Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 14. Folge VOB: Warum ein Obermonteur in der Funktion „Mädchen für alles“ ein Problem sein kann

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Auftragsabwicklung, Baurecht und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe

Geschäftsführer eines Handwerksbetriebs sind nur selten auf einer Baustelle und müssen sich entsprechend auf das Team vor Ort verlassen können. Leider verstehen dabei vor allem Architekten und Planer, häufig aber auch der Geschäftsführer, die Funktion des Obermonteurs falsch. Im Grunde ist er der wichtigste Spieler auf dem Feld – und nicht etwa der „Hampelmann“ des Bauherrn! Was gilt es also zu tun, wenn der Obermonteur plötzlich zum „Mädchen für alles“ der Baustelle wird? Und was sagt die VOB dazu? Kolumnist Andreas Scheibe erklärt den Sachverhalt in der 14. Folge von „Professioneller Bauablauf“.

Kolumnist Andreas Scheibe erklärt in der 14. Folge von “Professioneller Bauablauf“, was laut VOB zu tun ist, wenn der Obermonteur plötzlich zum Meister der Baustelle wird
Was ist zu tun, wenn der Obermonteur plötzlich zum „Mädchen für alles“ der Baustelle wird? Kolumnist Andreas Scheibe weiß Rat und zwar in einer neuen Folge von “Professioneller Bauablauf“. – © kalou1927 – stock.adobe.com

„Der Obermonteur ist hilfsbereit und löst Probleme. Gemeinsam mit dem Planer läuft er gern ausgiebig über die Baustelle, um diese so besser koordinieren, Unklarheiten beseitigen und Fehler ausbügeln zu können. Es soll ja immerhin zügig vorangehen!“ Dieses Szenario klingt bekannt und im Grunde auch praktikabel, ist allerdings doch sehr falsch. Warum? Ich will es Ihnen erläutern.

Der Obermonteur als hilfsbereiter Problemlöser?

Grundsätzlich soll der Obermonteur ein hilfsbereiter Problemlöser sein – das stimmt soweit! Allerdings kommt von nichts eben auch nichts. Und mit „nichts“ meine ich in diesem Zusammenhang natürlich Geld. Genau wie Sie muss auch Ihr Obermonteur nicht jederzeit springen und kostenlos jede anfallende Aufgabe übernehmen. Um diesen Sachverhalt besser verstehen zu können, hier mal ein Beispiel: das Koordinieren der Baustelle ist nicht die Sache des Handwerkers bzw. des Obermonteurs, sondern die alleinige Aufgabe des Bauherren-Teams aus Architekt und Planer. Das ist ein Fakt, der sogar in der VOB Teil B Paragraph 4, Absatz 1 so steht. Dort heißt es, dass der Auftraggeber (bzw. sein Erfüllungsgehilfe) das Zusammenwirken der verschiedenen Unternehmer zu regeln hat. Am liebsten wird diese so wichtige Aufgabe allerdings dem Obermonteur zugeschoben. Und zwar meist erst recht, wenn der mit einer ohnehin mangelhaften Ausführungsplanung seitens Fachplaner arbeiten muss.

Mr. Planlos ist wieder am Werk

Was wir in einer solchen Situation also haben, ist vor allem einen Haufen Unklarheiten aus den Ausführungsunterlagen (AFU) und einen sowohl faulen als auch dreisten Fachplaner, der dem Obermonteur den Schwarzen Peter zuschiebt – mit den schmeichelnden Worten: „Du bist der Fachmann, hast du da nicht eine Lösung?“ Und natürlich hat der patente Obermonteur passende Lösungen für die vielen Patzer unseres geliebten „Mr. Planlos“ parat, doch jetzt kommt der entscheidende Punkt: Diesen Weg so zu gehen, ohne adäquate Bezahlung für den Obermonteur, darf einfach nicht sein!

Was der Chef will …

An genau dieser Stelle fehlt oftmals jegliches Verständnis für die eigentliche Position und Funktion des Obermonteurs. Mal eben einspringen und helfen ist ja schön und gut, doch der schlaue Obermonteur weiß, was sein Chef im Büro will, nämlich prall ausgefüllte Stundenlohnzettel. Im Idealfall stehen da Sätze drin wie zum Beispiel: „Ursprünglich sollte nach Ausführungsunterlagen/Montageplanung gearbeitet werden“ oder bei besonderen Leistungen „Nach Bauabsprache vor Ort von der Bauleitung festgelegt“. Sind alle Zettel vom Bauherrn abgesegnet und werden – natürlich in Absprache mit ihm – auch zu hohen Stundensätzen abgerechnet, ist allen geholfen. Dem Bauherrn durch Sicherstellung des reibungslosen Werkerfolgs und dem Handwerker durch klingelnde Kassen sowie dem nötigen Respekt für die Arbeit seines Obermonteurs.

… und was der Obermonteur wissen sollte

Aber wie sieht die Realität tatsächlich aus? Und was meine ich damit, wenn ich sage die Aufgaben des Obermonteurs werden falsch verstanden? In der (ernüchternden) Regel versteht sich der Obermonteur als „Mädchen für alles“, doch eigentlich sollte er „lediglich“ der verlängerte Arm seines Chefs sein. Praktisch bedeutet das, dass der Obermonteur das Leistungsverzeichnis (LV) und damit auch den Vertrag als auch das Bausoll kennen muss. Entsprechend sollte er genau wissen, wann und in welchem Punkt die Baustelle vom Bausoll abweicht. Was also im LV beschrieben ist, muss natürlich auch in der Wirklichkeit vor Ort genauso vorzufinden sein. Aber jeder Handwerker weiß: In der Praxis trifft das fast nie zu.

Eine Änderung des Bausolls und ihre Folgen

Und jetzt kommt der Clou: Unsere neue Grundregel lautet: eine Änderung des Bausolls bedeutet immer auch eine Änderung der Vergütung. Denn was nicht bekannt war, konnte nicht kalkuliert und auch nicht in eine Montageplanung eingearbeitet werden. Kurzum: eine Bausolländerung führt zu Mehrarbeit und damit auch zu einem Anspruch auf Mehrvergütung. Allerdings muss das ein Obermonteur auch überreißen! Und wenn ein Obermonteur nicht weiß, was er alles zu dokumentieren und zu melden hat, dann kann auch sein Chef im Büro keine Mehrvergütung geltend machen. Denn wir wissen alle: Zwischen Baustelle und Büro geht in Sachen Kommunikation schon mal was verloren – und das kann mitunter viel Geld kosten!

Gut geschult, zahlt sich aus

Eine vertrauensvolle Verbindung zwischen Obermonteur und Chef ist also von hoher Bedeutung. Mein Appell lautet daher: Schulen Sie Ihre Obermonteure in den Themen VOB/C als auch in Sachen Dokumentation. Denn nur, wenn Ihre Leute vor Ort Ansprüche erkennen und richtig dokumentieren, können Sie sie zu Geld machen. Und das besser heute als morgen!

Über Autor Andreas Scheibe:
Andreas Scheibe
© Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (lücken-im-lv.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

„Stark im Handwerk“ – das Buch von Andreas Scheibe

Im August 2021 ist das erste Buch „Stark im Handwerk“ von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die VOB voller Potenzial, aber auch Geld steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, „doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen“, erklärt Scheibe. „Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht!“

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte eines Handwerkers als auch auf dessen Pflichten zu sprechen. Denn genau diese stehen so im Detail in der VOB. Diese ist jedoch kompliziert und daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Forderungen sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de