Politik -

Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Fluglinien retten, Familienbetriebe opfern – sortiert die Politik die Wirtschaft neu?

"Die Medizin wehrt sich gegen die Bewertung von menschlichem Leben. Dies ist korrekt und entspricht dem hippokratischen Eid", sagt unsere Kommentatorin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg. "Aber gibt es in der Gesellschaft auch eine politische Ethik, die den Mittelstand schützt?" – dieser Fragestellung nimmt sie sich in der aktuellen Folge Ihrer Kolumne "Neues von der Werkbank" an.

Topic channels: TS Kolumne Ruth Baumann und TS Coronavirus

Eine Pandemie bringt die Planbarkeit und die Business Pläne unseres ach so geregelten Lebens einfach durcheinander. Soziale Kontakte, Kinderbetreuung, Schulunterricht, Arbeitswege, Besuche von Gaststätten und nicht zuletzt auch die so geliebten Urlaube sind keine Fixpunkte im langweiligen Alltag mehr, sondern entfallen schlicht. Dadurch erhalten sie plötzlich eine Wertschätzung und Wichtigkeit, die zuvor kaum spürbar war. Mit einem außerordentlichen Tempo wurden Dinge auf den Weg gebracht, die man den Verwaltungen so bis dato kaum zugetraut hatte, die aber natürlich den Schaden allerorts begrenzen sollen. Endlich wird die Gesundheit als höchstes und nicht selbstverständliches Gut (an) erkannt und der Wirtschaft auch eine Existenzberechtigung zugebilligt. Viele unterschiedliche Hilfen wurden aus dem Boden gestampft, die sicherlich auch manche Begehrlichkeiten weckten.

Sind die Ehrlichen am Ende die Dummen?

Besonders klein- und mittelständische Betriebe haben aber zunächst keine Unterstützung beantragt, da sie hofften, die Krise aus eigener Kraft meistern zu können. Zudem waren sie so moralisch und haben das Kleingedruckte in den Formularen gelesen. Ganz nach dem Motto: Nein, so schlimm ist es bei uns noch nicht und daher werden wir erst die eigenen Ressourcen aufbrauchen, bevor wir etwas beantragen. Manche Antragsfristen enden am 31.05.2020 und was passiert dann? Sind die Ehrlichen am Schluss die Dummen, weil sie Scham und Verantwortungsbewusstsein hatten?

Der (fatale) Unterschied der Größenordnungen

Die Folgen der Krise sind nicht auf den Sommer 2020 begrenzt, sie werden länger spürbar sein. Dies wird nun so bereits auch in der Öffentlichkeit kommuniziert. Bei den großen Zahlen und Zusagen, die aktuell die Runde machen, hat man Angst, dass die Gießkanne auch mal irgendwann leer sein könnte oder die Befürchtung, dass Geld mittlerweile zu bedrucktem Papier mutiert ist. Während Konzerne wie Adidas oder Lufthansa in Größenordnungen schwelgen, die bei Mittelständlern „Schnappatmung“ auslöst, sollen andere Betriebe (ohne exakte Definition) im Rahmen von Green Deal oder den Ergebnissen des Petersberger Klimadialogs zur ‚ökologischen‘ Wirtschaft umgebaut werden. Ich vermute, dass man hierbei genau an die Unternehmen denkt, die das Steueraufkommen für das Wiedererstarken der Wirtschaft bringen sollen.

Auswirkungen auf die Solidargemeinschaft

Die Luft wird dünner, erste Ansätze sind spürbar. Karstadt zahlt, wie der Presse zu entnehmen war, keine Betriebsrenten mehr. Falls eine Insolvenz folgt, wird diese Auswirkungen auf die Solidargemeinschaft des Pensionssicherungsvereins haben. Heißt konkret: mancher Mittelständler, der ebenfalls Betriebsrenten bezahlt, ist mit im Boot. Solidarisch wird er den Bescheid über den Beitragszuschlag nicht nur erhalten, sondern auch begleichen dürfen. Hoffen wir, dass er bei Zeiten auch Rücklagen gebildet und seriös gewirtschaftet hat. Beim Aufbau von Eigenkapital lag ja bis dato die Messlatte hoch. Familienbetriebe, die ihren Betriebsstandort in Deutschland nicht gegen die verlockenden Steuergesetze anderer Länder getauscht haben oder tauschen konnten, verdienen in den kommenden Monaten oder Jahren Klartext und Unterstützung. Wer Angst haben muss, vom Leistungserbringer zum Leistungsempfänger zu werden, agiert vorsichtig. Eigentlich bedarf das wirtschaftliche Leben nur weniger Leitplanken: wird ein Produkt oder Leistung vom Markt nicht nachgefragt, wird es verschwinden.

Viele Betriebe für einen opfern?

Der Lockdown hat nicht nur in der Gastronomie und im Einzelhandel massive Auswirkungen, deren Ursachen nicht in unternehmerischen Fehlentscheidungen liegen. Es wäre fatal, eine Vielzahl an Betrieben zu opfern, um an anderer Stelle um so großzügiger zu sein. Es wäre fatal, wenn man in der Politik glaubt, nur Betriebe gemäß dem eigenen Wertekanon sind ethisch oder schützenswert. Dann dürfte wahrscheinlich der Konsumgutschein, der kürzlich von einer Oppositionspartei angedacht wurde, nur in gegenderten Betrieben mit veganer Produktpalette und E-Mobilität eingelöst werden. Bevor also die Betriebe die Ärmel hochkrempeln, sollte es also Informationen darüber geben, ob der Kieslieferant ein Rohstoffmörder ist, der Metzger ein Tierhasser, der Heizungsbauer die Erderwärmung begünstigt oder der Bäcker für Monostrukturen von Ackerflächen verantwortlich ist. Und der Start der Medizintechnik würde sicher auch motivierter verlaufen, wenn Mittelständler dem Zertifizierungswahn aus Europa nicht geopfert werden sollen.

Ein Motor, der mithilfe aller wieder anspringt

Handwerk, Familienbetriebe oder kleinteilige Landwirtschaft stehen für Innovation, Tradition, Regionalität und eine Wirtschaftskraft, die aus diesen Wurzeln heraus auch globale Bedeutung mittels vieler Betriebe erlangen konnte. Sie stehen nicht nur in Europa für den Betriebsstandort Deutschland, sondern auch mit ihren Mitarbeitern für zahlreiche Arbeitsplätze und Steueraufkommen. Passt also auf sie auf, vergesst sie nicht in der aktuellen Situation, denn sie sind es, die für Wohlstand sorgen. Der Motor wird mit der Hilfe aller auch wieder anspringen, aber nur, wenn man ihnen den Glauben an die eigene Schaffenskraft durch verlässliche Rahmenbedingungen lässt. Wer es glaubt besser zu wissen, muss es dann auch ohne diese Unterstützung stemmen.

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