Internationale Handwerksmesse
24.02.2016 | Steffen Guthardt/dhz/coh

Digitalisierung: "Wir wollen Handwerksbetriebe infizieren"

Handwerk 4.0 ist das große Thema auf der Internationalen Handwerksmesse. Zur Eröffnung der Messe wurde deutlich, dass das Handwerk ein Vorreiter bei der Digitalisierung sein will. Ob bei Ausbildung oder Arbeitsprozessen - es gibt viel zu tun.

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Bild: © Foto: Schuhmann
Ein Schaufenster für Handwerk 4.0: Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Startschuss ist im März.

"Wer Zukunft will, muss 'Ja!' sagen zur Digitalisierung." Davon ist nicht nur der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer überzeugt, wie er zur Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse 2016 betonte, sondern auch die Spitze des deutschen Handwerks und die Politik.

Schon über 95 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe nutzen laut einer Studie digitale Geräte. Doch oft ist damit eben nur der klassische Computer oder ein Smartphone gemeint. Die Digitalisierung wird jedoch sämliche Arbeitsprozesse erfassen und Wirtschaft sowie Gesellschaft immer stärker prägen.

Kompetenzzentrum Digitales Handwerk startet 

Das glaubt auch Hans Peter Wollseifer (Foto) , Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. "Wir müssen die Betriebe mit der Digitalisierung infizieren - im positiven Sinne", sagte Wollseifer in der Diskussionsrunde zum Auftakt der IHM. Die Bundesregierung unterstützt die Pläne des Handwerks, wie Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin und Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, unterstrich.

So geht Anfang März ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Kompetenzzentrum für das digitale Handwerk an den Start. In vier bundesweit verteilten "Schaufenstern" werden Möglichkeiten der Digitalisierung im Handwerk - seien es 3D-Drucker oder Foto-Drohnen - demonstriert. Auf diesem Weg sollen Handwerksbetrieben die Vorzüge der Digitalisierung aufgezeigt und diese selbst zu Vorreitern ihrer Branche werden.

Keine Digitalisierung, keine Zukunft für Betriebe

"Betriebe, die sich dem Wandel durch die Digitalisierung verschließen, werden in fünf bis zehn Jahren nicht mehr erfolgreich auf dem Markt agieren können", sagte Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft in einer Videobotschaft aus Brüssel.

Auch Georg Schlagbauer, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft für Handwerksmessen und BHT-Präsident, betonte, dass das Handwerk die Digitalisierung von der Spitze aus mitgestalten muss. Um das zu gewährleisten, seien allerdings auch die richtigen Rahmenbedingungen nötig - wie die flächendeckende Versorgung mit Breitband - auch und gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen.

Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso Plattner Institut, erklärte, dass der Erfolg der Digitalisierung aber nicht nur vom technischen Fortschritt abhängt, sondern auch eine mentale Einstellung erfordert. Menschen müssen stärker lernen, vernetzt zu denken und weniger auf den eigenen als vielmehr auf den gesamtgesellschaftlichen Erfolg ausgerichtet sein.

Schulbildung muss sich Wandel stellen 

Das System der schulischen und beruflichen Ausbildung hat aus seiner Sicht noch erheblichen Nachholbedarf, die Lerninhalte nach den Erfordernissen der Digitalisierung auszurichten und den Schülern das vernetzte Denken mit auf den Weg zu geben. "Schüler werden für eine Welt von gestern trainiert", sagte Weinberg.

Dass die Digitalisierung bereits in der Ausbildung eine zentrale Rolle einnimmt, ist auch ein Anliegen von ZDH-Präsident Wollseifer. Das Handwerk steht hier vor einer großen Herausforderung. Sollte sich der Trend zur akademischen Ausbildung fortsetzen, gäbe es im Jahr 2030 rund eine Million weniger Fachkräfte, die dem Handwerk dann fehlen würden. Das könnte nicht nur viele Betriebe die Existenz kosten, sondern auch die Versorgungsdichte mit Handwerkerleistungen im ganzen Land gefährden - ein Problem für die Gesellschaft.

Neue Gründer und Berufsabitur 

Deshalb braucht das Handwerk in den nächsten zehn Jahren 200.000 neue Gründer. Gut ausgebildete Menschen sollen verstärkt für das Handwerk gewonnen werden. Dabei komme es aber auch auf einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft an, dass berufliche Bildung nicht weniger wert ist als eine akademische Laufbahn. "Der Mensch beginnt nicht beim Akademiker", so Wollseifer. Gefragt seien Hirn, Herz und Hand.

Wollseifer warb in diesem Zusammenhang auch bei den Ländern sich für das Berufsabitur einzusetzen. Zustimmung erhielt er von Horst Seehofer, der allerdings auch betonte, dass Bayern hier Unterstützung der anderen Länder braucht. "Die Kultusministerkonferenz ist jedoch eine Konferenz der besonderen Art", sagte Seehofer im Hinblick auf die Schwierigkeit, gemeinsame Lösungen der Länder in diesem Bereich zu finden.

ZDH-Präsident Wollseifer will zudem den Abwärtstrend bei den Ausbildungszahlen - der 2015 eingedämmt werden konnte - nachhaltig stoppen. EIn Baustein zur Fachkräftesicherung ist für das Handwerk die Ausbildung von Flüchtlingen, wo der ZDH ein gutes Karriereangebot aufbauen will.

Um Barrieren bei Sprache und Ausbildung zu überwinden, sollen in den nächsten zwei Jahren mindestens 10.000 Flüchtlinge in den Bildungsstätten des Handwerks vorqualifiziert werden. Rund 550 Bildungseinrichtungen stünden dafür zur Verfügung. Um aus Flüchtlingen Auszubildende zu machen, dürfe es aber auch nicht an Integrationsbereitschaft seitens der Flüchtlinge fehlen, mahnte Wollseifer.

 
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