Interview mit Robert Wüst und Umfrage Baustoff-Knappheit: So meistern Handwerksbetriebe den aktuellen Materialmangel

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Auftragsabwicklung und Baustoffe

Bei Abschluss von neuen Projektverträgen sollten Betriebe Preisgleitklauseln integrieren, Angebote befristen und die Termine im Blick haben – das rät Robert Wüst, Präsident der Handwerkskammer Potsdam und des Handwerkkammertags Land Brandenburg, den Betrieben, die derzeit mit Knappheit und Verteuerungen von Baustoffen zu kämpfen haben. In einer Umfrage zeigen Betriebschefs, wie sie selbst mit der Situation umgehen.

Baumaterial, Gabelstapler
Dunkle Wolken über Deutschlands Baustellen: Materialverknappung und Mangel an Baustoffen machen dem Handwerk aktuell zu schaffen. – © Miljan Živkovic – stock.adobe.com
Robert Wüst ist Präsident der Handwerkskammer Potsdam und des Handwerkkammertags Land Brandenburg
Robert Wüst ist Präsident der Handwerkskammer Potsdam und des Handwerkkammertags Land Brandenburg – © Handwerkskammer Potsdam
Die Knappheit bei Materialien wie Holz und Dämmstoffen bringt das Handwerk gerade ins Straucheln: Viele Aufträge können nicht bearbeitet werden, weil das Material fehlt oder aufgrund der Verknappung zu teuer ist. Was sind die Gründe für den aktuellen Mangel?

Robert Wüst, Präsident der Handwerkskammer Potsdam und des Handwerkskammertags Land Brandenburg : Es gibt wohl viele Ursachen. Weil die Wirtschaft in den USA und China nach der Pandemie wieder anläuft, gibt es dort eine erhöhte Nachfrage. Darauf ist die wegen der Pandemie heruntergefahrene Produktion nicht vorbereitet. Zudem ist die Baukonjunktur weiter gut: Viele Bauherren haben die Krisenmonate genutzt für Bau- und Modernisierungsarbeiten. Viele unserer Betriebe haben aber auch den Eindruck, dass die Lage von einigen Herstellern ausgenutzt wird, um Preissteigerungen durchzusetzen .

Was bedeutet das konkret für Handwerksbetriebe?

Die Materialknappheit und Preiserhöhungen könnten sich als echter Hemmschuh für eine konjunkturelle Erholung erweisen. Baustopps und Kurzarbeit sind in einigen Betrieben bereits im Gespräch. Und viele Betriebe fürchten, die Preissteigerung nicht weitergeben zu können und auf den Schaden selbst sitzen zu bleiben.

Wie hoch sind die Preise gestiegen?

Seit Jahresanfang haben sich die Preise für wichtige Baumaterialien deutlich erhöht. Viele Holzprodukte und Dämmstoffe verteuerten sich um 30 bis 50 Prozent, außerdem kosten Regenrinnen, Wasserrohre und andere Baumaterialien deutlich mehr seit Jahresbeginn. Bei gängigem Bauholz haben sich die Preise glatt verdoppelt, und Dachdecker berichten, dass ein Meter Dachlatte statt 80 Cent nun zwei Euro kostet.

Was für rechtliche Konsequenzen hat es, wenn Projekte für den Kunden plötzlich teurer werden – oder aufgrund von Materialmangel nicht rechtzeitig fertiggestellt werden können?

Ist die Übernahme der Preissteigerungen nicht vertraglich mit dem Kunden geregelt, tragen die Betriebe das Kostenrisiko. Eine solche Situation kann für die Firmen existenzbedrohend sein. Gleiches gilt, wenn verbindliche Fristen nicht eingehalten werden können. Betriebe sollten daher bei Vertragsabschluss das Thema im Blick behalten

Was ist Ihr Appell an Hersteller, Handel und Politik?

Die unkalkulierbare Preisentwicklung gefährdet das Vertrauen unserer Kunden . Deshalb sollten Hersteller und Handel nur notwendige Preissteigerungen weiterreichen und die Hintergründe transparent benennen. Die Politik steht in der Verantwortung, notwendige gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen zu sichern und bei der öffentlichen Auftragsvergabe selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und Preisgleitklauseln in den Verträgen akzeptieren .

Wann ist wieder mit Entspannung zu rechnen?

In den letzten Jahren haben sich Preisentwicklungen im Jahresverlauf meist wieder normalisiert. Ich hoffe, dass dies in den kommenden Monaten nicht anders sein wird.

Umfrage: Was können Handwerkschefs jetzt tun? Die besten Tipps aus dem Handwerk

Helmut Ecklkofer, Geschäftsführer City Bau, Neuötting: „Handwerkschefs müssen auch mal Nein sagen können“

Eine ähnliche Situation wie heute hatten wir zuletzt 2006. Damals waren es Ziegelsteine und Betonstahl, die nicht mehr ausreichend verfügbar waren. Viele Bauunternehmer mussten damals daher für ein Gebäude zwei verschiedene Ziegel verwenden. In so eine Bredouille bin ich in über 40-jähriger Tätigkeit im schlüsselfertigen Bauen allerdings noch nie geraten. In all den Jahren haben wir bei unseren Projekte keinen einzigen Termin überschritten oder verschoben. Dies wird auch in 2021 nicht der Fall sein: Alle Käufer können auf Zuverlässigkeit bauen und werden ihre Wohnungen pünktlich beziehen können.

