Finanzierung über die Crowd Crowdfunding im Handwerk: Wenn viele ein Projekt finanzieren

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Crowdfunding

Wer eine Idee, aber nicht ausreichend Geld für die Umsetzung hat, kann die Schwarmfinanzierung dafür nutzen. Auf Finanzierungsplattformen treffen sich Geldsuchende und Geldgebende.

Michael Kessler (r.) und Philipp Lyding, Geschäftsführer von Hero-Software, Hannover.
Michael Kessler (r.) und Philipp Lyding, Geschäftsführer von Hero-Software, Hannover. – © Franz Fender

Michael Kessler ist ein Wiederholungs­täter: „Ich habe zum zweiten Mal eine Gründung und den Unternehmensaufbau über die Crowd finanziert – es ist die für mich passende Art, Geld einzusammeln“, sagt er. Tatsächlich ist es für Gründer oft die einzige Art, an Geld zu kommen, denn Banken finanzieren Start-ups selten. „Sie haben aus Bankensicht ja nichts Zählbares vorzuweisen“, so Kessler.

Sein erstes Unternehmen war ein Portal zu energetischen Gebäudesanierungen, das er über die Plattform Companisto finanzierte. Seit 2017 arbeitet er an Hero-Software: eine Bürosoftware für Handwerker, die eine ganzheitliche Abwicklung von Projekten ermöglicht. Kessler finanziert per Crowdinvesting: Er hat sein Unternehmen mit den relevanten Daten wie Business- und Finanzplan auf die Plattform gestellt. Geldgeber – Angel Investoren, andere Unternehmer oder Kleinanleger – schauen sich das Angebot an und investieren, wenn sie an den Erfolg des Vorhabens glauben. Direkt oder indirekt erhalten sie Anteile am Unternehmen oder geben ein Darlehen, das verzinst und zurückgezahlt wird.

Nicht immer ist es eine Gründung, für die Geld gesucht wird. So hat die Bäckerei Johannes Ruf aus St. Peter beispielsweise einen Natursteinbackofen für 100.000 Euro über die Plattform Portagon mit einem Kredit über drei Jahre finanziert. Geboten wurden zwei Prozent Zinsen plus zwei Prozent Warengutschein pro Jahr. In nur fünf Tagen hatte das Unternehmen mit 30 lokalen Investoren das Fundingziel erreicht – und die Aktion werblich genutzt, um Kunden zu binden.

Crowdfunding ohne Rendite

Anders als das Crowdinvesting ist die Idee des spenden- oder gegenleistungsorientierten Crowdfundings. Hier geht es vor allem um die Finanzierung gemeinnütziger Projekte. Geldgeber sind am Projekt interessiert und erhalten meist weder ihr Geld zurück noch Zinsen. Stattdessen bekommen sie Perks oder Rewards – also ein Dankeschön für ihr Engagement. Beispiel: Auf der Plattform betterplace.org läuft die Spendenaktion Die Arche: Mittagstisch für bedürftige Kinder. Wer Geld gibt, bekommt eine Spendenbescheinigung und hat ein wertvolles Projekt unterstützt.

Ein Markt in Bewegung

Die Schwarmfinanzierung ist bei der Generation „Digital Natives“ überdurchschnittlich bekannt, das Verständnis für diese Finanzierungsform ist in den vergangenen sieben Jahren rasant gewachsen und auch immer mehr Menschen haben persönliche Erfahrung mit dieser Form der Finanzierung, so die Ergebnisse der Studie Crowdfunding-Barometer 2021“, die jährlich im Auftrag der Plattform Crowdfunding.de durchgeführt wird. Rund 33 Prozent der 1.000 Befragten können sich vorstellen, über die Crowd Geld zu investieren oder zu verleihen, um eine Rendite zu erzielen. Allerdings haben sich bisher lediglich 4,1 Prozent an einem Rendite-Crowdfunding beteiligt. „Der Markt entwickelt sich beständig weiter, viele Anbieter haben mittlerweile zehn Jahre Erfahrung und sich über die Jahre kontinuierlich professionalisiert. Vertragswerke wurden weiterentwickelt, die Benutzerfreundlichkeit verbessert und auch die Auswahl der Finanzierungsprojekte optimiert”, sagt Christin Friedrich, Geschäftsführende Gesellschafterin von Innovestment.

Plattformen haben Themenfokus

So verschieden die zu finanzierenden Vorhaben sind, so verschieden sind die anbietenden Crowdplattformen – und die dahinterstehenden Konzepte (siehe Download).

