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Kapitalanlage Unternehmensanleihen: So funktioniert die Anlagealternative zu Staatsanleihen

Wenn sichere Staatsanleihen keine Rendite mehr bringen, suchen auch vorsichtige Investoren nach Anlagealternativen an den ­­Börsen – und treffen dabei oft auf Unternehmensanleihen. Wie sie funk­tionieren, was sie bringen und welche Risiken sie tragen.

Themenseiten: TS Kapitalmarkt, TS Geldanlage und TS Unternehmensanleihen

Das anhaltende Minizins-Umfeld sorgt für Unsicherheit bei Handwerkern: „Wo bekomme ich noch Ertrag für sicher angelegtes Kapital?“ Die Antwort lautet traditionell: bei Tagesgeld. Es eignet sich tatsächlich unverändert für Kapital, das kurzfristig zur Verfügung stehen muss. Knapp über 0,25 Prozent gibt es dafür – gerade mal ein bisschen mehr als nichts.

Für Kapital, das zur längerfristigen Anlage zur Verfügung steht, greifen vorsichtige Investoren oft auf Anleihen sicherer Staaten zurück, wie beispielsweise die der Bundesrepublik Deutschland. Aber: Sie bringen aktuell Minuserträge, ein Investment lohnt sich nicht. „Selbst eine Bundesanleihe mit einer Laufzeit von sieben Jahren bringt derzeit keine Rendite“, erklärt Andreas Meißner, Vermögensberater aus Hamburg.

Grundsätzlich seien Anleihen aber die richtige Anlageklasse, um einen Teil des Kapitals sicher und mit Ertrag anzulegen. Die Alternative zu Staatspapieren sind börsennotierte Unternehmensanleihen (auch Corporate Bonds genannt). „Sie sind umso sicherer, desto finanzstärker das herausgebende Unternehmen ist und umso solider es in seiner Branche dasteht“, erklärt Meißner. Um festzustellen, wie solide ein Unternehmen ist, können Anleger auf die Bewertungen von Ratingagenturen gucken. Sie beurteilen die Ausfallwahrscheinlichkeit der Zins- und Rückzahlung, also letztlich die Bonität eines Anleiheherausgebers – Emittent genannt. Standard & Poors und Moody‘s heißen die großen. Jede Agentur wendet ein eigenes Bewertungsschema an, das im Wesentlichen eine Einteilung in „Investment Grade“ sichere Anleihen und „Non Investment Grade“ oder „Junk“ (Spekulative Wertpapiere) vornimmt. Die Bestnote ist AAA, die schlechteste C, oder D – das Unternehmen ist zahlungsunfähig. Investoren sollten sich auf den Investment Grade konzentrieren .

Welches Unternehmen wählen?

Bei der Auswahl der richtigen Anleihe sind die Branche und die Qualität der Unternehmensführung wichtig. „Der Zins ist nicht das wesentliche Kriterium“, stellt Meißner klar. Hat die Unternehmensführung bereits bewiesen, dass sie sich neue Geschäftsfelder erschließt und sich Veränderungen anpassen kann, sei das ein gutes Zeichen für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Meißner nennt ein Beispiel: „Keiner der früheren Kutschenhersteller baut heute Automobile. Sie haben sich der neuen Technologie verschlossen, das war ihr Ende. Wer heute über den Kauf einer Anleihe eines Autobauers nachdenkt, sollte sich überlegen, ob er dem Benzinmotor vertraut oder ob sein Zielunternehmen fit für neue Antriebstechnologien ist.“ Tipp: Ein kleines Unternehmen in einem innovativen Umfeld, wie etwa der Batterieherstellung, hat großes Kurspotenzial, wenn es einen wichtigen Auftrag an Land ziehen kann. Anleger sollten auf solche Meldungen achten.

Anleihen finden

Wer Geld am liebsten einem Geldinstitut anvertraut, kann sich die Anleihen verschiedener Banken ansehen – und sollte dabei Rating und Zins im Blick haben. „Mit BBB- wird beispielsweise eine Zerobond-Anleihe der Deutschen Bank bewertet. Bei einer Laufzeit bis 2026 bekommen Anleger derzeit eine Rendite von 3,2 Prozent“, erzählt Meißner. Ein Zerobond zahlt keine Zinsen, sondern wird zu einem Kurs unter dem Nennwert der Anleihe verkauft und dann bei Fälligkeit zu 100 Prozent zurückgezahlt. „Derzeit kostet das Papier der Deutschen Bank 78,5 Prozent seines Nennwertes, 2026 wird es zu 100 Prozent zurückgezahlt“, erklärt Meißner. Ob das viel oder wenig ist, müssen Anleger selbst beurteilen – also das Ausfallrisiko einschätzen. „Die Deutsche Bank war mal ein mit A erstklassig bewerteter Schuldner. Fehlmanagement und Schadenersatzklagen haben der Bank geschadet. Das zeigt sich im Rating.“

