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Fuhrparklogistik Direktanlieferung: Servicefahrzeuge über Nacht mit Material beladen

Über Nacht wird das Servicefahrzeug mit Material oder Geräten beladen – am Morgen ist alles bereit, um direkt zur Baustelle zu starten. Zukunft? Nein, Autobauer, Fahrzeugeinrichter und Materiallieferanten arbeiten schon an solchen Logistiksystemen.

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Wenn mitten in der Nacht fremde Menschen um die Lieferwagen des Dresdner Handwerksbetriebs HTS-Haustechnik herumschleichen und die Türen öffnen, macht sich Geschäftsführer Thomas Vogel keine Sorgen. Im Gegenteil: Er freut sich, dass seine Autos besonders leicht gefunden und geöffnet werden.
Er hat dafür sogar spezielle Sensoren an seinen Fahrzeugen anbringen lassen. Denn so können die fremden Personen die von HTS am Vortag bestellten Produkte nachts in den Lieferwagen laden – während Vogel und seine Mitarbeiter den Feierabend genießen.

Das Auto wird zur Schaltzentrale

Über Nacht wird das Fahrzeug mit Material oder Geräten beladen – am Morgen ist alles bereit, um direkt zur Baustelle zu starten. Dieser Service wird künftig zum Alltag von Handwerksbetrieben gehören. Autobauer, Fahrzeugeinrichter und Materiallieferanten arbeiten an solchen Logistiksystemen.
Möglich macht das bei der HTS-Haustechnik ein Service namens CarLoad, den die GC-Gruppe, ein Großhandelsverbund für Sanitär, Heizung, Klima, Elektro, Dachtechnik und Installation, entwickelt hat. „Früher mussten meine Mitarbeiter morgens früh ins Lager kommen, um die Materialien aufzuladen, die sie für ihre Kundentermine brauchen“, erklärt Thomas Vogel. „Nun können sie direkt in das beladene Fahrzeug einsteigen.“
Im Privatleben ist es längst spürbar: Autos verwandeln sich in eine mobile und digitale Schaltzentrale. Bereits heute haben fast 90 Prozent der neu verkauften Autos in Europa, China und den USA einen Internetzugang. Autohersteller, Großhändler und Werkzeughersteller arbeiten nun an Lösungen, um auch die Abläufe im Handwerk zu digitalisieren – vor allem in Sachen Logistik.
Einer der Pioniere für digitale Services im Handwerker-Fahrzeug ist die Bremer GC-Gruppe, CarLoad funktioniert so: Da GC im Fahrzeug einen Sensor angebracht hat, können die Lieferanten mithilfe einer speziellen App auf dem Smartphone den Stellplatz des Autos herausfinden. Um die bestellte Ware in das Fahrzeug zu laden, brauchen sie keinen eigenen Autoschlüssel: Die Lieferanten öffnen und verschließen das Auto dank der App.

Wertvolle Tipps vom Handwerker

Als die CarLoad-Entwickler im vergangenen Jahr einen Handwerker gesucht hatten, der ihr System testen würde, war die Idee, Thomas Vogel zu fragen, naheliegend. Der Chef von HTS Haustechnik digitalisiert seit Jahren die Arbeitsabläufe in seinem Betrieb. Er nutzt Software zur elektronischen Rechnungsstellung und hat sogar eine eigene Software für das digitale Management seines Unternehmens entwickeln lassen, die er mittlerweile bundesweit vertreibt. „Ich bin neuen digitalen Systemen gegenüber immer offen und nehme mir gerne Zeit, sie zu testen“, sagt Vogel. „Während der Pilotphase von CarLoad konnten wir den Entwicklern viele Tipps geben, wie sie das System optimieren können.“
Nun will die GC-Gruppe den Service sukzessive bundesweit ausrollen. „Wir sehen, dass CarLoad einen wichtigen Bedarf im Fachhandwerk abdeckt“, erklärt ein Sprecher der GC-Gruppe. „Das Thema Warenverfügbarkeit, also die Ware zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben, ist wichtiger denn je.“ Schließlich erreicht die Baukonjunktur einen Höchststand nach dem nächsten. Es gilt, die vielen Aufträge möglichst effizient abzuarbeiten. Der nächtliche Lieferservice kostet pro Monat und pro Fahrzeug 29,90 Euro.

