Automobilwirtschaft und Handwerk Analyse der Chipkrise: So halten Sie Ihren Fuhrpark trotz Halbleiter-Mangel in Schuss

Zugehörige Themenseiten:
Fuhrpark und Transporter

Die globale Chipkrise macht der heimischen Automobilwirtschaft schwer zu schaffen. Und: Die Prognosen sehen nicht rosig aus. Doch was bedeutet das für Betriebe, die dieses Jahr ihren Fuhrpark verstärken wollen?

Halbleiter
Die globale Chipkrise macht der heimischen Automobilwirtschaft schwer zu schaffen. – © Raimundas – stock.adobe.com

Lange Lieferzeiten, kaum Nachlässe und wenig gebrauchte Alternativen. Die Zeiten waren für Gewerbekunden, die ihren Fuhrpark erweitern wollen, schon mal einfacher. Landauf, landab schlägt die globale Chipkrise durch. „Der Mangel an Halbleitern betrifft alle Industrien weltweit, daher ist auch die deutsche Automobilindustrie betroffen“, erklärt Joachim Damasky, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), gegenüber handwerk magazin.

Diese Knappheit könnte noch mehrere Jahre andauern. Das geht aus einer aktuellen Studie der Strategieberatung ­Roland Berger hervor. „Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage von Halbleitern wird immer größer“, betont Michael Alexander. „Eine baldige Besserung ist nicht in Sicht. Denn der Engpass hat strukturelle Gründe, die in der aktuellen Ausgestaltung der Lieferketten liegen“, führt der Partner bei Roland Berger weiter aus. „Die Knappheit der Chips wird bis in das Jahr 2023 – und wahrscheinlich darüber hinaus – bestehen bleiben. Die angekündigten zusätz­lichen Kapazitäten reichen nicht aus, um den Bedarf zu decken.“

Zumal die Autobranche in einem besonderen Dilemma steckt. Laut Roland Berger setzen die Hersteller noch größtenteils auf Chips der älteren Generation – und genau hier bestehe der größte Mangel. Kommen weltweit nun neue Halb­leiterfabriken dazu, spucken diese aber vor allem Hochleistungschips der neuesten Generation aus. Von Entspannung für die Autobauer also noch keine Spur.

Mehr Kapazitäten gleich Entlastung?

Auch VDA-Geschäftsführer Damasky geht davon aus, dass sich die Situation erst einmal nicht bessert. „Für die Unternehmen und insbesondere für die Zulieferer bleibt die Lage schwierig. Nach aktuellen Einschätzungen wird der Mangel an Halb­leitern noch eine Zeit lang andauern.“ Für ein wenig Entspannung könnten die Chiphersteller mit der Erhöhung der Produktionsvolumen sorgen. Damasky: „Viele Unternehmen der Automobil­industrie sind dazu im engen Austausch mit ihren Lieferanten bis hin zu den Her­stellern von Halbleitern und Chips und arbeiten kontinuierlich an Lösungen, um der aktuellen Situation bestmöglich zu begegnen.“

Doch wie wirkt sich die andauernde Chipkrise nun auf Fahrzeugpreise und Lieferzeiten aus? Und welche Beschaffungsoptionen haben Fuhrparkverantwortliche überhaupt?

Wie entwickeln sich die Preise?

Martin Weiss, der die Fahrzeugbewertung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) leitet, hat keine guten Nachrichten für ­investitionsfreudige Handwerksbetriebe. „Wir rechnen für das Jahr 2022 weiterhin mit einem sehr hohen Niveau der ­Fahrzeugpreise infolge des Halbleitermangels und der sich daraus ergebenden eingeschränkten Verfügbarkeit von Fahrzeugen.“ Doch damit nicht genug. Teilweise würden die Preise weiter steigen, so Weiss. Er nennt einen interessanten Aspekt: Die Autoproduzenten würden die verfügbaren Halbleiter bevorzugt in höherpreisige Modelle verbauen, „bei denen sie mehr Marge generieren oder die sich positiv auf die CO2-Bilanz auswirken“. Die Folge: Einfachere Modelle schauen in die Röhre. „Und das Preisniveau steigt.“

Weiten sich die Lieferzeiten aus?

Auch das heimische Kfz-Gewerbe kämpft mit den Herausforderungen des Chipmangels. Laut dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) ist zwar die Situation je nach Marke unterschiedlich. „Richtig ist aber, dass die markengebundenen Autohäuser auch weiterhin damit leben müssen, dass nicht immer die Autos zur Verfügung stehen, die die Kunden nachfragen“, sagt Antje Woltermann, ZDK-Geschäftsführerin der Abteilung Betriebs-/Volkswirtschaft und Fabrikate. Der Handel habe darauf letztlich überhaupt keinen Einfluss. Und das sorgt für Probleme, gerade im direkten Kontakt mit den Interessenten. Denn die Autohäuser müssten „die – oft nicht angenehmen – Gespräche mit den Kunden führen“, berichtet Woltermann.

Für VDA-Geschäftsführer ­Damasky ist die Frage nach den Lieferzeiten ebenfalls nicht einfach zu beantworten, da es die einzelnen Hersteller und ihre Modelle unterschiedlich betreffe. „Es gibt Modelle – je nach Variante und Ausstattung –, bei denen es keine Erhöhungen der Lieferzeiten gibt. Es kann aber auch – je nach elektronischer Ausstattung – durchaus zu einer Erhöhung der Lieferzeiten kommen.“

Sind Gebrauchtwagen ein Ausweg?

Ein natürlicher Reflex könnte für Gewerbekunden der Kauf eines Gebrauchten sein. Wobei die Betonung eher auf „könnte“ liegt. Denn: „Der Gebrauchtwagenmarkt ist leer gefegt“, erklärt Woltermann. „Insgesamt ist damit zu rechnen, dass die Nachfrage auch noch im Jahr 2022 das Angebot übersteigen wird. Das wirkt sich auf die Preise aus. Diese werden hoch bleiben.“ Auch DAT-Experte Weiss kennt die Strategie, sich aufgrund der knappen Neuwagen gezielt auf den Gebrauchtwagenplätzen umzusehen. Doch er schränkt ein: „Junge Gebrauchtwagen sind durch Produktionsausfälle in 2020 und einen massiven Rückgang der taktischen Zulassungen ebenfalls beschränkt verfügbar.“ Die Folge: Die Preise steigen. „Wir erwarten hier 2022 eine weiterhin dynamische Entwicklung.“

Lieber das Leasing verlängern?

Wer in seinem Fuhrpark traditionell schon auf Leasing statt Kauf setzt, hat noch eine andere, ziemlich pragmatische Option. „Wir rechnen damit, dass viele Fuhrparkleiter in Abstimmung mit ihrer Leasinggesellschaft oder dem betreuenden Autohaus bestehende Verträge verlängern. So kann man die Beruhigung der Märkte abwarten und dann zeitnah die Bestellungen tätigen“, sagt Weiss. Zumal man damit auch den niedrigeren Rabatten und den ständig steigenden Listenpreisen aus dem Weg geht.