So gibt es Plattformen, die sich auf die Finanzierung nachhaltiger Projekte fokussiert haben, wie etwa winwin und Innovestment, andere finanzieren überwiegend Start-ups – so etwa die Plattformen Seedmatch und Copmpanisto, wieder andere decken den Bereich Gesundheit ab oder sind auf Immobilien konzentriert – so die Plattformen Exporo und Bergfürst. „Wir sorgen für die Finanzierung von Projekten zwischen zehn und 50 Millionen Euro Bauvolumen“, erzählt Bergfürst-Inhaber Dr. Guido Sandler. Zu ihm kommen Projektentwickler, die von ihrer Bank eine Kreditzusage für einen Teil der Finanzierung haben. „Anstatt den Restbetrag aus dem Eigenkapital zu finanzieren, nutzen sie die Crowd. Damit verbleibt ihnen mehr Eigenkapital, um weitere Projekte zu entwickeln“, erklärt er.

Allen Anbietern ist aber gleich, dass sie lediglich als Treffpunkt dienen – sie sind nicht Teil des Vertrags, wenn er zwischen Geldgebenden und Geldnehmenden zustande kommt. Das Geld fließt meist – eine Ausnahme bilden die spendenbasierten Fundingprojekte – auf ein Treuhandkonto, sodass es getrennt ist vom Vermögen der Plattform. Auch Zinshöhe und Auszahlungsmodalitäten sind bei den Anbietern und Projekten unterschiedlich. Manche bieten eine Sofortverzinsung ab Einzahlung an, bei Start-ups wird oft erst am Ende der Finanzierungslaufzeit ausgezahlt, da sie das Geld benötigen, um zu investieren.

So präsentieren sich Betriebe

Wer sein Projekt auf einer Plattform präsentieren möchte, wird bei allen Anbietern persönlich beraten oder durch einen Anforderungskatalog und eine Eingabemaske unterstützt. Meist gibt es sowohl Rahmenbedingungen als auch eine Vorabprüfung des Geschäftsmodells durch den Plattformbetreiber. Damit wird sichergestellt, dass nur Projekte mit Potenzial veröffentlicht werden. Bei Innovestment sorgt das Vorabscreening bespielsweise dafür, dass ausschließlich Projekte mit großer Innovationstiefe, Nachhaltigkeit und solider finanzieller Basis veröffentlicht werden.

Richard Liehmann hat es mit seinem Start-up Inpera auf das Portal von Companisto geschafft. „Die Vorabanalyse ist sehr streng“, erzählt er. Doch er konnte mit seiner neu entwickelten Cloud-Software für Planer, Bauunternehmer, Händler und Hersteller überzeugen. „Um uns den Investoren zu präsentieren, mussten wir unseren Businessplan vorlegen und ein richtig professionelles Video drehen, in dem wir die Geschäftsidee erklären“, erzählt er. In einer geschlossenen Finanzierungsrunde innerhalb des Netzwerks von Companisto – also im nicht öffentlichen Bereich – hat er einen sechsstelligen Eurobetrag eingesammelt. „Wir haben ausschließlich die geschlossene Runde gewählt, da wir den Aufwand und die Risiken der Kommunikation einer öffentlichen Runde vermeiden wollten“, erzählt Richard Liehmann. Dies ist eine Besonderheit von Companisto: Ein Projekt wird im internen Netzwerk der Plattform, also bei Business Angel und professionellen privaten Investoren präsentiert. „Diese Investoren beteiligen sich meist mit größeren Summen und helfen mit ihrem Know-how“, erzählt Liehmann.
Auch Hero-Gründer Michael Kessler hat zunächst eine geschlossene Finanzierungsrunde durchgeführt – dann allerdings noch eine offene angeschlossen, „weil das Interesse der Anleger so groß war und nicht jeder zum Zuge gekommen war,“ erklärt er. Bei diesen Runden erscheint das Projekt auf der Homepage von Companisto, sodass sich auch Kleinanleger beteiligen können. Schöner Nebeneffekt: Die Bekanntheit des Unternehmens steigt.

Die Vorteile der Crowd

Die Crowd hilft Menschen mit Ideen bei der Umsetzung ihrer Vorhaben. Sie liefert ihnen auch frühzeitig wertvolles Feedback, ob ihr Vorhaben den Markt überzeugt: Gelingt es nicht, ausreichend viele Unterstützer zu finden, hat der Kapital­suchende einen frühen Hinweis dafür bekommen, dass sein Produkt nicht marktfähig ist. Andererseits gilt: Gelingt die Finanzierung, hat das Unternehmen in seinen Geldgebern Unterstützer gefunden, die meist auch in ihrem Umfeld positiv über die Geschäftsidee berichten und die gute Idee so weitertragen.

