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Mindestausbildungsvergütung Das sind die Folgen des geplanten Azubi-Mindestlohns

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) macht Ernst mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten Mindestausbildungsvergütung für Auszubildende. Ihr Plan: 504 Euro im ersten Lehrjahr. Wir erklären die möglichen Auswirkungen.

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Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) macht Ernst mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten Mindestausbildungsvergütung für Auszubildende. Dazu will sie das Berufsbildungsgesetz erneuern. Bis zum 1. August 2019 soll es beschlossen sein, ab 1. Januar 2020 in Kraft treten, so die Pläne des Ministeriums. Darin fest verankert soll die Mindestausbildungsvergütung für alle Azubis sein. In einer Rede beim Tag der Berufsbildung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nannte die Ministerin zum ersten Mal Zahlen. Das ist geplant:

1. Lehrjahr: 504 Euro
2. Lehrjahr: 529 Euro
3. Lehrjahr: 554 Euro
4. Lehrjahr: 580 Euro

Karliczek betonte in ihrer Rede: „Für mich muss diese Mindestausbildungsvergütung eine von Maß und Mitte sein. Sie muss ausgewogen und in der Höhe klug gewählt sein. Denn sie soll bundes- und branchenweit gelten: Also nicht nur in Niedersachsen und Hessen, sondern auch in Sachsen und Brandenburg.”

Handwerk sagt, die Schmerzgrenze ist erreicht

Zu den Vorschlägen von Bundesbildungsministerin Karliczek erklärt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH): „Mit dem Vorschlag, eine Mindestausbildungsvergütung in Anlehnung an das Schüler-Bafög in Höhe von 504 Euro gesetzlich festzulegen, wird die Schmerzgrenze von vielen ausbildenden Handwerksbetrieben gerade in strukturschwachen Regionen überschritten. Jede gesetzliche Regelung einer Mindestausbildungsvergütung muss den gerade im Handwerk besonders ausgeprägten Unterschieden zwischen den Branchen und Regionen gerecht werden." Ansonsten, so Schwannecke, drohe eine strukturelle Schwächung des umfassenden Ausbildungsengagements gerade der kleinen Betriebe des Handwerks, die für die Versorgung mit dringend gesuchten Fachkräften schwerwiegende Folgen hätte.

Die Festlegung von Ausbildungsvergütungen sei und müsse auch zukünftig eine Kernaufgabe der Tarifvertragsparteien in Deutschland bleiben. Diese könnten am besten einschätzen, welche Ausgestaltung von Ausbildungsvergütungen aufgrund der branchen- und regionalen Besonderheiten für die ausbildenden Unternehmen tragbar sei.

Auch die SPD lehnt Karliczeks Pläne ab: „Die Ministerin prescht nach Monaten der Untätigkeit mit nicht nachvollziehbaren und unabgestimmten Vorschlägen zur Höhe der Mindestausbildungsvergütung vor. Damit wird sie den berechtigten Ansprüchen der Auszubildenden, für ihre Leistung eine angemessene Vergütung zu erhalten, nur unzureichend gerecht“, sagte die Sprecherin für Berufsausbildung der SPD-Fraktion, Yasmin Fahimi, dem Handelsblatt.

So viel Geld fordern die Gewerkschaften für Azubis

Die Gewerkschaften haben sich ebenfalls zum Ziel gesetzt, auch für Azubis ein "Mindestmaß an Absicherung" herauszuholen. In einem Vorstandsbeschluss des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) heißt es daher, dass Azubis in Zukunft 80 Prozent der durchschnittlichen Tarifvergütung aller Berufe bekommen sollten. In der Praxis wären das:

  1. Lehrjahr: 635 Euro
  2. Lehrjahr: 696 Euro
  3. Lehrjahr: 768 Euro
  4. Lehrjahr: 796 Euro

Höhere Vergütung soll Abbrecherquote senken

Das Hauptargument der Gewerkschaften, um eine Mindestausbildungsvergütung auch für Arbeitgeber schmackhaft zu machen, ist die Senkung der Abbrecherquote: Im Schnitt liegt diese bei 24 Prozent, bei schlecht bezahlten Berufen allerdings bei etwa 30 Prozent. "Dort wo die Vergütung besonders niedrig ist, sind die Abbrecherquoten extrem hoch", sagte Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, gegenüber Spiegel Online.

