Die Arbeit ist erledigt, aber der Auftraggeber reagiert nicht. Keine Rückmeldung, keine gemeinsame Abnahme, kein klarer Abschluss. Genau an diesem Punkt entsteht schnell Unsicherheit. Andreas Scheibe zeigt in seiner Kolumne, warum die Abnahmefiktion für Handwerker ein wichtiges Instrument ist, um Projekte sauber abzuschließen.

Wer auf Baustellen arbeitet, kennt diese Situation nur zu gut: Die Leistung ist erbracht, alles ist fertig, aber vom Auftraggeber kommt nichts mehr. Keine Terminabstimmung, keine Erklärung, keine Abnahme. Für viele Betriebe bedeutet das Stillstand, obwohl die eigene Arbeit längst abgeschlossen ist. Genau deshalb ist es so wichtig, die richtigen Schritte zu kennen, um nicht von der Untätigkeit des Auftraggebers abhängig zu sein.
Warum die Abnahmefiktion für Handwerker so wichtig ist
Wenn ein Auftraggeber nicht reagiert, heißt das nicht automatisch, dass ein Projekt endlos offenbleiben muss. Die Abnahmefiktion gibt Handwerkern die Möglichkeit, auch in solchen Fällen zu einem abrechenbaren Abschluss zu kommen. Sie schafft Klarheit, wenn die Gegenseite sich entzieht, und sorgt dafür, dass das Projekt nicht unnötig in der Schwebe bleibt.
Für den ausführenden Betrieb ist das von großer Bedeutung. Denn mit der Abnahme wird nicht nur das Ende der Ausführung markiert. Sie ist auch entscheidend für die Schlussrechnung und für den Beginn wichtiger Fristen. Wer hier sauber arbeitet, sichert seine wirtschaftlichen Interessen und verhindert, dass sich abgeschlossene Leistungen unnötig in die Länge ziehen.
Der richtige Ablauf nach der Fertigstellung
Entscheidend ist, dass nach der Fertigstellung strukturiert vorgegangen wird. Sobald die Leistung termingerecht erbracht ist, sollte zunächst die Fertigstellung angezeigt werden. Damit wird dokumentiert, dass die vertraglich geschuldete Leistung erbracht wurde und das Werk zur Abnahme bereitsteht.
Reagiert der Auftraggeber darauf nicht, folgt im nächsten Schritt das Abnahmeverlangen. Bleibt auch das ohne Rückmeldung, muss eine Nachfrist gesetzt werden. Gerade diese klare Reihenfolge ist in der Praxis entscheidend. Wer sauber dokumentiert und die einzelnen Schritte nachvollziehbar einhält, schafft eine belastbare Grundlage für die weitere Abwicklung. Wird auch innerhalb der gesetzten Frist nicht reagiert, kann die Abnahme als erfolgt gelten. Für den Handwerker bedeutet das: Das Projekt kann abgeschlossen, dokumentiert und in die Schlussrechnungsphase überführt werden.
Dokumentation schafft Sicherheit
Ein häufiger Fehler in der Praxis ist, dass Betriebe zwar sauber arbeiten, die formalen Schritte aber nicht ausreichend festhalten. Genau hier liegt jedoch ein wesentlicher Punkt. Sobald die Voraussetzungen erfüllt sind, sollte ein Protokoll erstellt werden, das den Ablauf dokumentiert und den Projektabschluss festhält.
Diese Dokumentation ist wichtig, weil sie belegt, dass der Betrieb seine Leistung ordnungsgemäß fertiggestellt hat und die notwendigen Schritte zur Herbeiführung der Abnahme eingeleitet wurden. Gleichzeitig schafft sie die Grundlage dafür, die Schlussrechnung zu stellen.
Auch versäumte Schritte lassen sich noch nachholen
In der Realität kommt es immer wieder vor, dass nach der Fertigstellung nicht sofort an das Abnahmeverlangen gedacht wird. Das ist ärgerlich, aber nicht zwingend ein endgültiges Problem. Versäumte Schritte können unter Umständen nachgeholt werden, indem das Abnahmeverlangen später gestellt und eine Nachfrist gesetzt wird.
Wichtig ist dabei, nicht einfach abzuwarten, sondern aktiv zu handeln. Wer erkennt, dass formale Schritte bislang nicht erfolgt sind, sollte schnell für Ordnung sorgen. Denn je früher eine saubere Struktur wiederhergestellt wird, desto besser lässt sich das Projekt noch in geordnete Bahnen lenken.
Die Abnahmefiktion ist ein sauberes Werkzeug gegen Verzögerung und Unklarheit
Für Handwerker ist die Abnahmefiktion weit mehr als nur eine juristische Besonderheit. Sie ist ein praktisches Werkzeug, um sich gegen Verzögerung, Unklarheit und Passivität auf Auftraggeberseite zu schützen. Wer die Abläufe kennt und konsequent umsetzt, kann Projekte gewinnbringend abschließen, Frust vermeiden und die eigene Position stärken.
Gerade im Baualltag zeigt sich immer wieder, dass nicht nur die handwerkliche Leistung zählt, sondern auch der richtige Umgang mit den formalen Abläufen. Wer hier sicher aufgestellt ist, arbeitet nicht nur professioneller, sondern schützt auch seine Liquidität und reduziert unnötigen Stress im Projektverlauf.
Über den Autor Andreas Scheibe:

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!
Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.
"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"
Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.
In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.
Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"
Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.
In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.