Zum Vergleich: Das amerikanische Unternehmen PerkinElmer ist ebenfalls mit BBB- bewertet, es erstellt Analysen im Gesundheitssektor. Seine Anleihe mit gleicher Laufzeit rentiert bei zwei Prozent. Und die französische Bank BNP Paribas und die amerikanische JP Morgan Chase rentieren bei 1,25 bis 1,5 Prozent. Das Rating dieser Banken ist zwar höher als das der Deutschen Bank, aber ihre nachrangigen Anleihen werden nur mit BB+, also ein bisschen schlechter als der Zerobond bewertet. Und noch ein Beispiel: Für eine Siemensanleihe mit zwei Jahren Laufzeit gibt es derzeit nur einen Negativertrag. Anders die Anleihe des Transport- und Logistikunternehmens Hapag Lloyd, das in einem konjunkturabhängigen Markt agiert und deshalb einen höheren Ertrag bringt. „Wer Corporate Bonds kaufen will, muss diese Vergleiche anstellen und entscheiden, wem er sein Geld anvertraut“, macht Meißner klar.

Ein besonders gutes Geschäft gelang Tim Winstone, Portfolio-Manager beim Fondsanbieter Janus Henderson Investors im vergangenen Jahr. „Wir haben eine Neuemission des niederländischen Versicherers VIVAT zu 100 Prozent des Nennwerts gekauft, weil wir es für wahrscheinlich hielten, dass VIVAT an ein stärkeres Unternehmen verkauft würde. Der Markt glaubte das auch und sorgte für steigende Kurse, bei 110 Prozent des Nennwerts haben wir verkauft.“

Festzins oder Variabel?

Ob ein Anleger eine Festzinsanleihe oder eine variabel verzinste Anleihe kauft, hängt von seinen Erwartungen ab. Andreas Meißner: „Wer erwartet, dass die Zinsen steigen, sollte eine variabel verzinste Anleihe kaufen. Dann passt sich sein Wertpapier den steigenden Zinsen an. Wer mit fallenden Zinsen rechnet, nimmt besser die feste Zinszahlung mit einer möglichst langen Laufzeit.“

Risiko streuen – Ausfall vermeiden

Ein Verlust des eingesetzten Kapitals ist bei Anleihen möglich. Beispiele für insolvent gewordene Unternehmen, die ehemals gut dastanden, gibt es viele. Karstadt, Praktiker oder Air Berlin sind nur einige von ihnen. Die Air Berlin-Anleihe war ein Totalausfall für die Anleger.

Wer sein Geld sichern will, diversifizier – legt sein Geld also in verschiedene Anlagearten und Wertpapiere an. „Mein Rat ist, dass es keine Einzelposition von mehr als fünf Prozent im Gesamtdepot eines Anlegers geben sollte“, so Meißner, der selbst Manager von zwei Fonds ist. Tipp für Anleger: „Ratingagenturen geben Ausblicke auf Unternehmen, bevor sie ein Rating verändern. Kommt die Meldung ‚Ausblick positiv‘, gucken sich die Profis die Unternehmen genauer an und kaufen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit – Kurssteigerungen sind dann möglich.“

David Simner, Fondsmanager des Fidelity Euro Corporate Bond Fund, sagt zum Marktgeschehen: „Aktuelle Preiskalkulationen preisen eine Rezession für 2019 ein. Das ist jedoch nicht unser Basis-Szenario. Wir sehen, dass viele der Risiken, die den Markt im Dezember erschüttert haben, im ersten Quartal 2019 rasch zurückgehen. Trotz der starken Schwankungen der Kurse glauben wir, dass Investment-Grade-Anleihen der Eurozone im Verlauf des Jahres 2019 im Vergleich zu Staatsanleihen weiterhin ein überlegenes Renditeprofil bieten werden. Wobei die anhaltenden Zinszahlungen den Anlegern angesichts geopolitischer Unsicherheiten und makroökonomischer Schwierigkeiten weiterhin ein Polster bieten.“

Fazit

Unternehmensanleihen sind eine sinnvolle Ergänzung für ein Depot – als einzige Kapitalanlage eines Investors sollten sie aufgrund der Risiken nicht gewählt werden. Setzen Anleger auf solide Unternehmen, behalten sie Investment und die Zinsentwicklung im Blick, stehen Risiko und Ertrag in einem guten Verhältnis. Wer wenig Zeit oder Erfahrung mit Börse und Kapitalanlage hat, wählt besser einen Fonds. Der Manager entscheidet dann über die Titelauswahl und streut das Anlagevermögen über viele verschiedene Papiere .

Merkmale: Was Anleihen sind und wie sie funktionieren

Zinspapiere werden an den Börsen gehandelt. Ihr Kurs schwankt mit der Nachfrage, die umso stärker ist, je höher der verbriefte Zins im Vergleich zum aktuellen Marktzins ist.