Mehr Zeit für die Kunden

HTS-Geschäftsführer Vogel hat das System bereits auf weitere Autos in seiner Flotte ausgeweitet. Denn die Arbeit der CarLoad-Lieferanten spare wertvolle Zeit und damit Kosten. Auch die Mitarbeiter schätzen es, dass ihr Chef sie mithilfe des digitalen Services von der lästigen Aufgabe befreit, morgens den Lieferwagen zu beladen. „Wir haben nun mehr Zeit, um uns vor Ort um die Anliegen unserer Kunden zu kümmern“, sagt Vogel.
Im Schnitt brauchen Servicetechniker täglich 60 Minuten, um die richtigen Ersatzteile und Werkzeuge für ihre Aufträge im Betrieb abzuholen, ins Auto zu laden und nicht benötigtes Material zu entladen, berichtet Mercedes-Benz Vans. Die Transportersparte des Konzerns hat eine digitale Lösung für Servicetechniker entwickelt. Sie heißt In-Van Delivery & Return (IDR). Das Prinzip ist ähnlich wie bei CarLoad: Logisik-Dienstleister liefern Material über Nacht direkt in den Transporter des Technikers. Um das Fahrzeug zu orten und schlüssellos zu öffnen, setzen sie eine Smartphone-App, GPS und eine Bluetooth-Verbindung ein. Wer eine Lieferung retour schicken will, braucht nur einen Knopf im Auto zu drücken, erklärt Renate Reichenauer, Head of Service & Crafts Solutions bei Mercedes Benz Vans Future Transportation. Dann geht automatisch eine Meldung an den Logistik-Dienstleister, der das Werkzeug, Ersatzteil oder Material wieder abholt.
Das Angebot lohnt sich für Betriebe mit größerer Fahrzeugflotte. „Momentan profitieren Servicetechniker überregional arbeitender Unternehmen von unserer Lösung am meisten“, sagt Reichenauer. „Aktuell entwickeln wir das System gemeinsam mit unseren ersten Kunden und deren Servicetechnikern jeden Tag weiter“, so Reichenauer. „In der Zukunft werden wir das Angebot auf kleine Unternehmen ausweiten.“

Gerätereparaturen organisieren

Auch Unternehmen anderer Branchen arbeiten an digitalen Logistiklösungen, von denen Handwerker profitieren können. Zum Beispiel hat der Bautechnologie-Konzern Hilti eine App entwickelt, mit der Handwerker die Reparatur defekter Hilti-Geräte organisieren können: Mit ein paar Klicks auf dem Smartphone beauftragen sie das Unternehmen, das das entsprechende Werkzeug auf der Baustelle abholt – und auf Wunsch gleich ein Ersatzgerät für die Zeit der Reparatur mitbringt. „Wenn wir Prozesse automatisieren, können unsere Kunden Kosten sparen“, sagt Michael Wicht, Head of Solution Marketing Central Europe, Hilti Deutschland AG. „Für die Zukunft ist es vorstellbar, dass sich Werkzeuge automatisch bei uns melden, wenn eine Reparatur nötig ist. Oder, dass der Nachschub an Materialien auf Baustellen automatisch abläuft.“

