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Digitalisierung "Die Jungen wissen mehr vom Markt als ihre Chefs"

Ab 2020 sind die Digital Natives in der Mehrheit, sagt Trendforscher Peter Wippermann. Diese „Generation Z“ weiß, wie sich Betriebe digital optimal aufstellen.

Themenseiten: TS Zukunftsperspektiven im Handwerk und TS Digitalisierung

Peter Wippermann ist als Keynote- Speaker zur Präsentation der Studie „Handwerk 2025“ des Baden-Württembergischen Handwerkstages ins Stuttgarter Haus der Wirtschaft eingeladen. Als Trendforscher beschäftigt ihn die Frage: Wie verändert die junge Generation die Arbeitswelt – und umgekehrt. handwerk magazin traf Wippermann vor der Veranstaltung zum Gespräch.

Wie unterscheidet sich die junge Generation, die jetzt in die Betriebe einsteigt, von der Generation davor?

Peter Wippermann: Die „Generation Y“, also die heute bis Mitte Dreißigjährigen, sind von den Baby-Boomern erzogen und geprägt worden. Die Baby-Boomer hatten wenig Probleme, sind in boomenden Zeiten aufgewachsen und gaben ihren Kindern viel Mut und Selbstvertrauen mit. Arbeit und Freizeit haben sich in der Zeit vermischt. Die beruflichen und privaten Optionen nahmen zu und es fand die Individualisierung der Lebensführung statt.

Das sind aber nicht die ganz Jungen?

Richtig, das ist die „Generation Z“, die ab dem Jahr 2000 geboren ist. Sie wurde von der „Generation X“ geprägt, die im Nachkriegsdeutschland die erste Generation war, die mit Krisensituationen konfrontiert wurde und der Erkenntnis, dass die Wachstumseuphorie nicht langfristig durchzuhalten ist. Eine insgesamt sehr skeptische Generation.

Generation Z: extrem selbstbewusst, konservativ und gleichzeitig pragmatisch

Was machen deren Kinder anders?

Die „Generation Z“ ist extrem selbstbewusst, konservativ und gleichzeitig sehr pragmatisch. Sie wollen auf jeden Fall ihr eigenes Leben gründen und eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Sie möchten einen deutlichen Tauschhandel: Gute Leistung für gutes Geld. Dafür aber Verbindlichkeit. Der Handel erfolgt nicht mehr zwischen Freiheit und Lifestyle, sondern sehr ökonomisch über das Geld.

Was bedeutet das für deren Chefs?

Der Vorteil ist, dass die „Generation Z“ mit digitalen Geräten groß geworden ist. Sie weiß, wie man sich vernetzt. Sie hat deshalb eine Ahnung, wie sich die zukünftigen Kunden entwickeln und wie man ein Unternehmen organisiert, das zunehmend mit allen Teilnehmern und Partnern vernetzt ist. Dieses Know-how kann die „Generation Z“ sehr gut in die eigene Arbeit integrieren.

Die Jungen wissen also mehr vom Markt und den Kunden als ihre Chefs?

Ja, zumindest bei der neuen Kommunikation. Das Thema ist hier „Reverse Coaching“. Das bedeutet, dass sich die Richtung umdreht: Die Jungen coachen in diesen Fragen ihre Vorgesetzten. Und die wiederum coachen die Jungen bei allen handwerklich-fachlichen Fragen.

Viele unterstellen den Jungen, sie seien nur wenig leistungsbereit und eher freizeitorientiert.

Das Streben nach Sicherheit bedeutet für die „Generation Z“, dass sie dann leistungsbereiter ist, wenn sie dafür eine Perspektive und eben auch ein anständiges Gehalt bekommt.

Viele Betriebe vermarkten eigene Position zu schlecht

Können die Betriebe im Handwerk diese Erwartung erfüllen?

Die Betriebe im Handwerk können das sehr gut leisten, da sie traditionell eher personengetrieben und keine anonymen Finanzkonglomerate sind. Langfristig zu denken ist hier selbstverständlich. Es gibt zwei Kernfragen. Erstens: Kann man Mitarbeitern etwas mehr Geld und eine langfristigere Perspektive anbieten? Und zweitens: Wie bekommt man diese Mitarbeiter? Den meisten Handwerksbetrieben fehlt die Selbstverständlichkeit und das Wissen, wie man mit Social Media umgeht und wie man die eigene Position vermarktet. Hier kann die „Generation Z“ helfen. Denn Storytelling für den Handwerksbereich macht sie sehr gerne. Und das ist gleichzeitig ein geldwerter Vorteil für die Firmen.

Die Jungen bringen also ein Know-how ein, das die Inhaber selbst nicht besitzen. Entstehen hier Konflikte, wer hier eigentlich wem was beibringt?

Natürlich, denn erfahrene Handwerker stellen auf einmal fest, dass die jungen Leute heute ganz anders sind, als sie in ihrer Jugend waren. Die Idee, dass man von den Jungen etwas lernen kann, nehmen sie vielleicht noch bei den eigenen Kindern wahr, aber nicht bei fremden Jugendlichen. Oft geht es schlicht auch um den Stolz.

Man muss seine Haltung ändern?

Ja, viele Chefs müssen offener werden, sie müssen beurteilen lernen, was ihnen moderne Kommunikation für ihr Unternehmen bringt, und eine Verbindung zu den jungen Mitarbeitern herstellen.

Der Unternehmer muss also verstehen, dass sein Betrieb zunehmend in einem digitalen Netzwerk agiert und die jungen Leute ihm hier helfen können, sich für die Zukunft aufzustellen?

Ja, es geht in der Netzgesellschaft primär um Kommunikation. Und das geht immer nur zwischen Partnern, die sich gegenseitig anerkennen. Die digitale Welt verändert sich extrem schnell. Die Geschwindigkeit des Wandels ist für die Jüngeren eher ein Vergnügen, für die Älteren wird das häufig ausgeblendet.

Verknüpfung von unterschiedlichen Arbeitsstationen über Algorithmen

Bei der Digitalisierung geht es also nicht nur um die Anschaffung von Business-Software, sondern um eine neue Art der Kommunikation?

Genau, und zwar in zwei Richtungen: Erstens, um den Kontakt zu den Kunden nicht zu verlieren. Wir sehen, dass der Einkauf von Handwerksleistung mittlerweile durch die Beobachtung des Marktes im Netz passiert. Und zweitens, um die Arbeitsprozesse zu integrieren. Die Produktwelten verändern sich gerade ziemlich schnell. Das Internet der Dinge etabliert sich. Es geht nicht mehr nur darum, ein neues Verwaltungsprogramm anzuschaffen, sondern um die Verknüpfung von unterschiedlichen Arbeitsstationen über Algorithmen und die Vernetzung zu Lieferanten.

Was tun gegen die Angst vor Veränderung?

Es lohnt sich, das Wissen und den Spaß an der Veränderung als Input ernst zu nehmen – und natürlich einen Erfahrungsaustausch mit Menschen zu ermöglichen, die sich einerseits in der neuen Welt gut auskennen und andererseits in der Welt des Handwerks noch viel zu lernen haben.

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