Für Kapitalgeber ist die Crowd die Möglichkeit, sich mit kleinen Summen an mehreren Unternehmen zu beteiligen und von ihrem Wachstum zu profitieren. Zudem können sie Vorhaben zum Erfolg verhelfen, die sie für besonders wertvoll halten. Dies wird oft von Unternehmern, auch aus dem Handwerk, genutzt, um Lösungen für ein betriebsinternes Problem zu fördern. „Wir haben beispielsweise Handwerksunternehmer unter unseren Geldgebern, die unsere Lösung schon intensiv nutzen und bei der Weiterentwicklung wertvollen Input geben“, erzählt Kessler, der inzwischen rund 1.000 Kunden hat und erfolgreich am Markt ist.

Die Nachteile der Crowd

Für Projektanbieter kann die Öffentlichkeit ein Nachteil der Crowd sein: Wer öffentlich Geld einsammeln möchte, muss seine Idee im Detail präsentieren – auch Nachahmer und die Konkurrenz können dies sehen. Zudem kostet die Nutzung der Plattformen Geld: meist eine Einrichtungsgebühr (Set-up Fee), oft zusätzlich eine Provision (Mangament Fee) plus eine Servicegebühr.

Das größte Risiko für Geldgeber liegt im Projekt – insbesondere bei Start-ups: Bleibt der Erfolg aus, kann der Geldgeber sein Kapital verlieren. Wer ein Darlehen vergibt, muss sich des Totalverlustrisikos bewusst sein. Schließlich tragen Investierende das unternehmerische Risiko mit. Transparenz ist deshalb wichtig. Und es gilt: „Umso höher der versprochene Zins, desto höher ist das Risiko“, betont Christin Friedrich. „Ich rate Investoren, Geld nur in Unternehmen zu stecken, deren Geschäftsmodell sie genau verstehen. Zudem ist es wichtig nicht alle Eier in einen Korb zu legen, sondern sich ein diversifiziertes Portfolio aufzubauen und damit Risiken zu streuen.”

Definitionen: Was die Crowdbegriffe bedeuten

Patrick Hartmann
Patrick Hartmann, Geschäftsführer der EPH Investment GmbH. – © Exporo Propvest


Da es keine gesetzliche Definition der verschiedenen Crowdbegriffe gibt, werden sie in Medien und Literatur oft mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Patrick Hartmann, Geschäftsführer von EPH Investment GmbH erklärt, was sich hinter den Begriffen verbirgt.

  • Crowdfunding: Auch Schwarmfinanzierung oder Crowdfinanzierung genannt. Oberbegriff für sämtliche Finanzierungsformen, die online von vielen Menschen über eine Plattform für ein konkretes Projekt getätigt werden.
  • Spendenbasiertes Crowdfunding: Viele Menschen geben über einen bestimmten Zeitraum online über eine Plattform Geld für ein konkretes Projekt, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.
  • Gegenleistungsbasiertes Crowdfunding: Viele Menschen geben über einen bestimmten Zeitraum online über eine Plattform Geld für ein konkretes Projekt und erhalten im Gegenzug eine unentgeltliche Gegenleistung, zum Beispiel in Form eines Produktes, Merchandising, Vorkaufsrechts (innovatives Produkt, Film, Musik).
  • Crowdinvesting: Viele Menschen geben über einen bestimmten Zeitraum online über eine Plattform Geld für ein konkretes Projekt für eine feste Verzinsung, die an den Erfolg des Projektes oder der Unternehmung gebunden ist Immobilienprojekte, Start-ups, klein- und mittelständische Unternehmen, ökologische Projekte).
  • Crowdlending: Ähnlich wie beim Crowd-investing geht es um die Rendite, die mit dem Geldeinsatz erzielt werden soll. In der Regel ist hier der Kredit der eigentliche Bestandteil des Vertrags und nicht ein Projekt. Daher gibt es für Crowdlending auch die Bezeichnung „kreditbasiertes Crowdfunding“ beispielsweise bei P2P-Krediten (von privat an privat), aber auch bei Immobilienfinanzierungen.
  • Crowdsourcing: Crowdsourcing hat nichts mit einer Finanzierung zu tun. Hier geht es um Schwarmintelligenz, nämlich das Zusammentragen von Wissen von vielen Menschen. Das bekannteste Beispiel: Wikipedia.