Mitdenkende Regale

Der Werkzeug-Handelskonzern Würth hat ein System zum automatischen Auffüllen von Baustellenbedarf entwickelt. Es ist ein Regal, das mitdenkt: Mithilfe von Sensoren kann das Regal den Bestand an Kleinteilen wie Schrauben erfassen, auswerten – und je nach Ergebnis per Internet fehlendes Material nachbestellen. Bisher kommen die intelligenten Regale in Werkstätten, Handwerks- und Reparaturbetrieben zum Einsatz. Es bestehen bereits Überlegungen, das System in Fahrzeuge zu integrieren. Denn das Fahrzeug nimmt als mobile Plattform im Arbeitsalltag eine wichtige Rolle ein.
Auch Fahrzeugeinrichter Sortimo kümmert sich um die digitale Aufrüstung von Nutzfahrzeugen. Das Unternehmen aus dem bayrischen Zusmarshausen hat zum Beispiel bei dem von Volkswagen auf der letzten Nutzfahrzeug-IAA als Studie vorgestellten I.D. Buzz Cargo, einem Elektro-Transporter, das elektrifizierte Regalsystem geliefert. Hierbei lassen sich die Regalinhalte auch aus der Ferne abrufen. Da sie mit dem Auftrags- und Bestellsystem des Nutzers vernetzt sind, können fehlende Artikel automatisch geliefert werden. „Vernetztes Denken und Handeln ist unerlässlich, um konkrete Produkte mit digitalen Services zu verknüpfen“, sagt Dominik Lechner, Consultant Business und Innovation, Sortimo Services & Technology GmbH.

Systeme müssen kompatibel sein

Umfassende Lösungen für digitale Logistiksysteme bergen dabei auch Herausforderungen. Allem voran die Systemkompatibilität: Die neuen Software-Lösungen der Anbieter müssen zum bestehenden Computersystem der Handwerksunternehmen passen. Dafür können Anbieter in ihrer Software sogenannte Schnittstellen schaffen, an die Handwerker ihre Systeme andocken können. Das vereinfacht den Datenaustausch zwischen den bestehenden und neuen Angeboten.
Das führt zur Frage: Welcher Anbieter richtet welche Schnittstellen ein? „Wenn jeder Anbieter seine eigenen Schnittstellen einrichtet, fällt es Handwerkern schwer, ein System zu nutzen, in dem alle für sie wichtigen Software-Angebote miteinander verknüpft sind“, sagt Christoph Krause vom Kompetenzzentrum Digitales Handwerk in Koblenz. „Eine offene Schnittstelle oder Cloud-Software, an die jeder Betrieb sein System andocken und entscheiden kann, wie viele Daten und Prozesse er integrieren will, wäre für das Handwerk von Vorteil.“
Doch selbst wenn es eine offene Schnittstelle für alle Service-Anbieter rund ums Baustellenfahrzeug gibt, ist damit noch nicht gewährleistet, dass sich die Angebote einzelner Autobauer auch bei anderen Marken erfüllen lassen, erklärt der Digitalisierungsexperte Krause. Wer den Service einer Über-Nacht-Lieferung von Mercedes nutzt, wird diesen wohl kaum nutzen können, wenn er auf ein Modell von Volkswagen oder Ford umsteigen will.

Auch Drohnen sind denkbar

Welche digitalen Leistungen rund ums Auto sich künftig etablieren, hängt auch davon ab, wer den Zugang zu Kundendaten hat. „Wer jetzt schon wie die GC-Gruppe über viele Produkt- und Kundendaten verfügt, hat es leichter, digitale Systeme bei Kunden zu etablieren“, sagt Krause. Von der Über-Nacht-Lieferung bis hin zu Ad-hoc-Lieferungen am Tag ins Fahrzeug, möglicherweise auch per Drohne – vieles sei denkbar. Nur: All das bleibt digitales Wunschdenken, solange Handwerker nicht selbst anfangen, auf digitale Prozesse zu setzen. Eine IT-Plattform im eigenen Betrieb einzurichten, an der die verschiedenen digitalen Services von Lieferanten automatisiert andocken können, das kann länger als ein Jahr dauern. „Wenn ich im Betrieb schon eine solche Plattform errichtet habe, kann ich neue digitale Lösungen einfach hinzufügen“, sagt Krause.
Auch wenn die digitalen Services von Händlern, Lieferanten und Autoherstellern noch nicht ganz ausgereift sind, kann es sich also lohnen, jetzt in den Ausbau der eigenen digitalen Infrastruktur im Betrieb zu investieren – und den Betrieb so fit zu machen für die Liefermodelle der Zukunft.

