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Finanzierung Wie Sie Kapital in der Crowd einsammeln

An den Banken führte bisher kein Weg vorbei: Wer Kredit brauchte, ging zur Filiale. Heute bietet das Internet attraktive Alter­nativen. Besonders interessant fürs Handwerk: Crowdlending.

Themenseite: Crowdfunding

„Ehrlich gesagt, fühlte ich mich veräppelt.“ Friseurmeisterin Simone Helbing nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie sich über die Kreditvergabe von Banken an Kleinunternehmer ärgert. „Ich arbeitete bereits zehn Jahre selbstständig“, erzählt sie ihre Geschichte, „da bekam ich 2014 die Gelegenheit, einen eigenen Salon zu übernehmen.“ Die Berlinerin wollte bei ihrer Bank nur ihren Dispokredit „um ein paar Tausend Euro aufstocken“. Ihre Hausbank, bei der sie seit der Lehre Kundin ist, spielte nicht mit.

Dabei hatte Simone Helbing das Geld für die Ablöse und die notwendigen Neuanschaffungen auf der hohen Kante. Der Dispo sollte nur als Sicherheitsnetz dienen – falls in der ersten Zeit Kunden abspringen oder doch noch unerwartete Ausgaben auf die Unternehmerin zukämen. „Ohne einen kleinen finanziellen Spielraum“, erläutert sie, „fehlte mir der Mut.“ Fast wäre ihr Traum gescheitert.

Doch dann erinnerte sich die Unternehmerin, dass sie etwas über Kreditalternativen im Internet gelesen hatte. Sie machte sich online auf die Suche, wurde fündig und hatte kurze Zeit später ihr Problem gelöst. Helbing entschied sich für Auxmoney, einen Crowdfinanzierer der ersten Stunde in Deutschland. Schon 2014 hätte Helbig auch andere Anbieter finden können – wenn auch nicht so viele wie heute. Inzwischen wächst das Angebot stetig. Europaweit, so Schätzungen von Finanzmarktexperten, hat sich das Transaktionsvolumen des alternativen Finanzmarktes allein 2015 mit 9,77 Milliarden Euro fast verdoppelt.

Zwei Wege stehen offen

Dabei sind es zwei unterschiedliche Ansätze, die den klassischen Kreditmarkt aufmischen. Beiden gemeinsam ist: Sie sind schnell und oft serviceorientierter als die etablierte Bankenwelt, wie Daniel Habich, Geschäftsführer bei Mein Coach + Partner, spezialisiert auf die Beratung von Handwerksbetrieben, betont.

Gleichzeitig unterscheiden sich die neuen Angebote aber auch deutlich: Der erste Ansatz basiert auf dem sogenannten Schwarm-Gedanken (Englisch: Crowd): Kreditnehmer bekommen ihr Geld nicht von einer Bank, sondern über Online-Plattformen und dort von vielen Kleininvestoren, die teilweise nur wenige hundert Euro einsetzen.
Die Plattform übernimmt dann die Abwicklung. Dabei werden nicht nur Kredite schwarmweise eingesammelt, auch andere Finanzspritzen bis hin zu Beteiligungen werden Peer-to-Peer (von Privatan-Privat) vergeben. 2015 wurden 136 Millionen Euro von privat an privat verliehen, 48,7 Millionen gingen von privaten Investoren an Unternehmen, so die aktuellen Zahlen, die die University of Cambridge mit der Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG ermittelt hat.

Die anderen Angreifer auf das klassische Bankengeschäft sind Vergleichs- oder Vermittlungsportale. Wie bei den Crowdplattformen erfolgt auch hier die Abwicklung des Kredites online. Nur erhalten die Kreditnehmer ihr Geld nicht von Kleinanlegern, sondern weiterhin von Banken. Der Vorteil, den sie dennoch haben: Mit nur einem Antrag, den alle angeschlossenen Banken einsehen können, erhalten sie gleich mehrere Angebote der Kreditinstitute, können vergleichen und sich dann die günstigste Offerte raussuchen. Die Auswahlkriterien, ob jemand einen Kredit bekommt, basieren auf vergleichbaren Kriterien, mit denen auch die Hausbank arbeitet.

Kreditzugang jetzt offener

Diese Kriterien waren auch der Grund, warum Friseurmeisterin Helbing sich letztlich für die Finanzierung über den Schwarm entschied. Bei der Kreditvergabe über die Crowd spielen auch andere Vorgaben als Basel III eine Rolle. Zwar betonen alle Anbieter, dass auch sie ihre Kreditnehmer durchleuchten und strengen Bonitätsprüfungen unterziehen. Dennoch, so auch das Ergebnis einer Studie der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse (PwC), sorgen Kreditmarktplätze dafür, dass mehr Menschen Zugang zu Krediten bekommen als dies über die Banken der Fall wäre.

Und dafür gibt es gleich zwei Gründe: Zum einen ist es einfacher, unter Gleichgesinnten auf Verständnis (und damit Geld) zu stoßen als bei einem Firmenkundenbetreuer der Banken. Im Klartext: Wer selbst einen Handwerksbetrieb führt und die Abläufe kennt, schätzt auch die Risiken realistischer ein und weiß, warum die Schufa-Auskunft nicht so gut ist – und investiert trotzdem.

