Kongress "Building Information Modeling 2019" BIM: „Niemand trifft eine Entscheidung allein“

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Birgit Gebhardt ist Trendexpertin und eine gefragte Referentin im Bereich der Trend- und Zukunftsforschung. Die Autorin des Buches „2037 – Unser Alltag in der Zukunft“ spricht auf dem vierten BIM-Kongress zum Thema „Aufbruch in die vernetzte Arbeitswelt“ und sagt: BIM bietet die Vernetzung, die wir dringend benötigen.

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Birgit Gebhardt ist Trendexpertin und Referentin im Bereich der Trend- und Zukunftsforschung – © Anne Michel
Frau Gebhardt, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem vernetzten Arbeiten. Was fasziniert Sie an BIM?

Das Building Information Modeling (BIM) ermöglicht eine datengestützte Zusammenarbeit bei komplexen Konstruktionsaufgaben. in jeder Linie eines BIM-Modells sind alle Informationen zu Bauteil, Beschaffenheit, Einbauanforderung bis hin zur Bewirtschaftung hinterlegt. Sofern der Datensatz mit der Planung, Ausführung- und Bewirtschaftung übereinstimmt, lassen sich alle Informationen aus dem BIM-Modell ziehen und involvieren auch alle Beteiligten in dieselbe Sache, verweisen auf Einflussnahmen und machen Handlungskonsequenzen sichtbar.

BIM soll die Prozesse nicht nur innerhalb eines Unternehmens optimieren, sondern über alle an einem Bau beteiligten Unternehmen und Mitarbeiter hinweg. Nimmt das den Beteiligten die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen?

Nein, im Gegenteil, es hat eher direkte Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gewerke. Es kann heute sowieso niemand mehr bei einem Bauprojekt eine Entscheidung allein treffen. Selbst Bauherren-Entscheidungen führen immer Konsequenzen mit sich, die abgestimmt werden müssen. Am virtuellen BIM-Modell können sämtliche Einflüsse und Abläufe verständlich und transparent gemacht werden. Anstelle einer schrittweisen Bearbeitung und Weiterreichung durch die einzelnen Gewerke lassen sich Änderungen direkt mit allen erforderlichen Stakeholdern besprechen und Konsequenzen hinsichtlich Mehraufwand und Kosten sofort darstellen.

In der Industrie 4.0 führt die Digitalisierung dazu, dass viele Herstellungsprozesse schon vollkommen automatisiert ablaufen. Werden durch BIM auch in der Baubranche bald Bauroboter und nicht mehr Menschen den Bau ausführen?

Es gibt bereits sehr unterschiedlich operierende Bauroboter. In Dubai will man 2030 ein Viertel der neuen Betonbauten von Robotern drucken lassen. Bei Großprojekten in den USA bohren Roboter Löcher in die Betondecken. Die ETH entwickelt 3D-Drucker, die mehrfach gekrümmte Schalenbauteile herstellen, die als versteifende Fertigbauteile eingesetzt werden können. Und für das Metallgehäuse des neuen Robot Science Museums in Seoul werden Roboter die gekrümmten Metallplatten der Fassade formen, montieren, schweißen und polieren. Menschen wird es dennoch weiterhin am Bau geben. Zum einen für taktile Arbeiten, zum anderen für komplexere Qualifikationen.

In Vorträgen haben Sie Bauernhöfe beschrieben, auf denen prinzipiell Erntemaschinen autonom die Ernte einfahren könnten. Sind andere Bereiche beim Thema vernetztes Arbeiten schon viel weiter als das Bauhandwerk?

Ja, bei der Felderbewirtschaftung im Agrarsektor ließe sich derzeit wohl am meisten automatisieren. Wetterdaten via Satellit ermitteln die Fruchtreife, Tausensoren öffnen Scheunentore, Erntemaschinen könnten auf dem eigenen Terrain vollautomatisch Strecke machen, Sensoren und Kameras überwachen und dokumentieren. Stakeholder sind hier neben dem Landwirt der Maschinen-Leasingpartner, der Saatguthersteller, die Softwarelizenzgeber, Interessenverbände, sowie der Staat als Subventionsgeber. Das sind im Vergleich zum Bau relativ wenige Beteiligte. Umso bedeutender wird eine Software, die abbildet und dokumentiert, wer für was verantwortlich ist.

Wagen Sie bitte als Zukunftsforscherin einmal eine Prognose: Wie lange dauert es noch, bis die Anwendung von BIM selbstverständlich geworden ist?

2017 habe ich in Stanford (bei Prof. Martin Fischer) und in Berkeley (bei Prof. Glenn Balard) Studenten besucht, die ganz selbstverständlich mit BIM arbeiten. Auch in den großen angelsächsischen Architekturbüros setzt sich BIM mehr und mehr durch. Hier würde ich sagen: 5 Jahre. Bei kleineren Bauaufgaben scheint der Aufwand noch unverhältnismäßig groß. Bei größeren Projekten erschwert der Datenim- und export zu den jeweils angesteuerten Bauteilen die Handlichkeit. Es gibt noch unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit eine offene Software am Ende flexibel und so wirkungsvoll wie die derzeitige Lizenzsoftware von Autodesk sein kann. Daran schließt sich auch die Frage, ob die Daten nicht eher den Planern als Autodesk gehören sollten. Unter dem Aspekt evaluieren und entwickeln wir vielleicht noch 8 Jahre, bis sich ein Standard durchgesetzt hat.

Für die Frage der Bewirtschaftung und des Facility Managemnts wird BIM erst relevant, wenn das Gebäude auch wirklich so konstruiert und in allen Schritten so verändert wurde, wie es das BIM-Modell beschreibt bzw. dokumentiert hat. Sonst rechnet man aneinander vorbei. Diese dokumentierte Baugenauigkeit zur Bewirtschaftungsamortisierung dürfte nicht vor 10 Jahren erreicht sein.

Frau Gebhardt, vielen Dank für das Gespräch.

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  • Birgit Gebhardt ist Trendexpertin, Referentin im Bereich der Trend- und Zukunftsforschung und Autorin des Buches „2037 – Unser Alltag in der Zukunft“ . Als Geschäftsführerin des Trendbüros verantwortete sie fünf Jahre lang das branchenübergreifende Projektgeschäft des Beratungsunternehmens, dem sie von 2001 bis 2012 angehörte.
    Seit 2012 erforscht sie neue Modelle des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens und berät Kunden wie Beiersdorf, Recaro, Swisscom, UBS oder XING auf dem Weg in die „New Work Order“
    ( www.New-Work-Order.net ). Von 2012-2015 war sie Mitglied der Expertenkommission der Bertelsmann-Stiftung mit dem Fokus „Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland“ Sie engagiert sich heute im Münchner Kreis in der BMWi-Arbeitsgruppe „Future of Work“, ist Jurymitglied im XING Ideenlabor zum New Work Award, sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der „Stiftung Zukunft.li“ in Vaduz. Auf dem vierten BIM-Kongress spricht sie zum Thema „Aufbruch in die vernetzte Arbeitswelt“.
    www.birgit-gebhardt.com
  • 4. Münchner BIM-Kongress – Das jährliche Forum für Planer, Bauherren und Bauunternehmer. 25. Juni 2019, Oskar-von-Miller Forum, München
    https://bimkongressmuc.de

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