Zeitplan: So kann ein nächtlicher Lieferservice ablaufen

Das Prinzip für eine Direktanlieferung von Material, Werkzeug oder anderem ins Servicefahrzeug ist einfach erklärt: Im Fahrzeug muss einen Sensor angebracht sein, damit die Lieferanten mithilfe einer speziellen App auf dem Smartphone den Stellplatz des Autos herausfinden. Die App ermöglicht auch das Öffnen und Schließen des Fahrzeugs. Unterschiedliche Möglichkeiten gibt es, das benötigte Material zu bestellen. Hier ein Beispiel für einen Zeitplan:


19.00 Uhr:
Ein Mitarbeiter eines Handwerksbetriebs bestellt beim Anbieter Baumaterial und wählt dabei die Lieferoption „über Nacht“.
20.00 Uhr:
Die Bestellung ist in der Zentrale des Werkzeughändlers eingegangen. Ein Mitarbeiter bearbeitet den Auftrag und leitet ihn an die Logistik weiter.
22.00 Uhr:
Ein Lagerist in der Zentrale des Fachhändlers holt die bestellten Materialien aus den Regalen. Er stellt alles auf einer Palette zusammen.
0.00 Uhr:
Ein Lieferant lädt die Palette in seinen Lieferwagen und ortet per App und GPS das Fahrzeug des Handwerkbetriebs, das er beladen soll.
2.00 Uhr:
Der Lieferant hat den Transporter gefunden und öffnet ihn per App. Er lädt die neue Ware, nimmt Retouren mit und verschließt den Wagen wieder.
6.00 Uhr:
Der Mitarbeiter des Betriebs, der das Fahrzeug nutzt, steigt ein und fährt ohne Umweg über das betriebseigene Materiallager zur Baustelle.

Projektübersicht: Was Autohersteller und Ausstatter planen

Es gibt konkrete Projekte, wie das von CarLoad, aber es gibt auch noch ein großes Experimentierfeld bei der Direktbelieferung von Servicefahrzeugen. Auch Konzerne wie Würth, Hilti oder Bosch sind in diesem Bereich aktiv, hier wird sich in der nächsten Zukunft noch einiges entwickeln.

Anbieter Projekt Beschreibung Für wen geeignet? Terminplan  
GC Gruppe, in Zusammenarbeit mit der Telekom-Tochter T-Systems und Mov’InBlue, einer Kooperation der Unternehmens-beratung Capgemini und dem Automobil-Zulieferer Valeo. CarLoad Über-Nacht-Lieferung von Materialien direkt ins Monteurfahrzeug. Dank eines Sensors im Auto und einer App auf dem Smartphone können Lieferanten nachts das Monteurfahrzeug orten, öffnen, beladen und wieder verschließen.   Fachhandwerksbetriebe jeder Größe. Aktuell wird der Service bundesweit sukzessive ausgerollt; monatliche Pauschale von 29,90 Euro pro Fahrzeug.
Mercedes-Benz In-Van Delivery & Return (IDR)             Mithilfe einer Smartphone-App, GPS und einer  Bluetooth-Verbindung liefern Logistik-Dienstleister bestellte Materialien über Nacht direkt in den Transporter. Dabei sammeln sie auch Retouren ein. Größere Betriebe mit eigener Fahrzeug-flotte, z. B. Servicetechniker überregional arbeitender Unternehmen.       Service ist marktreif, aber Konditionen und Marktstart sind noch unklar.          
  Vans & Drones Die Kombination aus Transporter und Drohne soll es ermöglichen, eilige Lieferungen schnell und mit einer kurzen Vorlaufzeit zu erfüllen. Es gab einen Test – dieser geschah aber im Bereich Paketlieferung. Es ist unklar, inwieweit sich der Service wirklich in Zukunft aufs Handwerk ausweiten lässt
Sortimo I.D. Buzz Cargo, in Zusammenarbeit mit Volkswagen     . Auf der IAA 2018 hat VW den I.D. BUZZ CARGO, einen Elektro-Transporter, vorgestellt. Sortimo hat für das Fahrzeug eine intelligente Einrichtung entwickelt. Das elektrifizierte Regalsystem meldet Bestandsdaten, automatisch. Da das Regalsystem mit dem Auftrags- und Bestellsystem des Nutzers vernetzt ist, können fehlende Artikel automatisch geliefert werden.   keine Angaben keine Angaben

 

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