Zum anderen haben die technisch hochgerüsteten und automatisierten Onlineportale auch viele Möglichkeiten, die Bonität von Kreditnehmern zu ermitteln, wie Michel Harms, Betreiber der Informationsseite crowdfunding.de, betont. Sie sehen beispielsweise, wie sich jemand auf der Website bewegt und können weit mehr Daten miteinander verknüpfen als klassische Banken. Harms schrieb 2007 zunächst eine Masterarbeit zu den neuen Finanzportalen – damals noch in den USA und Großbritannien – und begleitet mit seiner Seite seit 2011 auch den deutschen Markt. Unter anderem gibt er auch das Crowdfundig-Barometer heraus.

Keine Ausschlüsse mehr

Anbieter Auxmoney hat sogar ein spezielles Verfahren entwickelt, das die Schufa-Auskunft und das herkömmliche Rating ergänzt, wie Vorstand Andreas Barthelmess erläutert. Der Vorteil für die Kunden: Standardisierte Kreditausschlüsse von Selbstständigen oder Gründern – wie bei Banken üblich – gibt es bei Auxmoney nicht. Das bedeutet, anfangs fallen deutlich weniger Interessenten durch das Raster. Die Verbliebenen werden dann aber genau geprüft. Das Ergebnis: „Über vier Millionen mehr Menschen bekommen so Zugang zu Krediten“, kommentiert Felix Hasse bei PwC die Studienergebnisse.

Das genaue Scoring hat sogar noch einen weiteren Vorteil, wie Barthelmess von Auxmoney erläutert: „Dadurch, dass wir unsere Zielgruppen besser verstehen, bieten wir günstigere Konditionen an.“ Die Zeiten, in denen die Crowdportale fast ausschließlich mit sehr hohen Zinssätzen arbeiteten, sind vorbei.

Auxmoney gibt seine Kredite nur an Privatpersonen aus. Barthelmess betont jedoch, dass etwa ein Drittel aller Anträge von Selbstständigen kommen und etwa 40 Prozent des Kreditvolumens für gewerbliche Zwecke genutzt werden. Bis zu 25.000 Euro können Interessenten bei Auxmoney über die Crowd leihen. Andere Plattformen vermitteln höhere Beträge oder sie wenden sich direkt an Unternehmenskunden (siehe Tabelle links).

Insgesamt, findet auch Berater Harms, ist die Konkurrenz aus dem Netz gerade für kleine und mittelere Unternehmen von Vorteil. Sie haben einen schnelleren Zugang, können vergleichen und kommen in sehr vielen Fällen auch günstiger an Geld als früher. Wer bei den Banken durchfiel, konnte den Dispo überziehen oder die Kreditkarte belasten – mit hohen Zinsen, selbst in der jetzigen Niedrigzinsphase. Beim Peer-to-Peer-Lending ist es günstiger und langfristig wird es damit auch den Banken schwerer fallen, hohe Zinsen am Markt zu halten.

Unternehmerin Helbing ist nach wie vor von diesem Weg überzeugt. 2015 stockte sie ihren Kredit noch einmal auf – zu besseren Konditionen als beim ersten Mal. 2017 plant sie einige Umbauten in ihrem Friseursalon – und ist sicher, die Crowd auch hierfür gewinnen zu können.

Finanzierung: Welche Möglichkeiten die Crowd bietet

Neben Crowdlending, also der klassischen Kreditvergabe, gibt es drei weitere Schwarmvarianten. Je nach Art des Rückflusses reichen die Möglichkeiten von Eigenleistung bis Eigenkapital.

Crowd Donation

Einfachste Form der Schwarmfinanzierung. Geldgeber bekommen kein Geld zurück, sie spenden. Eingesetzt wird diese Form vor allem im sozialen Bereich.

Einschätzung: Fürs Handwerk nicht geeignet.

Marktanteil Deutschland 2015: 10,4 Mill. Euro

Reward based Crowdfunding

Beim Crowdfunding im eigentlichen Sinn erhalten die Investoren ebenfalls kein Geld zurück, sondern ein Produkt oder eine Gegenleistung. Diese Form der Schwarmfinanzierung wird daher auch als kreativer Vorverkauf bezeichnet.

Einschätzung: Nach Meinung von Experten gut fürs Handwerk geeignet.

Marktanteil Deutschland 2015: 21,1 Mill. Euro

Crowdlending

Klassische Kreditvergabe mit festen Laufzeiten, feste monatliche Zins- und Tilgungsraten.

Einschätzung: Fürs Handwerk gut geeignet.

Marktanteil Deutschland 2015: 184,7 Mill. Euro

Crowdinvesting

Bei dieser Form werden die Unterstützer tatsächlich am Unternehmenserfolg beteiligt. Während der Laufzeit und nach Kündigung des grundsätzlich unbefristeten Beteiligungsvertrages erhalten sie ihr Geld zurück. Die Höhe bemisst sich nach dem Erfolg.

Einschätzung: Im Handwerk für größere Betriebe geeignet. Das eingesammelte Geld wird üblicherweise dem Eigenkapital zugerechnet.

Marktanteil Deutschland 2015: 23,7 Mill. Euro

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  • Crowdfinanzierung für Handwerker (PDF, 79 kB)

    Je nach Höhe des Finanzbedarfs gibt es verschiedene Formen und Anbieter für die Crowdfinanzierung. Dabei unterscheiden sich die Portale nach angesprochenen Zielgruppen, Kreditsummen, Voraussetzungen und mehr...

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