Betrieb -

Mit reinem Gewissen einkaufen

Nachhaltigkeit - Kinderarbeit, ökologischer Raubbau oder Mitarbeiter-Ausbeutung sind beim Verbraucher verpönt. Der Kunde will Anbieter, denen er ohne Vorbehalte vertrauen kann. Wie Unternehmer das schaffen.

Ohne Gold ist sein Job nicht zu machen. Und doch war es gerade der glänzende Rohstoff, der ihm die Freude an seiner Arbeit trübte: „Als ich während der Ausbildung mitbekam, unter welchen Bedingungen das von uns verwendete Material gewonnen wird, hatte ich ernsthaft überlegt, den Beruf aufzugeben“, erklärt Goldschmied Thomas Becker in Hamburg.

Doch die Leidenschaft für seine Arbeit siegte. Becker machte sich selbständig und suchte nach Gold, das nicht unter Einsatz giftiger Chemikalien und Kinderarbeit gewonnen wird. Acht Jahre hat er gebraucht, um die gesamte Lieferkette nachweisbar umzustellen.

Heute kann der Spezialist für Trauringe seinen Kunden den „schönsten Tag des Jahres“ mit reinem Gewissen vergolden: Sein handgefertigter Schmuck wird ausschließlich aus fair gehandeltem Waschgold der argentinischen Kooperative „Ecoandia“ oder aus 100-prozentigem Recyclinggold gefertigt. „Es war ein langer Weg, doch er hat sich gelohnt“, blickt Becker stolz zurück.

Fairness und Moral gefragt

Für sein Engagement wurde der Unternehmer mehrfach ausgezeichnet, die Kunden kommen inzwischen aus ganz Deutschland in die Hansestadt. Dass sie bei Becker für einen Waschgold­ring 3,4 Prozent mehr bezahlen müssen als für einen herkömmlichen Goldring, spiele für die Kunden keine Rolle: „Das ist ihnen das reine Gewissen schließlich wert.“

Wie sehr der Hamburger Goldschmied mit seinem Engagement den Nerv der Kunden trifft, bestätigt eine Studie der Nürnberger „Gesellschaft für Konsumforschung“ (GfK). „Die Verbraucher haben gelernt, dass blindes Vertrauen falsch ist, deshalb suchen sie glaubwürdige Anbieter“, erklärt GfK-Experte Wolfgang Twardawa.

Wer Zweifel an seinem Image aufkommen lässt, werde von den Konsumenten sofort abgestraft. Nicht zuletzt wegen der Diskussion um die unfaire Behandlung der Mitarbeiter habe Schlecker über zehn Prozent Umsatz verloren: „Soziale Gerechtigkeit, Fairness und Moral stehen auf der Werteskala der Verbraucher inzwischen ganz oben.“

Dass vor allem das Handwerk hervorragende Chancen hat, das Thema Nachhaltigkeit in der gesamten Wertschöpfungskette umzusetzen, zeigt das Beispiel von Goldschmied Becker. In seinem Atelier arbeitet er ausschließlich mit Zitronensäure, legt großen Wert auf eine energieeffiziente Beleuchtung und ein für alle Mitarbeiter gesundes Betriebsklima.

Außerhalb des Unternehmens engagiert er sich für die Weiterentwicklung seines Stadtteils und das soziale Miteinander: „Im Kleinbetrieb spüren das Umfeld und die Kunden genau, ob der Unternehmer seine Philosophie auch wirklich lebt, da kann man sich nicht hinter Labels verstecken.“

Was der Goldschmied anspricht, wird in der Ökoszene mit dem Begriff „Greenwashing“ beschrieben. Dabei versuchen Hersteller, sich mit werbewirksamen Initiativen einen grünen Anstrich zu verpassen. „Unternehmen wollen damit ihr Kerngeschäft sauberwaschen“, kritisiert Ulrich Müller von Lobby-Control. Denn trotz vieler Skandale sei Nachhaltigkeit in vielen Betrieben noch immer kein Thema.

Vorteile im Wettbewerb

Wie recht er damit hat, zeigt eine Studie von Kerkhoff Consulting in Düsseldorf im produzierenden Gewerbe. Danach spielen ökologische Standards für 41 Prozent der Einkäufer keine Rolle, für 25 Prozent sind auch soziale Standards kein Thema. Das Ergebnis verblüfft, da jeder dritte Befragte angab, dass die Einhaltung der Standards zu Vorteilen im Wettbewerb geführt hat.

Doch diese scheinen die Unternehmen weitaus weniger zu interessieren als der Druck vom Gesetzgeber und den Kunden (siehe Chart Seite 31): „Der Trend zu nachhaltigen Produkten wird bald auch Unternehmen betreffen, die heute noch gar nicht daran denken“, prognostiziert Jens Hornstein, Leiter des Kompetenzteams Nachhaltigkeit bei Kerkhoff Consulting (siehe Interview).


Herwig Danzer, Geschäftsführer „Der Möbelmacher“ im fränkischen Unterkrumbach, hat sich das nachhaltige Wirtschaften schon vor über zehn Jahren zertifizieren lassen. Kern seines Konzepts ist die nahezu ausschließliche Verwendung heimischer Hölzer (siehe Bildleiste links), die Firmengebäude erfüllen Niedrigenergiestandard, und sogar die ausgeschenkten Getränke sind bio- zertifiziert.

Wichtiger als Prüfsiegel sind nach seiner Erfahrung jedoch Transparenz und Glaubwürdigkeit. Im Nachhaltigkeitsblog informiert Danzer deshalb laufend über das Betriebsgeschehen, eine Bilderserie dokumentiert, wie das Holz aus der Region zum Möbelstück wird (siehe links): „Der Kunde“, weiß Danzer, „muss einfach ein gutes Gefühl haben, wenn er bei uns kauft.“

kerstin.meier@handwerk-magazin.de

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