Zweifel an der Entgeltumwandlung Betriebliche Altersvorsorge (bAV): Zeitgemäß und effektiv – oder nicht?

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Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) hat mit Frank Nobis, dem Gründer des Start-ups „be+“, eine provokante Frage diskutiert: Ist die bAV noch zeitgemäß? Nobis zweifelt daran, dass die Entgeltumwandlung im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung für Neuverträge noch passend ist: Hier sind seine Argumente.

Mit einer guten Altersvorsorge in die Rente
Mit einer guten Altersvorsorge in die Rente? Frank Nobis, Gründer des Start-ups „be+“, zweifelt an der Entgeltumwandlung und und somit der Effizenz der betrieblichen Altersvorsorge (bAV). – © lassedesignen-stock.adobe.com

Die Einschätzung über die Sinnhaftigkeit der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) und der Riester-Rente ist sehr verschieden. Versicherer und viele Finanzberater sehen in ihr einen wichtigen Baustein zur Altersvorsorge: dafür sorgt vor allem die attraktive staatliche Förderung. Andere wiederum halten sie für reformbedürftig: denn mehr als ein Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer spart aktuell überhaupt nicht für das Alter an, es verlässt sich ausschließlich auf die staatliche Rente .

Frank Nobis, Gründer des Start-Ups be+ GmbH, einer Plattform für Mitarbeiterbenefits, diskutiert die Gründe für die fehlende Bereitschaft zur Entgeltumwandlung mit dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA). Seine Überzeugung: Die Menschen seien überfordert, die Verträge zu kompliziert und außerdem fehle das Vertrauen in diese Vorsorgeformen. Er bemängelt die viel zu hohen Kosten und die viel zu geringe Rendite. Letzteres läge an der Niedrigzinsphase, wofür die Produkte nichts können. Doch es sorge eben dafür, dass sie für eine gute Absicherung im Alter nicht taugen. Sie seien schlicht nicht mehr zeitgemäß. Und er hat einen weiteren Kritikpunkt: Die Beitragsgarantien seien teuer und drücken auf die Rendite. Das sieht auch die Allianz so. Der Versicherungskonzern streicht in der betrieblichen Altersversorgung die volle Beitragsgarantie ganz und will die Garantien bis auf 60 Prozent senken. Teilweise greifen die Regelungen schon 2021.

Diese bAV ist gut

Der 50-jährige Gründer findet, dass Arbeitnehmer gut gestellt sind, wenn ihre Arbeitgberdie Beiträge voll finanziert oder für die Gehaltsumwandlung mindestens einen Arbeitgeberzuschuss in Höhe von 20 Prozent des Beitrages leistet. Wer diese Zusage mit einem unterlegten Rahmenvertrag von 2011 oder frühe r erhalten hat, bekommt meist einen Rechnungszins von 2,25 Prozent – auch dieses sei vorteilhaft. Alle anderen Versorgungszusagen gehören auf den Prüfstand, findet der ehemalige Gesellschafter des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung GmbH (IVFP).

Über eine neue bAV neu nachdenken

Arbeitgebern, die aktuell über eine betriebliche Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter nachdenken, empfiehlt er, Alternativen zu prüfen . Was Frank Nobis als Alternative vorschlägt, klingt zunächst nach einer Verschlechterung: Er rät, aus dem Nettoeinkommen zu sparen, ganz ohne gesetzliche Förderung, Rahmenvertrag durch den Arbeitgeber und Ersparnis der Sozialabgaben.

Der Finanzexperte hat jedoch berechnet, warum das ungeförderte Sparen trotzdem vorteilhaft für den Arbeitnehmer ist: „Wir haben Berechnungen angestellt und die Ergebnisse verglichen. Gegenüber standen eine Direktversicherung per Entgeldumwandlung (mit allen Zuschüssen) und eine private Rentenversicherung. Bei Berücksichtigung aller Faktoren wie Förderung der bAV in der Ansparphase, eine niedrigere gesetzliche Rente durch verringerte Sozialabgaben und die unterschiedliche Besteuerung in der Rentenphase kam die betriebliche Altersversorgung im Musterfall auf eine um 138 Euro höhere Rente“, wird er beim DIA zitiert.