  • Die Anleihe ist ein verbriefter Kredit, den der Käufer dem Herausgeber der Anleihe (Emittent) gewährt. Dieser Kredit wird unter verschiedenen Namen an der Börse gehandelt: Schuldverschreibung, verzinsliches Wertpapier, Rentenpapier oder Obligation – all das sind Wertpapiere mit Zinsertrag. Einen Unterschied machen die Bezeichnungen nicht: Laufzeit, Rück- und Zinszahlung des Papiers sind eindeutig festgelegt.
  • Der Zins wird auf den Nennwert (Nominalwert ) der Anleihe gerechnet. Der Zins ist entweder als Prozentzahl festgeschrieben (Festzinsanleihe) oder er schwankt mit einem Referenzzins (variabel verzinste Anleihe).
    Beispiel: Wird eine Anleihe mit ‚Euribor +0,2 %‘ ­angeboten, erhält der Anleger die Euro Interbank Offered Rate (Euribor, der Zins zu dem sich europäische Banken untereinander Geld leihen), plus 0,2 %. Die Kurse der Anleihen schwanken während der Laufzeit, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Liegt der Zins der Anleihe über dem aktuellen Marktzins, steigt die Nachfrage nach der Anleihe und mit ihr der Kurs. Aber: Die Kursbewegungen sind geringer als bei Aktien, da die regelmäßige Zinszahlung und die garantierte Rückzahlung zu 100 % des Nennwertes am Laufzeitende als Stabilisator wirken. Die Kurse werden in Prozent – und nicht in Euro ausgewiesen – und beziehen sich auf den Nennwert.
    Beispiel: Eine Anleihe mit einem Nennwert von 1.000 Euro hat einen Kurswert von 98 % und einen Zins von 2 %. Wer kauft,, zahlt 980 Euro. Während der Laufzeit bekommt der Käufer jährlich 20 Euro Zinsertrag und bei Fälligkeit 1.000 Euro zurück. Naht das Laufzeitende einer Anleihe, nähert sich der Kurs dem Nennwert. Und: Je länger die Restlaufzeit ist, desto stärker reagiert der Börsenkurs der Anleihe auf Marktzinsänderungen.
  • Die Rendite ergibt sich aus dem Kaufkurs, dem Zins, der (Rest-) Laufzeit und der Rückzahlung. Wer zum Nennwert einsteigt und das Papier bis Laufzeitende behält, kassiert den verbrieften Zins. Wer einen Einstiegskurs unter 100 % erwischt, erhält mehr Rendite. Wer über 100 % bezahlt, erzielt weniger Rendite. Hohe Renditen weisen auf einen unsicheren Emittenten hin – die Zinszahlungs- und Tilgungswahrscheinlichkeit schätzen die Marktteilnehmer als gering ein.
  • Das Risiko der Zinspapiere liegt darin, dass der ­Emittent regelmäßig und pünktlich seine Zinsen bezahlt, und dass er die Rückzahlung am Laufzeitende leistet. Wer ein Papier kauft, um es bis zur Endfälligkeit zu behalten, ist von Kursschwankungen nicht betroffen – sie wirken nicht auf die Zinserträge. Kursgewinne kann erzielen, wer während der Laufzeit kauft oder verkauft.

Kaufen an der Börse: Tipps von Vermögensverwalter und Fondsmanager Andreas Meißner

Wer selbst ins Börsengeschehen einsteigen will, sollte die Feinheiten des Handels kennen. Das schützt das Kapital und begrenzt das Risiko eines Verlustes.
  1. Kaufen Sie nur Anleihen, für die täglich ein Ankaufs- und ein Verkaufskurs gestellt werden und bei denen ein täglicher Handel stattfindet.
  2. Kaufen Sie an der Börse, an der der meiste Umsatz stattfindet. Infos dazu finden Sie im Internet beispielsweise bei finanzen.net oder onvista.de
  3. Kaufen Sie mit Kurslimit – also mit konkreter Kursangabe, wenn Kauf- und Verkaufskurs (Geldkurs und Briefkurs) weit auseinanderliegen. Wer ‚günstigst‘ als Order angibt, zahlt unter Umständen viel mehr, als er kalkuliert hat.
  4. Kaufen kostet: Order- und Transaktionskosten werden von den Börsenplätzen und den durchführenden Banken verlangt. Mehr als 0,5 Prozent der investierten Summe sollten es nicht sein.
  5. Fonds werden von Fondsmanagern verwaltet. Sie sind Profis, minimieren Risiken – und kosten natürlich auch Geld. Achten Sie auf die TER (Total Expanse Ratio). Sie gibt die internen Verwaltungskosten eines Fonds an. Sie sollten nicht über einem Prozent liegen. Achten Sie auch auf Kontoführungs- und Ordergebühren. Sie sind unterschiedlich bei verschiedenen Depotbanken. Gleiches gilt für den Ausgabeaufschlag.
  6. Börsennotierte Unternehmensanleihen mit guten Ratings können eine ertragsstärkere und sichere Alternative für Festgeld-Anlagen sein. Als alleiniges Investment eines Anlegers, ohne Risikostreuung auf andere Kapitalanlagen, eignen sich die Papiere aber nicht.

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