Für einen Bürger, der demokratische Prozesse nicht nur fordert, sondern sich auch selbst dabei überzeugt mit einbringt, gehören Wahlen oder Wahlmöglichkeiten unverzichtbar zum Leben. Es gilt, sich Entscheidungen zu stellen. Denn wenn wir nicht mehr die Wahl haben, kommen ganz andere Dinge auf uns zu. Dass es sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Politik um Angebot und Nachfrage geht, erklärt Kolumnistin Ruth Baumann in dieser Folge von „Neues von der Werkbank“.

Gestatten Sie mir, anhand eines Beispiels zu demonstrieren, was ich genau damit meine. Nicht ohne vorab zugleich die Innungen der Wagner, sofern es diese überhaupt noch zahlreich gibt, um Verständnis zu bitten: Ich interessiere mich also für den Beruf des Wagners, beginne eine entsprechende Handwerkslehre, absolviere später die Prüfungen mit Erfolg und gründe schließlich einen eigenen Betrieb. Mit diesem Rüstzeug stelle ich nun Räder, Schlitten, Wagen sowie landwirtschaftliche Geräte aus Holz her. Meine Geschäftsidee soll künftig mich, meine Familie und bestenfalls auch Mitarbeiter ernähren. So der Plan!
Diese berufliche Entscheidung muss sich nun dem Markt, besser gesagt, der Markwirtschaft und den Kunden stellen. Steuern müssen ebenfalls erwirtschaftet werden. Ich bin in mein Produkt verliebt und gehe davon aus, dass auch viele andere dies wertschätzen werden. Manche Start-ups trifft die Erkenntnis, dass die Resonanz bei Markteintritt „überschaubar“ ist oft unvorbereitet und wie aus heiterem Himmel. Die Selbstverliebtheit in das eigene Tun mündet nicht zwangsläufig zum wirtschaftlichen Erfolg.
In der Wirtschaft wie in der Politik
Wir alle können uns vorstellen, dass der Markt aktuell für Holzräder nicht sonderlich groß ist und eigene Träume an der Realität scheitern. Vielleicht gibt es ja auch in diesem Zusammenhang Förderprogramme, die zwar den Anfang erleichtern mögen, aber langfristig muss sich eben eine Idee, eine Investition eigenständig und ohne Stützräder auf dem Markt behaupten können. Der Käufer hat die Wahl und trifft sie, ohne Rücksicht. Wer etwas anbietet, was nicht begehrt ist, bleibt darauf sitzen.
In der Politik gelten ähnliche Spielregeln. Unterschiedliche Parteien werben nicht um den Kunden, sondern um den Wähler. Es gilt, die eigenen Ideen und Gedanken zu präsentieren und zu vermarkten. Um die Entscheidung bei der Wahl zu erleichtern, gibt es auch hier nicht nur Flyer und Broschüren, sondern auch Zuschüsse und Finanzierungshilfen, um die gesellschaftliche Bedeutung von Willensbildung und Ausübung demokratischer Wahlprozesse zu unterstützen. Vielleicht mit einer kleinen Unterscheidung zur reinen Marktwirtschaft.
In dem Gewand der „Wahl“ können sich mitunter auch Ernennungen verbergen, wobei der Wähler nur noch pro Forma um sein Votum gebeten wird. Wenn zum Beispiel Kandidatenzahl und zu vergebene Positionen identisch sind oder gar „Krönungsmessen“ bereits vor dem Auszählen der Wahlergebnisse gelesen werden. Der Wahlvorgang wird dann zur Makulatur und das Votum der Wähler dadurch wiederum abgewertet. Bei solchen vermeintlichen Wahlen liegt es dann an jedem einzelnen, wie er damit umgeht und ob es ihm reicht, als „moralisches Feigenblatt“ bereits getroffener Entscheidungen auf dem Bild zu sein.
Nicht jedes Angebot ist ein Auftrag
Wahlen - wie auch die Marktwirtschaft - beinhalten Risiko und Chance zugleich. Es ist möglich, dass der Kunde/Wähler den Auftrag erteilt, den Mitbewerber bevorzugt oder bereits erteilte Aufgaben wieder entzieht. Das geht im wirtschaftlichen Alltag genauso wie im politischen Raum. Angebot und Nachfrage regeln sich in der Marktwirtschaft, während Wahlen Ausdruck gelebter Demokratie sind.
Unternehmer wissen, dass nicht jedes abgegebene Angebot automatisch in einen Auftrag mündet, im politischen Betrieb scheint man mit dieser Erkenntnis etwas zu fremdeln. Mandate sind immer auf Zeit, es macht keinen Sinn, sie als generelles und automatisches Fixum zu betrachten. Jeder Betriebsinhaber weiß, dass auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr ohne erneuten Einsatz nicht zwingend weitere gute Jahre folgen müssen. Konjunktur ist fragil, Wählerentscheidungen mitunter auch.
Wenn ein Handwerker 100 Angebote abgibt und nie einen Auftrag erhält, muss er Ursachenforschung betreiben. Am Anfang tröstet noch die Erkenntnis, dass auch der Mitbewerber nur mit Wasser kocht, aber irgendwann reicht auch das nicht mehr aus. Wenn sich Holzräder nicht verkaufen, hilft es nicht auf Gummiräder zu schimpfen. Man ist gut beraten, den Fehler auch bei sich selbst zu suchen. Sind wir zu teuer, stimmt unsere Qualität, sind unsere Kunden mit der Leistung zufrieden? Nur Wettbewerbsfähigkeit sichert Zukunft.
Erfolg ist kein Selbstläufer
Viele Handwerksbetriebe existieren seit Generationen, weil sie es verstanden haben, nicht blind einem Zeitgeist zu huldigen, sondern sich ihm täglich neu mit Lösungen zu stellen. Arbeitsgemeinschaften können hierbei hilfreich sein, aber am Ende weiß man doch, dass man mehr an der Prosperität des eigenen Betriebes wie der des Mitbewerbers interessiert ist. Hat man Augenhöhe oder ist man Subunternehmer? In einer Umarmung kann man auch ersticken.
Erfolg ist kein Selbstläufer, sondern muss täglich erarbeitet werden. Was einmal war, kann in der Gegenwart zu verstaubtem Glanz vergangener Zeiten werden oder Antrieb für neue Impulse sein. Die Entscheidung liegt bei jedem einzelnen. Wahlen und Marktwirtschaft spiegeln die Resonanz auf gemachte Angebote wider. Konnte man nicht überzeugen, so sollte man die eigene Eitelkeit beiseite schieben und analysieren, was der Mitbewerber besser gemacht hat. Wer dies als Chance und nicht als Bedrohung sieht, kann beruhigt in die Zukunft schauen.
Über Autorin Ruth Baumann:
Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.
Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben.