Also doch die bAV im Vorteil? Nobis sagt nein. Denn bei dieser Berechnung wurde davon ausgegangen, dass von identischen Produkten identische Renditemöglichkeiten ausgehen.Die aktuellen Angebote für die Entgeltumwandlung seien meist mit einer Beitragsgarantie verbunden – und diese koste Geld, also Rendite. Neuverträge bei der der bAV könnten deshalb nicht mit einem modernen Versicherungsprodukt , beispielsweise auf der Basis von ETF, mithalten. Das heißt: Wer eine Rentenversicherung abschließt und die Beiträge in einen Exchange Traded Fund (ETF) investiert, steht besser da. Ein ETF ist ein Fonds, der das Geld der Anleger meist in einen Index investiert. Es gibt also keinen Fondsmanager, der über die Auswahl von Wertpapieren entscheiden muss, so dass die ETF besonders geringe Nebenkosten haben. Das schützt das Kapital der Anleger.

Risikoausgleich über die Zeit

Nobis ist überzeugt, dass Garantien Anleger mehr kosten als sie bringen – und kann das auch belegen. „Die Wissenschaft und auch die DIN-Norm 77230 – Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte – gehen aktuell bei Garantieverträgen von einer Nettorendite von 1 Prozent p.a. aus. Ein privat geführter ETF-Sparplan im Versicherungsmantel hat keine Garantie, aber den Risikoausgleich über die Zeit. Für ihn setzen die Experten eine Rendite von 4,5 Prozent nach Kosten an“, wird er zitiert. Und er geht noch weiter: „Nimmt man die Entwicklung des weltweiten Aktienmarktes abgebildet durch den MSCI World Index in den vergangenen 37 Jahren, dann ergeben sich sogar 9,5 Prozent jährlich. In meiner vormaligen Funktion als Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung haben wir ermittelt, dass kapitalmarktorientierte Vorsorgeverträge mit einer Laufzeit von über 15 Jahren keine Garantien benötigen. Das sehe ich heute immer noch so.

Sicherheit durch Langfristigkeit

Nobis hat unterschiedliche Modellfälle gerechnet, um zu belegen, dass der Verzicht auf Garantie einen risikolosen Mehrertrag bringt. „Bei angenommenen gleichen Kosten und einem Renditeunterschied von drei Prozentpunkten führt die private Anlageform zu einer um 140 Euro höheren Rente. Berücksichtigt man noch den Kostenunterschied bei einer schlank aufgestellten ETF-Anlage im Versicherungsmantel, dann fällt die private Vorsorge sogar noch besser aus“, sagt er. .

Vorteil für den Arbeitgeber

Wenn Arbeitnehmer für ihr Alter in Form von Entgeldumwandlung vorsorgen wollen, verpflichtet der Gesetzgeber den Unternehmer, dieses zu ermöglichen. Nobis rät, über eine private Alternative nachzudenken, das spare ihm viel Aufwand und Kosten für die Abwicklung der bAV – und außerdem das Haftungsrisiko, das mit einer bAV verbunden ist. Als Alternative eignen sich beispielsweise private Rentenversicherungen, die in ETF anlegen.

Win-Win für Unternehmer und Arbeitgeber. Denn beide profitieren von einer privaten Vorsorge: Der Arbeitnehmer kann seine Rente stärken, der Arbeitgeber seinen Aufwand minimieren.

Zur Person Frank Nobis:

Frank Nobis war mehr als 15 Jahre Gesellschafter und Geschäftsführer der Institut für Vorsorge und Finanzplanung GmbH (IVFP) und Gründungsgesellschafter der IT-Tochter Software für Vorsorge und Finanzplanung GmbH & Co.KG. Seit 2020 ist er als Fin-Tec-Gründer mit be+ aktiv und möchte mit dem Unternehmen die Altersvorsorge in Deutschland stärken.