Helmut Ecklkofer, Bauunternehmer in Neuötting, gewinnt über seine App für Bauherren viele neue Kunden. – © Sebastian Arlt

Unsere Pünktlichkeit liegt zum einen daran, dass wir ein Zehn-Mann-Bauunternehmen sind und nicht zu jedem Projekt Ja sagen, sondern gemau wissen, wo unsere Grenzen sind. Dass Baustoffe knapp werden konnte man ja schon in den letzten Monaten absehen, weil die Lieferketten zusammengebrochen sind, das Bauvolumen sich vervielfachte und so viel mehr gebaut wurde wie vorher. Da liegt es auf der Hand, dass das Material irgendwann ausgeht. Handwerkschefs müssen zu Aufträgen daher auch mal Nein sagen können.

Dass wir rechtzeitig Wind von der bevorstehenden Materialknappheit bekommen haben, liegt auch an unserer langjährigen Mitgliedschaft beim Forum Innovatives Bauen (FIB), ein Zusammenschluß von Bauunternehmern aus ganz Deustschland. Über ein eigenes Intranet wurde hier vor vielen Jahren schon eine Art Frühwarnsystem ins Leben gerufen, das perfekt funktioniert. Heute erfolgt die Kommunikation schnell und zeitnah über Email und WhatsApp. Unsere Bau-Termine konnten wir soweit möglich anpassen oder schon vorab neu terminieren .

Ein weiterer Punkt ist die exakte Mengenermittlung und die Vorplanung der Bauvorhaben mit exakten Bauzeitenplänen. Somit können wir die Baustoffe für unsere Projekte langfristig vor Baubeginn bestellen – das macht natürlich Mühe, zahlt sich aber letztlich aus. Zudem unterhalten wir sehr gute Beziehungen zu unseren Lieferanten und Partnerfimren, bezahlen sie fair anstatt den Preis bis auf den letzten Euro zu drücken. Daher genießen wir aufgrund unserer überdurchschnittlichen Bonität auch einen sehr guten Ruf am Markt und haben auch aktuell keine Probleme unsere Bauvorhaben firstgerecht abzuschließen.

Ein Tipp an die Betriebe: Bestellt nicht nur immer beim gleichen Hersteller oder Lieferanten, sondern fragt auch mal anderswo nach. Eine Partnerfirma konnte durch diesen Tipp sein Dämm-Material nun doch noch bekommen.

Thomas Graber, Inhaber des gleichnamigen Handwerksbetriebs für Dämmtechnik, Trockenbau und Innenausbau: „Jeder rafft zusammen, was er bekommen kann“
Thomas Graber
Stillstand ist Rückschritt – findet Thomas Graber, Inhaber der Graber GmbH im bayerischen Rimsting. – © Graber GmbH

Der Kampf ums Material wird immer größer werden, denn wer Termine einhalten will, braucht neben Mitarbeitern auch das nötige Material. Das Agieren einiger Handwerker erinnert mich an das Klopapier-Phänomen zu Beginn der Corona-Pandemie: Jeder rafft zusammen, was er bekommen kann – völlig unabhängig davon, ob er es braucht oder nicht. Dabei verschlimmert dieses egoistische Verhalten ja die Situation, denn der Mangel wird umso größer, die Preise steigen umso stärker. Eine sinnvolle Planung wird für alle unmöglich.

Jetzt bewahrheitet sich einmal mehr, dass eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Händlern Gold wert sein kann. Denn der Händler entscheidet jetzt, wer das Material bekommt, das lieferbar ist – quasi eine Triage der Materialwirtschaft als neuer Verteilungswettbewerb, wie man es sonst nur bei der medizinischen Versorgung während großer Unglücke kennt. Im Vorteil ist jetzt aber der, der nicht immer nach dem billigsten Preis geschielt sondern vertrauensvoll zusammengearbeitet hat .

Was die aktuelle Situation für den Unternehmer konkret bedeutet?

  • Vorausschauend agieren und Material frühzeitig ordern

  • Mit Auftraggebern die Situation klar und ehrlich kommunizieren und auf die Konsequenzen frühzeitig hinweisen

  • Alternativen bereit halten, weil es bestimmte Produkte überhaupt nicht gibt

  • Keine Festpreise vereinbaren, um die Preisrallye weitergeben zu können.

  • Mit Herstellern und Händlern eng, vertrauensvoll, offen und ehrlich zusammenarbeiten

  • Das Wichtigste in der aktuellen Situation ist aber: Ruhig bleiben. Denn allgemeine Hektik führt zu nichts und verschlimmert die Situation nur.