Projekt "Bio Innovation Park" Alternative Rohstoffe: Mit schnell nachwachsendem Bauholz und ressourcenschonender Produktion gegen den Mangel

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Baustoffe und Nachhaltigkeit

Mit der gesamten Vielfalt der Natur experimentiert das Projekt „Bio Innovation Park“, um umweltgerecht zu produzieren. Für den Bau von Dachstühlen eignen sich Paulowniabäume, auf dem Feld gedeihen Weizensorten wie Emmer, die in Bäckereien für nachhaltiges Wirtschaften sorgen.

Benjamin Stocksiefen, Inhaber von Holzbau Stocksiefen
Benjamin Stocksiefen, Inhaber von Holzbau Stocksiefen in Niederkassel, fertigt Bauteile aus dem Holz des Paulowniabaums. Der Baum, der ursprünglich aus Asien stammt, soll den Holzbestand für künftige Bauprojekte sichern. – © Rudolf Wichert

Benjamin Stocksiefen will nicht länger dabei zusehen, wie sich der Holzbestand in den Wäldern verringert. Der Zimmerermeister aus Niederkassel bei Bonn hat Paulowniabäume als alternativen Baustoff zu Tannen und Fichten für sein Geschäft entdeckt: Die Bäume aus Asien trotzen nicht nur dem Klimawandel, sondern wachsen auch sehr gerade, haben leichtes Holz, sind stabil, witterungsbeständig und nur schwer entflammbar. „Das sind wichtige Vorteile für uns Zimmerer und Holzbauer“, sagt der Inhaber von Holzbau Stocksiefen. Mit dem Baustoff könnte er Dachstühle, Fassaden und Innenräume, aber auch ganze Holz­häuser anfertigen.

Projekt Bio Inovation Park

Ein Bauelement aus Paulowniaholz brachte der Handwerkschef neulich zu einem Workshop von Bio Innovation Park mit. „Die Verarbeitung ist problemlos und kann mit den herkömmlichen Maschinen und Werkzeugen erfolgen“, erklärt der 34-Jährige, der 2019 ein Buch dazu veröffentlicht hat, wie Holz ein nachhaltiges Leben fördert. Darum geht es auch beim Projekt, kurz Bio IP genannt, zu dem sich die nordrhein-westfälischen Städte Meckenheim und Rheinbach, die Universität Bonn, die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft und bisher 31 Unternehmen zusammengeschlossen haben. Neben Holzbau Stocksiefen kommen drei weitere aus dem Handwerk: Degen Dachhandwerk, der Sanitär- und Heizungsbetrieb Josef Küpper Söhne und die Bäckerei Mauel 1883.

Auf der Suche nach Ressourcen

Alle Bio-IP-Mitglieder haben eines gemeinsam: Sie sind in der Region beheimatet und halten nach alternativen Rohstoffen Ausschau. „Wir wollen Ressourceneffizienz und Wertschöpfung miteinander verbinden, um so zukunftsfeste Arbeitsplätze zu sichern und für Wirtschaftswachstum zu sorgen“, erklärt Bert Spilles, Vorsitzender von Bio IP und langjähriger Bürgermeister von Meckenheim. Dass sich dem jungen Netzwerk schon so viele Unternehmen angeschlossen haben, freut ihn. Zum einen können sie ihre Alltagsprobleme in die Diskussionen einbringen, zum anderen aber auch „die Ideen der Wissenschaftler auf Praxistauglichkeit überprüfen und dann möglichst in die Anwendung führen“.

Schnell nachwachsendes Bauholz

Für das Bauhandwerk sehen die Projekt-Mitglieder im Paulowniaholz großes Potenzial. Allen voran Ralf Pude, Agrarwissenschaftler an der Universität in Bonn mit einer Professur für nachwachsende Rohstoffe und Berater des Bio-IP-Vorstands. Die Paulownia- oder auch Blauglockenbäume seien „eine der am schnellsten wachsenden Baumarten auf der Welt“, führt er aus. „Schon nach zehn bis 15 Jahren wächst ein riesiger Baum heran, der in dieser Zeit enorme Mengen Kohlendioxid gespeichert hat – mindestens achtmal so viel wie heimische Bäume. Wird er gefällt, wächst dort gleich ein neuer Baum. Man kann so bis zu sechs Ernten vornehmen.“ Damit könnten die Gewächse das hiesige Nadelholz ersetzen, das heute noch einen Anteil am Bauholz von gut 80 Prozent hat.

