerk anerkannt.