Im Handwerk ist das besonders bei den Friseuren zu spüren: Von gut 10.000 Jugendlichen, die jährlich ihre Ausbildung beginnen, halten nur gut 5.000 Azubis bis zur Prüfung durch. Die durchschnittliche Monatsvergütung von Friseur-Azubis liegt laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung im 1. Lehrjahr aktuell bei 406 Euro. Fleischer-Auszubildende (Ost) verdienen sogar nur 310 Euro, Schornsteinfeger-Azubis 450 Euro.

Für das handwerksnahe Ludwig-Fröhler-Institut (LFI) in München sind ohnehin andere Aspekte wichtiger als die Vergütung: "Hauptpunkte sind immer das Betriebsklima, eine gute und breit aufgestellte Ausbildung sowie rechtzeitig unterbreitete Übernahme- und Karrieremöglichkeiten", sagte LFI-Bildungsexpertin Andrea Greilinger. Das LFI hat sich eingehend damit beschäftigt, wie Handwerksbetriebe Auszubildende finden und halten können.

Welche Betriebe betroffen wären

Fragen, welche Betriebe von einer Mindestausbildungsvergütung betroffen wären, also ihren Auszubildenden mehr zahlen müssten, und wie hoch die zu erwartende Kostensteigerung für Betriebe ausfallen könnte, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) mit einer datengestützten Simulation untersucht. Diese Simulationen zeigen, dass etwa elf Prozent aller Ausbildungsbetriebe in Deutschland von einem angenommenen Betrag von 500 Euro Mindestausbildungsvergütung im 1. Ausbildungsjahr betroffen wären. Mehr als jeder dritte Ausbildungsbetrieb in Deutschland (35 Prozent) müsste seine Ausbildungsvergütung bei einem angenommenen Betrag von 650 Euro anpassen. Handwerksbetriebe, kleine Betriebe mit bis zu neun Beschäftigten und Betriebe in Ostdeutschland wären von einer Mindestausbildungsvergütung dadurch besonders herausgefordert.

Durch die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung werden sich folglich auch die Kosten erhöhen, die Betriebe für die Ausbildung insgesamt aufwenden müssen. Hiervon wäre nach den Berechnungen des BIBB ebenfalls das Handwerk überproportional betroffen. Die Nettokostensteigerungen können je nach Ausbildungsbereich, Betriebsgröße, Region und angenommener Vergütungshöhe zwischen 1 und 15 Prozent liegen. Wenn nur die von der Einführung einer Mindestausbildungsvergütung betroffenen Betriebe betrachtet werden, würden die Kostensteigerungen noch deutlicher ausfallen.

"Mit den vom BIBB durchgeführten Simulationen können keine abschließenden Aussagen über die tatsächlichen Auswirkungen der Einführung einer Mindestausbildungsvergütung getroffen werden“, erklärt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. „Sie können aber in der Diskussion über die Größenordnung einen wichtigen Beitrag leisten. Letztendlich gilt es, die Ausbildungsbereitschaft gerade der Kleinbetriebe nicht weiter zu gefährden.“

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H.undD.ME@t-online.de

Azubi-Mindestlohn

Es ist zum Verzweifeln. Natürlich ist es immer gut wenn Bezüge erhöht werden und
damit die berufliche Arbeit gewürdigt wird.
Aber hier geht es um Auszubildende die auf Kosten des Arbeitgebers eine Qualifizierung
für einen bestimmten Beruf erhalten. Im Mittelmußten noch die Azubi für eine
Lehre bezahlen. Natürlich haben wir uns weiterentwickelt. Gut so.
Aber die Ausbildung so zu verteuern ist geradezu fatal.
Kein Azubi bricht die Lehre wegen der Bezüge ab. Ich bin Koordinator der ehren-
amtlichen Initiative VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen) in der Region
Stuttgart, wir haben seit Mitte 2010 bis jetzt ca. 750 Anforderung für eine Begleitung
in der Ausbildung erhalten und ca. 200 Senioren/innen kümmern sich darum.
Die Probleme die zum Abbruch führen sind nicht die Bezüge, so einfach ist es nicht.
Dass wir trotzdem eine Erfolgsquote von über 80 % haben, liegt an der Kommunikation mit den jungen Menschen und um persönliche Unterstützung und Rat.
Nicht am Geld. Die Erhöhung der Ausbildungsvergütung führt nur zu weniger
Lehrstellen, gerade im Handwerk.
Das ganz kurz zu diesem Thema. Wie weit ist die Politik vom realen Leben entfernt?
Viele Grüße
H.D.Mechler
Rohrer Höhe 37
70565 Stuttgart