Dämmung mit Gräsern

Während die Stämme für den Holzhausbau vorgesehen sind, bietet sich für Agrarwissenschaftler Pude eine Dämmung mit Miscanthus an. Die ebenfalls sehr schnell wachsenden Schilfgräser können dafür geschreddert werden. Ein Feld davon bindet pro Hektar und Jahr 30 Tonnen CO2, rechnet der Professor vor. Schon seit vielen Jahren experimentiert er selbst damit und hat zum Beispiel Dämmplatten mit Miscanthus angefertigt. In ein Haus eingebaut, bleibt das CO2 sowohl des Bauholzes als auch der Dämmung für Jahrzehnte dort – ohne die Atmosphäre zu schädigen.

Bauholz vom Acker

Dass am natürlichen Baustoff künftig kein Weg vorbeiführt, gilt unter Experten als gewiss. Der Gebäudebereich verursacht schließlich mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen. Insbesondere die Zementherstellung ist angesichts der steigenden Erderwärmung ein Dorn im Auge. Ein Hindernis für die steigende Verwendung von Holz liegt nach wie vor an erschwerenden Bauvorschriften und Vorurteilen gegenüber dem Naturrohstoff bei den Bauherren. Bio IP empfiehlt daher, auf Holz zu setzen. Doch auch, wenn trotz der aktuellen Knappheiten ­genug heimisches Holz vorhanden ist, bieten Paulowniabäume schon jetzt eine vorausschauende Alternative. Eine Besonderheit gilt es zu beachten: Bisher dürfen die Bäume nicht in Wäldern angepflanzt werden, sondern müssen aus Naturschutzgründen auf Äckern gedeihen.

Ressourcenschonende Produktion

Alternative Rohstoffe finden auch andernorts Einzug. Beim Netzwerk aktiv sind zudem Fruchtsaft- und Obstbetriebe, eine Kaffeerösterei, ein bundesweit agierendes Teehandelsunternehmen, ein Fleischverarbeitungsbetrieb, eine Baumschule und ein Anbieter von Brotaufstrichen. Da schlägt sich nieder, dass man sich im drittgrößten Obstanbaugebiet der Bundesrepublik befindet. Ziel ist es, gesunde Lebensmittel ressourcenschonender und nachhaltiger zu produzieren als bisher, mehr Kreislauf- und Kaskadennutzungen zu initiieren und insgesamt den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Papier aus Gras oder Kartons aus Tomatenpflanzen sind nur einige Ideen, die die Projekt­beteiligten verfolgen, um Bioökonomie und grüne Technologien ebenso zusammenzubringen wie Wissenschaft und Wirtschaft.

Austausch im Netzwerk

Der Austausch im Netzwerk trägt bereits Früchte. „Ich kann in ganz andere Bereiche hineinschnuppern als sonst“, meint etwa Bäckermeister Peter Mauel. Martin Weihsweiler, Geschäftsführer bei Degen Dachhandwerk, und Benjamin Stocksiefen schätzen es, dass alle Beteiligten „den Gedanken der Nachhaltigkeit engagiert verfolgen“, und der Austausch untereinander helfe, noch besser zu werden.

Für Mauel als Vertreter des Bäckerhandwerks kommen als ressourcenschonende Alternative zum Beispiel Getreidesorten wie der Emmer infrage. Mit der lang vergessenen Urform des Weizens haben schon die alten Römer gekocht und gebacken. Charakteristisch für das Süßgras sind die langen Ähren und Blätter sowie sein herzhaftes, leicht nussiges Aroma. Emmer ist besonders eiweiß- und mineralstoffreich und reich an Carotinoiden, welche die Sehkraft stärken. Ebenfalls fördern die enthaltenen Nährstoffe wie Magnesium und Zink die Gesundheit und das Wohlbefinden.

Das zeigt: Der Expansion hin zu neuen alten Rohstoffen und Bauweisen sind keine Grenzen gesetzt. Von den seit mehr als zehn Jahren mit Schülern durchgeführten Baumpflanzaktionen des Degen-Teams bis hin zu Leuchtturm-Projekten wie dem neuen Firmengebäude des Sanitär- und Heizungsbetriebs Josef Küpper Söhne in Meckenheim. Der zweigeschossige Passivhausbau in Holz-Hybridbauweise ist umfassend mit Solarpanelen mit einer Spitzenleistung von knapp 100 Kilowatt-Peak ausgestattet. Die leiten in den wärmeren Monaten überschüssige Energie in große Wasserstofftanks. Fünf derartige, eigentlich für Einfamilienhäuser vorgesehene Druckflaschenkombinationen wurden dafür hintereinandergeschaltet. Im Winter wird der Wasserstoff über eine Brennstoffzelle per Elektrolyse dann in Strom und Wärme umgewandelt. „Damit und mit einer Erdsonden-Wärmepumpe werden wir energieautark sein und so als Handwerksbetrieb die Energiewende aktiv gestalten“, sagt Peter Küpper. Der Betriebschef ist davon überzeugt, mit seiner innovativen Bauweise in Deutschland Vorreiter zu sein – und als gutes Beispiel für hoffentlich viele Nachahmer zu dienen.

Interview: Megathemen intensiver bearbeiten

Martin Weihsweiler, Dachdeckermeister und Geschäftsführer bei Degen Dachhandwerk, ist Vorsitzender des Fachausschusses Nachhaltigkeit im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) und beim Projekt Bio IP beteiligt.

handwerk magazin: Herr Weihsweiler, warum haben Sie sich dem Bio-IP-Projekt angeschlossen?

Martin Weihsweiler: Da kommen Wissenschaft, Wirtschaft und andere zusammen und tauschen ihre Erfahrungen aus. Gerade das breite Spektrum der Aktiven ist das Interessante. Jeder sieht über seinen Tellerrand hinaus und bekommt Anregungen. Nehmen Sie nur das neue Gebäude von Peter Küpper: ein Holzbau, der energieautark sein wird und – bislang wohl einmalig im Handwerk – intensiv auf die grüne Wasserstofftechnologie setzt. Es ist hochspannend, jetzt zu verfolgen, wie sich diese Anlage in der täglichen Praxis einspielt und bewährt. Außerdem bin ich gerne vorne mit dabei, wenn es um die Entwicklung und Nutzung von Baustoffen aus natürlich nachwachsenden Rohstoffen geht.

Für mehr Nachhaltigkeit engagieren Sie sich auch im Ausschuss Nachhaltigkeit innerhalb des ZVDH, den es erst seit 2021 gibt. Wie kam es zu der Ausgründung?

Der Ausschuss Nachhaltigkeit ist aus dem Ausschuss Arbeits-, Unfall- und Umweltschutz hervorgegangen, bei dem wir das Thema Umweltschutz aber nur am Rande behandeln konnten. Jetzt wollen wir uns mit Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Energieeinsparung sehr viel intensiver befassen. Das sind ja Megathemen in der Gesellschaft. Wir wollen unsere Positionen dazu darstellen, wir wollen die Betriebe unterstützen und wir wollen klarmachen, was die Dachdecker auf diesem wichtigen Feld leisten. Dachdecker sind schließlich Klima-Handwerker.

Was gibt es genau zu tun?

Das Thema Nachhaltigkeit hat eine sehr große Breite. Das reicht von den Materialien, die wir einsetzen, über die Art, wie wir unsere Betriebe führen, bis hin zu der sozialen Komponente, dass bei der Ausbildung im Handwerk und auch später nicht nur Fachliches vermittelt wird, sondern auch der Mensch ausgebildet wird. Im Einzelnen können wir einen positiven Beitrag leisten, indem wir noch stärker nachhaltige Baustoffe anbieten und verwenden, etwa Recycling-Produkte oder entsprechende Dämmstoffe, indem wir forciert Energieanlagen auf Dächern und an Fassaden montieren oder Gründächer anlegen. Bei der Auswahl unserer Materialien müssen wir den gesamten Weg von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung, besser noch zur Recyclingfähigkeit im Blick haben. In den Unternehmen selbst geht es zum Beispiel um eine umwelt- und klimaschonende Energieerzeugung und -nutzung. Da gibt es bei den Kollegen viele gute Ansätze, die aber noch bekannter gemacht werden müssen.

Wie stehen die Kunden und Auftraggeber zu diesen Bemühungen?

In meinem eigenen Unternehmen sehe ich, dass insbesondere bei Sanierungen die Aufgeschlossenheit da ist und von uns passende Vorschläge und Angebote sogar erwartet werden. Die Menschen begreifen zunehmend, dass wir nur so viel nutzen und verbrauchen dürfen, wie wieder nachwächst. Der Markt ist also da, er muss von uns stärker bearbeitet werden. Und es muss bekannter werden, was wir in puncto Nachhaltigkeit leisten.